Boulevardpresse Was kommt nach Dichand?Seite 3/3

Auf absehbare Zeit, argumentieren zumindest Branchenkenner, würden jetzt allerdings keine bedeutsamen Personalwechsel auf der Tagesordnung stehen. Alle zentralen Positionen auf den wichtigsten Entscheidungsebenen sind besetzt. Im Alltagsbetrieb schnurrt die Kronen Zeitung wie eine gut geölte Boulevardmaschine, in der die einzelnen Produktionsabläufe wie von einem Autopilot gesteuert abgespult werden. Schon den ersten Ausgaben nach dem Tod des Zeitungsgründers war nicht anzusehen, dass seine ordnende Hand fehlte. Sogar einen kleinen Scoop verzeichnete die Krone zu Wochenbeginn, als sie einen großkoalitionären Postenschacher bei der staatsnahen Bundesbahn auf ihrer Titelseite publik machte.

Obwohl der Patriarch aufgrund der komplexen Verträge seinen Hälftanteil an der Kronen Zeitung nicht wie geplant in eine Stiftung einbringen konnte (sein Partner, der Essener WAZ-Konzern, verfügt über ein Vorkaufsrecht und formal wäre die Übertragung in eine Stiftung als Verkauf bewertet worden), hinterlässt der Medienmogul Dichand ein erstaunlich geordnetes Reich – umso erstaunlicher angesichts der epischen Machtkämpfe, Übernahmeschlachten und der nach wie vor ungelösten Rätsel, die sich wie ein roter Faden durch die fünf Jahrzehnte der Krone- Geschichte ziehen.

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Heute ist die Kronen Zeitung fest eingebettet in eine Monopolstruktur, die dank mangelnden medienpolitischen Interesses zur wohl größten Medienkonzentration in der westlichen Welt geführt hat. Über den Geschäftspartner WAZ ist der Boulevardriese mit dem Druck- und Vertriebskonglomerat Mediaprint verbunden, zu dem die meisten Verwaltungsaufgaben ausgelagert wurden und in den gleichfalls die Medienbeteiligung des Raiffeisenkonzerns ( Kurier , Verlagsgruppe News ) eingeklinkt sind. Die weitverzweigten Arme dieses Kraken, von der Branche »Mediamil« getauft, reichen in nahezu zwei Drittel des österreichischen Pressewesens. Mit Ausnahme der Grazer Styria-Gruppe (Kleine Zeitung , Presse) hängen alle Größen des Mediengewerbes irgendwie über verschachtelte Beteiligungen miteinander zusammen.

Seit geraumer Zeit bereits erschüttern kleine Vorbeben diese Medienlandschaft. Jeder der großen Spieler versuchte bereits seinen Einfluss auszubauen. Mal versuchte Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad die Beteiligungsverhältnisse zu seinen Gunsten zu verschieben, mal wollte die deutsche WAZ eine Mehrheit an der Krone erzielen und balgte sich jahrelang mit den Wienern vor einem Zürcher Schiedsgericht, schließlich zeigte auch Hans Dichand Interesse, den ungeliebten Geschäftspartner loszuwerden. Sogar Werner Faymann habe sich für diese Lösung verwendet. Anlässlich eines Wienbesuches ersuchte er seinen deutschen Vorsitzenden-Kollegen Sigmar Gabriel, dem SPD-nahen WAZ-Manager Bodo Hombach nahezulegen, sich aus Österreich zurückzuziehen. Die letzte Verhandlungsrunde scheiterte jedenfalls zu Pfingsten an finanziellen Vorstellungen. Die WAZ verlangte für ihre 50 Prozent mehr als 200 Millionen Euro, Dichand war lediglich bereit, 160 Millionen auf den Tisch zu legen.

Die längst überfällige Neuordnung des österreichischen Medienmarktes ist durch den Tod von Hans Dichand nun nicht leichter geworden. Die Erbengemeinschaft Dichand (Witwe Helga, Tochter Johanna und die beiden Söhne Michael und Christoph) sind keineswegs ein Herz und eine Seele und überdies, wie es heißt, durch einen Syndikatsvertrag aneinandergekettet, der eine eigenmächtige Vorgehensweise eines der Erben unterbindet. Mutter Helga misstraut der ehrgeizigen Schwiegertochter Eva, der erfolgreichen heute- Verlegerin, und befürchtet, diese könnte künftig im Imperium des Clans eine dominierende Rolle einnehmen, nachdem der Patriarch schon vor einigen Jahren Evas Mann Christoph gegen den heftigen Widerstand seiner deutschen Partner als dynastischen Nachfolger in der Chefredaktion durchgeboxt hatte. Raiffeisen-Boss Konrad liebäugelt schon lange mit einer Krone- Beteiligung bis zur Grenze des Kartellrechts (24,9 Prozent), findet aber keinen Verkäufer. Und das neuerliche Angebot des Essener Verlagshauses, die Dichands auszukaufen, wird in Wien kaum im familiären Konsens freudige Aufnahme finden. Pattstellung ist perfekt.

Allein aufgrund der vertraglichen und persönlichen Konstellation ist die Kronen Zeitung vorläufig dazu verdammt, weiterhin Tag für Tag ein Boulevardstück abzuliefern und so zu tun, als wäre sie nicht ein Waisenkind, dem niemand mehr die Richtung weist. Bloß, die »Vernichtungsfeldzüge«, wie Kolumnist Michael Jeannée jüngst in einer Talkshow die Kampagnen seines »Übervaters« nannte, werden künftig wohl immer weniger Schrecken verbreiten.

 
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