Boulevardpresse Was kommt nach Dichand?
Der Zeitungszar Hans Dichand starb im Zenit seiner Macht. Er hinterließ ein geordnetes Reich. Doch der Einfluss seines Boulevardriesen »Kronen Zeitung« wird langsam erodieren
Es war eine Informationsreise, wie sie zu den Annehmlichkeiten des Berufsstandes zählt. Eine Journalistendelegation aus Österreich auf Erkundungstour in China. Thema: Korruptionsbekämpfung im Reich der Mitte. Mit dabei in der Reisegruppe: Claus Pándi, Ehemann der Pressesprecherin von Bundeskanzler Werner Faymann, Redakteur der marktbeherrschenden Kronen Zeitung, häufig in besonderer Verwendung des Herausgebers Hans Dichand im Einsatz und gern gesehener Gast bei den Beratungen des Führungsgremiums der Sozialdemokratischen Partei. »Zimmerküchenkabinettspropagandist« nennen ihn deshalb manche seiner Kollegen.
Zur gleichen Zeit erwog in Wien die SPÖ nach einer herben Schlappe bei den Wahlen zum Europaparlament eine Personalrochade, in deren Verlauf die glücklose Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas in das Amt einer Staatssekretärin für Integration weggelobt werden sollte. Wie würden die Meinungsmacher der Nation auf dieses Avancement reagieren, besorgte sich die rote Führungsspitze.
Nördlich von Peking inspizierten die Journalisten aus Österreich gerade die Große Mauer, den gewaltigen Nordwestwall der Ming-Dynastie, da schlug das Mobiltelefon von Krone- Reporter Pándi an. Am anderen Ende der Satellitenverbindung habe sich der Bundeskanzler aus Wien befunden, berichteten erstaunte Ohrenzeugen des außergewöhnlichen Gesprächs. Werner Faymann benötigte dringend Rat: Wie wohl sein publizistischer Mentor Dichand den geplanten Rollenwechsel der roten Nachwuchshoffnung bewerten werde, wollte der Kanzler wissen. Pándi habe nicht lange nachdenken müssen: Das wäre gar nicht nach dem Geschmack des alten Herren. Laura Rudas blieb, wo sie war, in der Parteizentrale.
Die Entscheidungsträger tanzen nach der Pfeife eines Schattenregenten
Hans Dichand, damals 88 Jahre alt, und seine Kronen Zeitung waren am Zenit ihrer Macht angelangt. Innerhalb von fünf Jahrzehnten hatte er das von ihm wiederbelebte, kleine Revolverblatt (Auflage 1959: 22.000 Exemplare) zum unangefochtenen Marktführer ausgebaut. Zwar war in den vergangenen fünf Jahren die Reichweite um 4,5 Prozent auf zuletzt 40,4 Prozent und 2,85 Millionen Leser geschrumpft (Mediaanalyse 2009), doch weiterhin vereinigte die Krone eine größere Leserschaft als die fünf nachgereihten Tageszeitungen gemeinsam. Allein auf dem Wiener Markt war ihr mit der Gratiszeitung heute ein ernst zu nehmender Konkurrent erwachsen (da trennen die Rivalen lediglich 2,4 Prozent). Allerdings befindet sich die flotte Gazette mit undurchsichtiger Eigentümerstruktur im Einflussbereich der Familie und wird von der Schwiegertochter des Patriarchen, Eva Dichand, geführt. Diese einzigartige Konzentration wird in Europa nur von dem kleinen Tagblatt Vaterland in Liechtenstein übertroffen.
Mit seiner stetig wachsenden Meinungsmacht hatte Dichand Kampagne um Kampagne initiiert. Er hatte seine Barrikadenjournalisten politische Karrieren vernichten lassen (unter anderem jene des ehemaligen Vizekanzlers und ÖVP-Obmanns Erhard Busek oder der früheren Chefin des Liberalen Forums, Heide Schmidt) und hatte seinen Günstlingen zu Ämtern und Wahlerfolgen verholfen (unter anderem Jörg Haider oder dem erratischen Europa-Abgeordneten Hans-Peter Martin). Er hatte mit dem Trommelfeuer aus der Dicken Bertha der Boulevardpresse das Meinungsklima im Land nachhaltig vergiftet, hatte mit wütenden Schlagzeilen gegen Kraftwerksbauten, Kulturveranstaltungen, Genmanipulation, Zuwanderung, Asylwerber, Regierungskoalitionen, EU-Verträge oder ganz allgemein gegen die »Humanitätsdilettanten« mit durchaus wechselndem Erfolg vom Leder gezogen, doch dass sich nun ein Regierungschef eine Personalentscheidung von einem Redakteur seines Blattes absegnen lassen möchte, noch bevor er sein Kabinett umbildet, muss wohl selbst für einen Hans Dichand eine neue Erfahrung gewesen sein. Nicht nur Kabarettisten sahen in dem zunehmend starrsinnigen Zeitungszaren einen Schattenregenten, der die Entscheidungsträger nach seiner Pfeife tanzen lässt.
