Kronen Zeitung Abschied von einem Mythos
Kommunikationswissenschafter Fritz Hausjell über das Erbe von Hans Dichand und die Zukunft der größten Zeitung des Landes
© außerirdische sind gesund/flickr

Fritz Hausjell: »Das Konzept dieser Zeitung ist der Ausdruck der heuchlerischen Moral eines durchschnittlichen Spießers«
DIE ZEIT: Schaut auch ein Publizistikprofessor täglich in die Krone?
Fritz Hausjell: Ich hüte mich davor, die Zeitung jeden Tag zu lesen. Einmal in der Woche lese ich alle Ausgaben quer. Das ist eine Art Psychohygiene. Täglich wäre mir die Lektüre zu bedrohlich.
ZEIT: Angenommen, ein durchschnittlich intelligenter Mensch liest seit Jahren täglich ausschließlich die Kronen Zeitung . Welches Bild von Österreich hätte dieser Leser?
Hausjell: Ein Bild, das weit hinter dem zurückliegt, was heute das Geschichtsbild dieses Landes ausmacht. Er hat einiges über die Wehrmachtsgeneration erfahren und ein beschönigendes Bild vom Zweiten Weltkrieg. Über den Holocaust hat er wenig erfahren, gar nichts über die Vertreibung der österreichischen Intelligenz. Er nimmt ein Österreich wahr, das nur in einzelnen Bereichen von Diversität gekennzeichnet ist. Die Zuwanderung ist nur negativ besetzt. Dafür hat er Familienfesttage, ob Ostern oder Weihnachten, als idyllische Inszenierung wahrgenommen. Es wurde ein klinisch reines Bild gezeichnet, das nicht einer heterogenen Gesellschaft entspricht.
ZEIT: Wie sieht das Leben aus in diesem Kronen Zeitungs- Land?
Hausjell: Positive Nachrichten gibt es kaum. Es ist ein Land, das immer wieder von Bedrohungen heimgesucht wird. Darauf wird mit der Forderung nach einer strengen Law-and-Order-Politik reagiert. Polizei und Innenministerin sind positiv besetzt. Wenn die Exekutive problematische Praktiken anwendet, wird ihr Vorgehen grundsätzlich verteidigt. Die Kommentare stellen sich auf die Seite der Polizei, etwa mit der lakonischen Feststellung, dass jemand, der alt genug zum Einbrechen ist, auch alt genug ist, um zu sterben. Diese Angstszenarien sind natürlich auch kalkulierte Bilder, weil gleich mitkommuniziert wird, dass die bedrohte Spezies, also der Leser, in der großen Krone- Familie geschützt wird. Das Kronen Zeitungs- Land ist also eine permanent bedrohte Spießeridylle mit all ihren Widersprüchen: Wenn der Kardinal in der Sonntagsausgabe als Kolumnist schreibt, verschwindet im Hauptteil das barbusige Pin-up, besucht der Papst das Land, verzichtet man im Anzeigenteil auf die Prostituierten-Inserate. Das ist Ausdruck der heuchlerischen Moral eines durchschnittlichen Spießers.
ZEIT: Wenn Sie einem Menschen, der mit der österreichischen Medienlandschaft nicht vertraut ist, kurz beschreiben müssten, was den Erfolg der Kronen Zeitung ausmacht, was würden Sie ihm erzählen?
Hausjell: Das wesentliche Erfolgsmerkmal der Krone ist, dass es Hans Dichand gelang, in der Medienlandschaft mithilfe geschickter Vernetzungen eine Hegemonie zu schaffen. Die Krone und ihre Freunde, sozusagen. Da sind zum einen die Partnerschaften mit anderen großen Playern der sogenannten Mediamil-Gruppe zu nennen, in der die Kronen Zeitung über die von ihr beherrschte Mediaprint mit dem News-Verlag verflochten ist. Zum anderen gibt es ein Nahverhältnis zum ORF, das vor allem daher kommt, dass viele ORF-Journalisten Krone -Gewächse sind und umgekehrt. Ein wichtigerer Punkt ist natürlich auch, dass Dichand konsequent Beziehungen zur Politik gesucht hat. Da ging es um die Sicherung der eigenen Pfründe, aber auch darum, einen Mythos zu pflegen: den vom politischen Machtfaktor.
