Bildungsstandards Zweieinhalb Busse
Was bislang die Lehrpläne mehr schlecht als recht leisteten, sollen nun sogenannte Bildungsstandards vollbringen: Den Lehrkräften Vorgaben für einen erfolgreichen Unterricht machen
Noch ist der Begriff Bildungsstandards nur Eingeweihten geläufig. Und doch verbirgt sich dahinter eine Umwälzung, die für unsere Schulen viel bedeutender ist als die mit viel Lärm bedachte Änderung der Schulstruktur in einigen Bundesländern.
Nach dem unbefriedigenden Abschneiden der deutschen Schüler in der Pisa-Studie hat die oftmals kritisierte Kultusministerkonferenz in zweierlei Hinsicht eine Wende eingeleitet.
Erstens haben sich die Kultusminister auf nationale Bildungsstandards geeinigt. Mit den Standards wird festgelegt, was die Schüler in allen 16 Bundesländern (!) in den Kernfächern lernen sollen (Deutsch, Mathematik, erste Fremdsprache, Naturwissenschaften). Festgelegt sind bislang Standards für die Grundschule (vierte Klasse), den Hauptschulabschluss (neunte Klasse) und den mittleren Schulabschluss (zehnte Klasse). An Standards für das Abitur wird gearbeitet.
Im Fünfjahresrhythmus in der Grundschule und im Dreijahresrhythmus in der SekundarstufeI wird bundesweit überprüft, inwieweit die Schüler die Standards erreichen. In der aktuellen Runde ging es um die Deutsch- und Englischkenntnisse für den mittleren Schulabschluss. Dort, wo Französisch als erste Fremdsprache gelehrt wird, wurden auch die Kenntnisse in dieser Sprache getestet.
Zweitens wollen die Kultusminister mit den Bildungsstandards eine Änderung des Unterrichts erreichen. Mehrere Studien haben gezeigt, dass deutsche Schüler recht gut zum Beispiel Rechenaufgaben nach vorgegebenen Wegen lösen, aber Schwächen zeigen, wenn sie Probleme im lebensweltlichen Kontext durchdringen sollen. Ein Bildungsexperte hat das so illustriert: Angenommen, die Aufgabe bestehe darin, zu bestimmen, wie viele Busse mit 50 Sitzplätzen man benötige, um 125 Schüler zu transportieren, dann lautete die typische Lösung eines deutschen Schülers: zweieinhalb. Jetzt müssten sie lernen, dass man drei brauche.
Der jetzige Unterricht in Deutschland basiert darauf, ein bestimmtes Pensum an Stoff, wie es in Lehrplänen vorgegeben ist, zu vermitteln. Die Bildungsstandards geben aber vor und prüfen (wie auch die Pisa-Studie), was Schüler wirklich können. Stoffvermittlung etwa ist das Üben des Akkusativs im Englischunterricht. Bei »kompetenzorientiertem« Unterricht, wie er durch die Bildungsstandards gefördert werden soll, ist das Ziel, ein Gespräch auf Englisch führen zu können (und dabei den Akkusativ richtig zu gebrauchen).
Selbstredend ist das eine ohne das andere nicht möglich, aber die Perspektive wird geändert: Nicht der zu vermittelnde Stoff steht im Mittelpunkt, sondern alles dreht sich um die zu entwickelnden Fähigkeiten der Schüler .
- Datum 23.06.2010 - 11:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.06.2010 Nr. 26
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Auch das "Wie" muss mal einen gewissen Standard bekommen, der auch den Eltern geläufig gemacht werden sollte, wenn sie den Lehrer unterstützen sollen. Da sollten nicht nur private Vorlieben gepflegt werden dürfen.
Für jedes "Schraubendrehen" gibt es Standards in Deustchland. Dabei sind sie um so höher je wertvoller und gefahrenträchtiger das zu bearbeitende Objekt ist.
An Kindern darf, so hat man manchmal den Eindruck "rumschrauben" wie Lehrer will. Gut, schlagen und mißhandeln darf man nicht - haben die Kinder ja Glück gehabt.