»Ein Vater jedem Mitarbeiter, ein Vater für das ganze Land«
Zuletzt noch nötigte er der Freiheitlichen Partei eine Präsidentschaftskandidatin seiner Wahl auf, die mutige Mutter Barbara Rosenkranz, die ähnlich irrational gegen die verhassten Institutionen der Europäischen Union fauchte wie er selbst. Nach einer grotesken Debatte um ihre Position zu dem NS-Wiederbetätigungsgesetz blieb die Kronen Zeitungs -Kandidatin weit hinter den Erwartungen zurück, was erneut die Grenzen der Durchsetzungskraft von Hans Dichand aufzeigte.
Den unleugbaren Erfolg seines tonangebenden Milliardenunternehmens verdankte Hans Dichand nicht in erster Linie seiner journalistischen Nase, mit der er noch die kleinste Ausdünstung der Volksmeinung zu wittern in der Lage gewesen wäre, sondern seinem Geschick, mit dem er die Abhängigkeit, in die sich andere immer wieder begeben hatten, zu seinen Gunsten zu nutzen wusste. Er war ein Citizen Kane aus der Provinz. Ein meist freundlicher Herr, der sich in der Rolle des Hundestreichlers gefiel und zuweilen sein Talent zum Meinungsdespoten aufblitzen ließ. Er teilte wohl die meisten Ressentiments, die in Österreich zum Umgangston gehören. So fanden auch die »rassistischen und antisemitischen Töne« einen Weg in sein Blatt, die der Journalist Hans Rauscher der Kronen Zeitung erst nach einem aufwendigen Wahrheitsbeweis vorwerfen durfte. Aus der Krone schallte es aber in der Regel nur mit erhöhter Lautstärke so heraus, wie die Leserfamilie hineinrief.
Das Lebenswerk von Hans Dichand, dem Meinungsmoloch Kronen Zeitung, beruhte nicht auf einer tatsächlichen, sondern lediglich auf der vermeintlichen Allmacht des Boulevardriesen. Sein Einfluss, selbst wenn der Kampagnengenerator auf Hochtouren lief, bestand stets darin, dass ihm eine Meinungshoheit zugebilligt wurde, der sich die Entscheidungsträger in vorauseilender Willfährigkeit unterwarfen. Wer sich entschlossen den Breitseiten aus dem Redaktionsgebäude in der Muthgasse widersetzte, war keineswegs zum Untergang verurteilt. Der ehemalige Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und Bundespräsident Heinz Fischer – der eine war wegen seiner Abkehr von der Großen Koalition, der andere wegen seiner Ablehnung einer von Dichand geforderten Volksabstimmung über den Vertrag von Lissabon heftigen Attacken ausgesetzt – sind nur die letzten einer ganzen Reihe von Politikern, die angesichts des Störfeuers vom Boulevard unbeeindruckt ihren Kurs hielten.
Seitdem allerdings vor zwei Jahren die beiden SPÖ-Granden Alfred Gusenbauer (damals noch Bundeskanzler) und Werner Faymann (damals noch Infrastrukturminister und bereits Kronprinz) den berüchtigten Leserbrief an Dichand, in dem sie den EU-Kurs der Sozialdemokraten um 180 Grad auf Krone -Linie herumrissen, auf den Weg gebracht und sich so dem Zeitungszaren mit einem Kotau zu Füßen geworfen hatten, war aus diesem Mechanismus der Untertänigkeit ein Gesetz der Serie geworden. Die bittere Satire von Onkel Hans und seinem liebedienerischen Neffen am Ballhausplatz dauerte bis zum letzten Tag des eigenwilligen Herausgebers fort.
