Arbeitsmarkt Fabrik geht, Pflege kommt

Die Krise hat Arbeitsplätze in der Industrie vernichtet – und schafft woanders viele neue Jobs

Krise? »Davon haben wir nichts gespürt«, sagt Hans-Joachim Petersohn. Mit seiner Naturheilkundepraxis in Düsseldorf hat er eine Nische besetzt. Der Mediziner hilft Firmen, ihre Mitarbeiter gesund zu erhalten. »Ich komme gerade von einer Konferenz und habe 180 Visitenkarten von Betrieben mitgebracht, die uns am liebsten sofort beschäftigen würden«, sagt er. Mit bislang acht Ärzten sei das aber nicht zu bewältigen. »Uns fehlt die Manpower«, klagt Petersohn. 2009, mitten in der schlimmsten Wirtschaftskrise der deutschen Nachkriegsgeschichte, suchte er vier neue Kollegen. Erst eine der Stellen konnte er besetzen.

Erfolgsgeschichten im Gesundheits- und Sozialwesen werden vom Krisengeschrei oft übertönt. Wenn ein Kreiskrankenhaus seine Belegschaft aufstockt, veranstaltet es keine Pressekonferenz. Wenn ein Altenheim neue Pfleger einstellt, berichtet höchstens die Lokalzeitung. Wird irgendwo eine Kindertagesstätte erweitert, erfahren es nur die Eltern in der Nachbarschaft. Dabei sorgen die vielen kleinen Erfolge für ein großes Wunder: Deutschlands Arbeitsmarkt ist beinahe unbeschadet durch die Krise gegangen und kommt nun stark aus ihr heraus.  

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Auf den ersten Blick scheint sich auf dem Arbeitsmarkt gar nichts zu bewegen: Selbst im annus horribilis der deutschen Konjunktur – von September 2008 bis September 2009 – fiel die Zahl der Beschäftigten um gerade einmal 0,7 Prozent. Doch die stille Oberfläche täusche, sagt Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg: »Hinter den relativ starren Bestandszahlen verbergen sich riesige Bewegungen.«

Das gilt zunächst im Negativen. Rund 150.000 Leiharbeiter verloren gleich zu Beginn des Konjunktureinbruchs ihren Job. »Leiharbeit ist die erste Frontlinie auf dem Arbeitsmarkt – und die wurde auf einen Schlag weggefegt«, sagt Michael Burda. Der Arbeitsmarktexperte von der Humboldt-Universität in Berlin erklärt das mit der »atmenden Funktion« der Leiharbeit: Im Boom kamen Unternehmen so schnell an neue Arbeitskräfte; in der Krise konnten sich die Firmen kurz und schmerzlos wieder trennen.

Auch die traditionellen Aushängeschilder der deutschen Wirtschaft leiden. Automobilindustrie, Metallgewerbe und Maschinenbau büßten Zehntausende Arbeitsplätze ein. »In diesen Branchen haben wir einen Absturz von sehr hohem Niveau aus erlebt«, sagt Beschäftigungsforscher Möller. »Direkt vor der Krise gab es nämlich eine Phase der Reindustrialisierung.« Damals profitierte das verarbeitende Gewerbe von der Nachfrage im Ausland.

Amerikaner und Asiaten konnten kaum genug bekommen von Autos und Maschinen aus Deutschland. Die heimische Industrie exportierte wie nie zuvor. Doch in der Krise schrumpften der Außenhandel und mit ihm die Industrie. Inzwischen steigen die Exporte zwar wieder, doch Burda bleibt skeptisch: »Ich glaube nicht, dass die exportorientierten Sektoren ihre Verluste aufholen. Die Spitzenwerte der Industrie von kurz vor der Krise werden wir so schnell nicht mehr sehen.« 

Leser-Kommentare
  1. ...einen Pflegejob kann man sehr wohl auslagern: schon mal von Altenpflege auf den Phillipinen gehört? Spottbillig und die Schwestern kann man (im Gegensatz zu den hiesigen) auch schlecht behandeln: die brauchen ihre Jobs dringend.

    Abgesehen davon: Wachstum im Gesundheitsbereich wird von Beitrags- und Steuerzahlern bezahlt. Auf solches "Wachstum" können wir getrost verzichten.
    Die Industrie mit ihren Millioneninvestitionen und ihren durch Produktivitätssteigerung hohen Löhnen kann nichts und niemand ersetzen.

  2. Das Pflegejobs und Kindergartenplätze ausgebaut werden mag uns sozial freuen. Ein Grund die Sorgen abzulegen sind sie nicht.
    Denn je weniger Arbeitsplätze in der freien Wirtschaft vorhanden sind, desto weniger können wir uns diese öffentlich finanzierten Dienstleistungen eigentlich leisten.

    H.

  3. was würden die Leute sonst wohl machen.....