Und dann hört man noch von Mobbing im Lehrerzimmer. Vielleicht ist das ja eine moderne Art von Leistungskontrolle?.
Wer mir da eine Pflicht auferlegt, mich als Elternteil einzumischen, sollte erst mal darüber nachdenken.
Ich habe nichts dagegen, dem Handwerker zu helfen. Aber dann sollte er mir die Handgriffe auch erklären können, will er nicht riskieren - ein Bild: Dass seine Arbeit durch das falsche Ansetzen der Zange oder das Überdrehen eines Gewindes Hochwasserschäden auslöst.
Ein Aspekt, ist das seit "1968" einseitig dominierende Konzept der Schaffung eines "besseren" Menschen durch Abschaffung der strengen Pädagogik.
Vorher galt, etwas bei zu bringen und das Leben und den Einzelnen entscheiden zu lassen, was draus wird. Der dringend benötigte Steuerbürger und Abgabenzahler muss dagegen entsprechend erzogen und behandelt werden.
Ob dieses Lernziel auf eine Diktatur der Volkserziehung hinausläuft, wird sich noch zeigen.
Lehrpläne, Kernlehrpläne, Bildungsstandards ... wer soll das verstehen? Was soll gelten? Schließt das eine das andere aus oder gelten alle drei? Chaos in der Bildung!!
Und dann eine Kommission aus Wissenschaftlern, die "objektiv" den Leistungsstand der Schüler prüfen wollen. Haben diese ehrenwerten Wissenschaftler selber einige Jahre unterrichtet? Kennen sie die spezifischen Bedingungen von Schule, Schülern und Eltern? Vermutlich alles dieses nicht!
Wer kontrolliert dieses IQB Institut? Wohin führt dieser Meßbarkeitswahn? "Objektive" Meßmethoden, die aus der Wirtschaft im pädagogischen Bereich Anwebdung finden, ist das gerecht? Mit Zahlen, Daten, Fakten kann ich alles und nichts beweisen! PISA, IGLU, ... Studie um Studie! Herrlich!!!
Denk' ich an Deutschlands Bildung in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht! Gute Nacht Deutschland!!
Ein unglaublicher Unfug, der da betrieben wird! Was nutzt mir ein Handwerker, der mir Voträge über oktagonale Gebäude halten, aber keinen Stein auf den anderen setzen kann? Die Vernachlässigung der Fundamente wird dieser Gesellschaft endgültig das Genick brechen. Unverantwortlich, was deutsche Politiker da betreiben...
sind vor allem die Kommentare auf diesen Artikel. Einerseits ach die armen Kindersellen, die zarten, andererseits schon wieder eine Bildungsreform, ogottohgöttchen ...
Ich kann den Ansatz der Standards nur bejahen: Kinder sollen nichts auswendiglernen, sondern schon in der Schule Wissen aktiv anwenden und kreativ zu Lösungen entwickeln. Das wird nach Kind und Lehrer und Schule mal besser, mal schlechter gelingen. Aber alles ist besser als das dröge Auswendiglernen von Merksätzen, die man nach kürzester Zeit wieder vergisst - wenn man Glück hat, 10 min nach der Prüfung über das Gebiet.
Ein Beispiel: in Vorbereitung einer Bioklausur ging es um den Begriff Prägung. Wie aus der Pistole kam ein auswendiggelernter Merksatz aus dem Biobuch. Jeder Versuch, den Begriff auch inhaltlich zu füllen wurde energisch abgeblockt - 'Das brauch ich nicht zu wissen!'. Hier wurde nichts 'fürs Leben' gelernt, nur für die Zensur. Vertane Zeit, schlechter Unterricht.
Ob wir dieses Ziel über Bildungsstandards erreichen, ist natürlich nicht garantiert. Ein Versuch zu formulieren, was wir als Gesellschaft als Bildung in den Schulen vermittelt haben wollen (und der Diskurs darüber) ist einen Versuch allerdings immer wert.
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