Das Ableben des »begnadeten Blattmachers« (Werner Faymann) trifft nun vor allem jene, die ihr Wohl und Wehe von seiner mitunter launischen Gunst abhängig gemacht hatten. Sie haben ihren Kompass verloren. Denn der Kurs, den der Meinungstanker künftig steuert, ist keineswegs vorgezeichnet. Zwar beschwören die Erben und die Ersten Offiziere in der Redaktion, die Kronen Zeitung werde keinen Faden von der eingeschlagenen Linie abweichen. Doch ohne Hans Dichand im Herausgeberbüro im 16. Stock des Redaktionsgebäudes fehlt jene dominierende Persönlichkeit, der sich alle Mitarbeiter bislang in vorauseilendem Gehorsam untergeordnet hatten.
Ebenso bildet die Redaktion nicht mehr jene homogene und verschworene Journalistenkohorte, als die sie sich noch vor acht Jahren der belgischen Regisseurin Nathalie Borgers für deren Dokumentarfilm Tag für Tag ein Boulevardstück präsentiert hatte (die Produktion von arte konnte nie in Österreich ausgestrahlt werden, das Programm des Kultursenders verschwand zur Strafe für den Frevel von den Fernsehseiten der Krone). Einer Redaktion, die sich nicht mehr als Phalanx gegen die Welt außerhalb des Gedankenhorizonts ihres Herausgebers versteht, werden sich die politischen Opportunisten allerdings weniger bereitwillig zu Füßen werfen.
Viele der alten Haudegen sind – oft im Groll – ausgeschieden, und der Nachwuchs fühlt sich häufig nicht zum Kadavergehorsam über den Tod hinaus verpflichtet. Die Verse, die Hausdichter Wolf Martin seinem Patron nachreimte, entspringen eher dem Wunschdenken: »Ein Vater jedem Mitarbeiter, / ein Vater für das ganze Land, / in unsern Herzen lebt er weiter, / uns einend durch der Treue Band.«
Erste Schrammen hatte die Autorität des Zeitungszaren bereits zu dessen Lebzeiten hinnehmen müssen. Als er die rechtsextreme Freiheitliche Barbara Rosenkranz zu Beginn des Jahres als präsidiale Galionsfigur an Bord der Krone zu holen versuchte, meuterten einzelne Mitarbeiter und zwangen den alten Kapitän, ein wenig aus der Schlachtlinie auszuscheren – in der Geschichte der Zeitung ein beispielloser Vorgang. Sollten einzelne Redakteure mit ihrem Chef nicht übereinstimmen, hatte der altgediente Außenpolitikchef Kurt Seinitz im Interview mit Nathalie Borgers noch versichert, »dann würden sie sicher redaktionelle Solidarität üben und sich zurückhalten mit ihrer Meinung, die halt – die nicht übereinstimmt«. Diesmal schloss sich sogar der langjährige Weggefährte Georg Wailand, stellvertretender Chefredakteur und Leiter des Wirtschaftsressorts, der redaktionsinternen Resistance an.
Der alte Hase, selbst Eigentümer eines eigenen monatlichen Wirtschaftsmagazins ( Gewinn), gilt nun vielen als integrative Figur, die wieder Ruhe in den verunsicherten Laden bringen könnte, sollten künftig die Reibungsverluste zwischen der alten Garde und dem Nachwuchs, der vom ausgetrampelten Pfad abweichen möchte, zu groß werden.
Auf absehbare Zeit, argumentieren zumindest Branchenkenner, würden jetzt allerdings keine bedeutsamen Personalwechsel auf der Tagesordnung stehen. Alle zentralen Positionen auf den wichtigsten Entscheidungsebenen sind besetzt. Im Alltagsbetrieb schnurrt die Kronen Zeitung wie eine gut geölte Boulevardmaschine, in der die einzelnen Produktionsabläufe wie von einem Autopilot gesteuert abgespult werden. Schon den ersten Ausgaben nach dem Tod des Zeitungsgründers war nicht anzusehen, dass seine ordnende Hand fehlte. Sogar einen kleinen Scoop verzeichnete die Krone zu Wochenbeginn, als sie einen großkoalitionären Postenschacher bei der staatsnahen Bundesbahn auf ihrer Titelseite publik machte.