ZEIT: Ein Mythos, dem sich die Politik in vorauseilendem Gehorsam untergeordnet hat?
Hausjell: Sehr oft zumindest. Keinen der Politiker und Politikerinnen, gegen die Kampagnen geführt wurden, sei es Erhard Busek, Caspar Einem, Rudolf Scholten oder Ursula Plassnik, hat die Krone »zurückgetreten«. Sie alle wurden von den Parteigremien aussortiert, weil diese Leute sich nicht auf der politischen Linie von Hans Dichand befanden. Wenn die jeweilige Partei – wie etwa im Fall der ehemaligen Frauenministerin Johanna Dohnal oder des Justizministers Christian Broda – hinter den Verfemten stand, konnte ihnen selbst die Krone nichts anhaben.
ZEIT: Von Hans Dichand stammt der Satz: »Jedes Land hat die Zeitung, die es verdient.« Wie hat er das wohl gemeint?
Hausjell: In erster Linie hat vor allem Dichand sehr gut an seiner Zeitung verdient. Tatsächlich aber hat die österreichische Medienpolitik jene Zeitung bekommen, die sie verdient hat. Schließlich hat sie ab den siebziger Jahren keine Antwort auf die Konzentrationsprozesse gefunden. Die regierende Sozialdemokratie verließ sich darauf, dass das Geschick Bruno Kreiskys im Umgang mit den Medien eine strukturierte Medienpolitik nicht notwendig machen würde. Das ist der SPÖ später auf den Kopf gefallen, als der Boulevard in Jörg Haider einen anderen politischen Freund fand.
ZEIT: Charakteristisch für die Blattlinie war es ja, nicht neue Themen zu setzen, sondern bereits vorhandene zu verstärken.
Hausjell: Die Krone unter Hans Dichand hat immer versucht, die Deutungshoheit zu erlangen. Dabei hat er sich sehr flexibel bei inhaltlichen Positionierungen gezeigt. Die Blattlinie war die Aneinanderreihung unterschiedlicher Blattlinien. Gleichzeitig wurden aber auch Themen, die einen Großteil der Bevölkerung beschäftigten, nahezu ausgeblendet. Frei nach dem Motto: Was bei uns nicht vorkommt, hat euch auch nicht zu interessieren. Aktuelles Beispiel ist der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche. Da ist die Kronen Zeitung quasi nicht präsent, obwohl sie es sich nicht leisten kann, ein so großes Thema zu ignorieren. Vor allem weil das Blatt für sich beansprucht, eine moralische Instanz zu sein.
- Datum 23.06.2010 - 16:38 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.06.2010 Nr. 26
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aus dem windschatten des hans dichand heraus beschleunigt zunehmend christian konrad in richtung medienkonzentration. dabei scheint dieser " general " anwalt des raiffeisenkonzerns und mitbeteiligter bei ´kurier ´ ´news - verlagsgruppe ´etc. noch um einiges besser in wirtschaft, fernsehen und politik machtvollst und äußerst einflußreich vernetzt, sprich verhabert, zu sein, als dies dichand jemals war. daraus ergeben sich wiederum ganz andere konzentrations - und manipulationsgefahren. herr hausjell hat fast in allem recht. lediglich seinen optimimismus, dass sich blattlinie- und ausrichtung der ´krone ´ in bälde ändern könnten, teile ich nicht . ich gehe da eher von bis zu 15-20 jahren aus als von 2-5. das ist halt leider das allgemeine österreichische inkonsequenz-,trägheits- und langsamkeitsniveau, auf welches uns, nicht nur aber auch, leute wie dichand gebracht haben. wir selbst als mehrfache eltern haben stets unsere kinder auf diese gesellschaftlichen virengefahren aufmerksam gemacht und tun das noch immer, auch wenn sie schon erwachsen sind, mit der zuversicht, dass sie rascher, mehr und konsequenter gegen all diese medialen vergewaltigungs-und verdummungsversuche kämpfen werden.zu unser aller gemeinwohl.
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