  4. Wie ichschonwieder richtig schreibt,gibt es genug,in der Regel äusserst unerfreuliche Leute,die sich in der 3.Welt
    pflegen lassen.Da können sie sich dann auffuehren wie ein Despot im Mittelalter.
    In Deutschland selbst ist auch die Arbeitskraft von Pflege-
    kräften mit Enwanderern aus Osteuropa und der 3.Welt völlig
    inflationiert worden.
    Clement´s Zeitarbeitsfreunde treiben auch hier ihr Unwesen.
    Einer der Wenigen ,die im Gesundheits-/Pflegewesen ein wuerdiges Einkommen erzielen,sind die,die kein Mensch braucht,nämlich die Mitarbeiter der Krankenkassen.

    Wo soll denn das Geld fuer den Dienstleistungs-/Gesundheits-
    und Pflegebereich herkommen,wenn es immer weniger Industrie-
    arbeitsplätze gibt ?
    Wenn es nach dem Schreiber des Artikels geht,bräuchte man ja nur noch mehr nutzlose,bequeme,und gutbezahlte Jobs bei
    ueberfluessigen Behörden zu schaffen und Arbeitslosigkeit wäre kein Thema mehr.

    Wieder völlig lebensfern.Könnte auch ein Politiker geschrieben haben.

    so long

    • berg10
    • 28.06.2010 um 19:54 Uhr

    Zeitschrift Pflegewissenschaft 6-2010: "Massiver Stellenabbau der vergangenen Jahre hinterlässt Spuren in der Patientenversorgung und lässt sich nicht einfach umkehren.
    In Berlin wurden am 19. Mai 2010 vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. (dip) die Ergebnisse der größten Befragung unter Pflegekräften in Deutschland vorgestellt. Mehr als 10.000 in Krankenhäusern beschäftigte Gesundheits- und Krankenpfleger beteiligten sich an der Studie „Pflege-Thermometer 2009“. Die Ergebnisse weisen auf eine steigende Belastung der Beschäftigten und demzufolge auf zunehmende Mängel in der Patientenversorgung hin. Hintergrund ist, dass in den vergangenen Jahren etwa 50.000 Stellen in der Krankenhauspflege bei steigenden Patientenzahlen abgebaut worden sind. Da die Ausbildungskapazität in der Krankenpflege seit Jahren sinkt und der Markt „wie leer gefegt ist“, ist den Autoren der Studie zufolge offen, wie in den kommenden Jahren der steigende Bedarf an Pflegekräften gedeckt werden kann. Die Studie wurde von der B. Braun-Stiftung gefördert.
    Projektleiter Prof. Michael Isfort vom dip brachte die Untersuchungsergebnisse auf folgenden Punkt: „Das, was in den vergangenen Jahren bei den Krankenhausärzten mit einem deutlichen und anhaltenden Ausbau von mehr als 20.000 Stellen richtig gemacht wurde, ist bei der Krankenhauspflege durch einen massiven Stellenabbau schief gelaufen und wird nun immer folgenschwerer für die Beschäftigten und die Patienten!“

  5. hej,Berg 10
    wenn in den letzten Jahren 50000 Pflegestellen in den Krankenhäusern gestrichen worden sind,wie kann dann der
    Arbeitsmarkt,Pflegekräfte betreffend, wie leergefegt sein ?
    Meine Frau hat vor 6 Jahren keinen Arbeitsplatz mehr in deutschen Krankenhäusern gefunden.
    Hier in Schweden war das kein Problem.Dazu kommt noch das die Pflegearbeit hier bei weitem nicht so verdichtet ist und deutlich besser bezahlt wird wie in D..

    so long

    • meety
    • 28.06.2010 um 20:45 Uhr

    Schön zu lesen das im Sozial bereich mehr stellen geschaffen werden konnten.Nur es ist keine Hilfe für die Wirtschaft im direkten sinne.Da es sich um betriebe handelt die nichts herstellen keinen , sie Leben von geldern der Menschen die was Herstellen , der eckpfeiler der gesellschaft damit eine Wirtschaft überhaupt funktionieren kann.
    Und da muss man zu sagen z.B die Chemie branche geht es eher schlecht als recht.
    Was soll man dazu noch sagen die Branchen boomen was der Gesellschaft geld kostet aber die ihr was einbringen Stagnieren.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Genau das ist der Witz an der Sache: Die Produktivität ist inzwischen so hoch, dass im primären und sekundären Sektor kaum noch etwas zu tun ist, zudem führt uns die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen, insbesondere Öl, ohnehin bald an die Grenzen des Wachstums (vg. Club of Rome, 1970er Jahre!). Aber kaum einer merkt's, der tertiäre Sektor wächst.