Obwohl der Patriarch aufgrund der komplexen Verträge seinen Hälftanteil an der Kronen Zeitung nicht wie geplant in eine Stiftung einbringen konnte (sein Partner, der Essener WAZ-Konzern, verfügt über ein Vorkaufsrecht und formal wäre die Übertragung in eine Stiftung als Verkauf bewertet worden), hinterlässt der Medienmogul Dichand ein erstaunlich geordnetes Reich – umso erstaunlicher angesichts der epischen Machtkämpfe, Übernahmeschlachten und der nach wie vor ungelösten Rätsel, die sich wie ein roter Faden durch die fünf Jahrzehnte der Krone- Geschichte ziehen.
Heute ist die Kronen Zeitung fest eingebettet in eine Monopolstruktur, die dank mangelnden medienpolitischen Interesses zur wohl größten Medienkonzentration in der westlichen Welt geführt hat. Über den Geschäftspartner WAZ ist der Boulevardriese mit dem Druck- und Vertriebskonglomerat Mediaprint verbunden, zu dem die meisten Verwaltungsaufgaben ausgelagert wurden und in den gleichfalls die Medienbeteiligung des Raiffeisenkonzerns ( Kurier , Verlagsgruppe News ) eingeklinkt sind. Die weitverzweigten Arme dieses Kraken, von der Branche »Mediamil« getauft, reichen in nahezu zwei Drittel des österreichischen Pressewesens. Mit Ausnahme der Grazer Styria-Gruppe (Kleine Zeitung , Presse) hängen alle Größen des Mediengewerbes irgendwie über verschachtelte Beteiligungen miteinander zusammen.
Seit geraumer Zeit bereits erschüttern kleine Vorbeben diese Medienlandschaft. Jeder der großen Spieler versuchte bereits seinen Einfluss auszubauen. Mal versuchte Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad die Beteiligungsverhältnisse zu seinen Gunsten zu verschieben, mal wollte die deutsche WAZ eine Mehrheit an der Krone erzielen und balgte sich jahrelang mit den Wienern vor einem Zürcher Schiedsgericht, schließlich zeigte auch Hans Dichand Interesse, den ungeliebten Geschäftspartner loszuwerden. Sogar Werner Faymann habe sich für diese Lösung verwendet. Anlässlich eines Wienbesuches ersuchte er seinen deutschen Vorsitzenden-Kollegen Sigmar Gabriel, dem SPD-nahen WAZ-Manager Bodo Hombach nahezulegen, sich aus Österreich zurückzuziehen. Die letzte Verhandlungsrunde scheiterte jedenfalls zu Pfingsten an finanziellen Vorstellungen. Die WAZ verlangte für ihre 50 Prozent mehr als 200 Millionen Euro, Dichand war lediglich bereit, 160 Millionen auf den Tisch zu legen.
Die längst überfällige Neuordnung des österreichischen Medienmarktes ist durch den Tod von Hans Dichand nun nicht leichter geworden. Die Erbengemeinschaft Dichand (Witwe Helga, Tochter Johanna und die beiden Söhne Michael und Christoph) sind keineswegs ein Herz und eine Seele und überdies, wie es heißt, durch einen Syndikatsvertrag aneinandergekettet, der eine eigenmächtige Vorgehensweise eines der Erben unterbindet. Mutter Helga misstraut der ehrgeizigen Schwiegertochter Eva, der erfolgreichen heute- Verlegerin, und befürchtet, diese könnte künftig im Imperium des Clans eine dominierende Rolle einnehmen, nachdem der Patriarch schon vor einigen Jahren Evas Mann Christoph gegen den heftigen Widerstand seiner deutschen Partner als dynastischen Nachfolger in der Chefredaktion durchgeboxt hatte. Raiffeisen-Boss Konrad liebäugelt schon lange mit einer Krone- Beteiligung bis zur Grenze des Kartellrechts (24,9 Prozent), findet aber keinen Verkäufer. Und das neuerliche Angebot des Essener Verlagshauses, die Dichands auszukaufen, wird in Wien kaum im familiären Konsens freudige Aufnahme finden. Pattstellung ist perfekt.
Allein aufgrund der vertraglichen und persönlichen Konstellation ist die Kronen Zeitung vorläufig dazu verdammt, weiterhin Tag für Tag ein Boulevardstück abzuliefern und so zu tun, als wäre sie nicht ein Waisenkind, dem niemand mehr die Richtung weist. Bloß, die »Vernichtungsfeldzüge«, wie Kolumnist Michael Jeannée jüngst in einer Talkshow die Kampagnen seines »Übervaters« nannte, werden künftig wohl immer weniger Schrecken verbreiten.
- Datum 23.06.2010 - 17:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.06.2010 Nr. 26
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