    Hinter einem solchen Effekt können drei Dinge stecken:
    1. Eine Spekulationsblase (dafür spräche die explodierende Weltwirtschaftsleistung seit Ende des Kalten Krieges)
    2. Eine Innovation (Informationstechnologie)
    3. Die Verlagerung von quatitativen auf qualitatives Wachstum (neben dem Sozialen auch Bildung und Ökobranche)

    Ich biete aber noch eine vierte Variante: Alle ökonomischen Werte, insbesondere der Maßstab der Valuta, beruhen auf einem Gesellschaftsvertrag, einem Common sense. Ein 100-Euro-Schein ist bloß ein Stück Papier, ein Kontostand eine Ingformation in Bits auf einer Festplatte. Dem Geld einen Wert zuzuordnen, Dingen einen Wert in Geld zuzuordnen, ist nur eine Frage des gesellschaftlichen Konsenses. So kann auch eine Krankenschwester Mehrwert und Wohlstnad schaffen, selbst ein Investmentbanker (theoretisch).

    es gibt noch eine weitere Variante:
    Technik wird durchs Arbeitsrecht und Steuern staatlich verbilligt und damit subventioniert.

    Deutschland lebt vom Export, d.h. wir leben von der Kaufkraft anderer, zu Lasten der eigenen Kaufkraft.
    Viele der eigenen Leute können die selbst produzierten Waren nicht kaufen, weil zu viele Arbeitsplätze wegrationalisiert wurden. Ohne Export, wären die deutschen Firmen also Pleite, mangels Markt, weil die Maschinen sich ohne Export gar nicht rechnen würden.

    H.

    Genau das ist der Witz an der Sache: Die Produktivität ist inzwischen so hoch, dass im primären und sekundären Sektor kaum noch etwas zu tun ist, zudem führt uns die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen, insbesondere Öl, ohnehin bald an die Grenzen des Wachstums (vg. Club of Rome, 1970er Jahre!). Aber kaum einer merkt's, der tertiäre Sektor wächst.

    Hinter einem solchen Effekt können drei Dinge stecken:
    1. Eine Spekulationsblase (dafür spräche die explodierende Weltwirtschaftsleistung seit Ende des Kalten Krieges)
    2. Eine Innovation (Informationstechnologie)
    3. Die Verlagerung von quatitativen auf qualitatives Wachstum (neben dem Sozialen auch Bildung und Ökobranche)

    Ich biete aber noch eine vierte Variante: Alle ökonomischen Werte, insbesondere der Maßstab der Valuta, beruhen auf einem Gesellschaftsvertrag, einem Common sense. Ein 100-Euro-Schein ist bloß ein Stück Papier, ein Kontostand eine Ingformation in Bits auf einer Festplatte. Dem Geld einen Wert zuzuordnen, Dingen einen Wert in Geld zuzuordnen, ist nur eine Frage des gesellschaftlichen Konsenses. So kann auch eine Krankenschwester Mehrwert und Wohlstnad schaffen, selbst ein Investmentbanker (theoretisch).

    es gibt noch eine weitere Variante:
    Technik wird durchs Arbeitsrecht und Steuern staatlich verbilligt und damit subventioniert.

    Deutschland lebt vom Export, d.h. wir leben von der Kaufkraft anderer, zu Lasten der eigenen Kaufkraft.
    Viele der eigenen Leute können die selbst produzierten Waren nicht kaufen, weil zu viele Arbeitsplätze wegrationalisiert wurden. Ohne Export, wären die deutschen Firmen also Pleite, mangels Markt, weil die Maschinen sich ohne Export gar nicht rechnen würden.

    H.

    • berg10
    • 28.06.2010 um 21:48 Uhr

    Hallo wolfgang B. - zunächst Glückwunsch, dass Ihr Euch für Schweden entschieden habt. Ich habe selber drei Kolleginnen nach Schweden "verloren". Alle drei sind zufrieden und fühlen sich geachtet und erleben Anerkennung und gerechten Lohn. Vor 6 Jahren war glaube ich so ein Gipfel der Personalsparwut in deutschen Krankenhäusern. Ich selbst war vor zwei Jahren überrascht, dass Berufsanfänger wieder unbefristete Verträge bekamen. Leider sind die Hälfte dieses Jahrgangs schon wieder ausgebrannt und einige werden auch ins Ausland gehen. In ganz Deutschland keine Stelle zu krigen kann ich mir nicht erklären. Aber vor 6 Jahren gab es auch mal eine nennenswerte Zahl arbeitsloser Pflegekräfte. Der "leer gefegte Markt" ist natürlich übertrieben. Aber der Rückgang der Ausbildungsplätze ist eien Tatsache und die Fluktuation ist hoch. Stammbelegschaften reiben sich mit Überstunden und permanenter Einarbeitung auf. Auf den Ausbildungsmarkt drängen zunehmend Gymnasiasten, die keine Studienplätze bekamen und doch nicht wirklich im Pflegeberuf bleiben wollen. Also gut qualifizierte und "belastbare" Pflegekräfte (die sich ohne Maulen über Jahre verheizen lassen)für den dann auch noch fachlich anspruchsvollen Klinikmarkt zu finden ist scheinbar für die Klinik Personaler nicht so leicht.

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