Englischunterricht in Ostdeutschland "Volunteers please"
In Englisch schneiden Schüler aus Ostdeutschland schlecht ab. Ihren Lehrern fehlt die Sprachpraxis. Mit Fortbildungen und Engagement versuchen sie aufzuholen.
Als die Mauer fiel, hatte Gisela Hoffmann einen Gedanken: Jetzt würde sie es endlich sehen können, zum ersten Mal in ihrem Leben, das Land, von dem sie jeden Tag ihren Schülern erzählte, dessen Sprache sie ihnen beibrachte, so gut sie konnte. Gisela Hoffmann, Diplom-Sprachlehrerin für Englisch und Russisch, kaufte sich ein Flugticket und flog nach England. Sie lief durch die Straßen Londons und verwickelte wildfremde Passanten in Gespräche – über das Wetter, über die Demokratisierung in Ostdeutschland, über die Sehenswürdigkeiten vor ihrer Nase. Ganz egal. Hauptsache, sie redeten mit ihr. Und sie konnte antworten, wirklich richtig antworten. »Das war ein unbeschreibliches Gefühl«, sagt Gisela Hoffmann. »Zu merken, dass ich mit der Sprache aus meinen Unterrichtsbüchern etwas anfangen konnte. Dass sie uns nicht irgendeine Kunstsprache beigebracht hatten an der Hochschule.«
Zwanzig Jahre später sitzt Hoffmann, mittlerweile 61 Jahre alt, am Besprechungstisch ihres Büros im Joliot-Curie-Gymnasium von Röbel in Mecklenburg-Vorpommern und lächelt bei dem Gedanken an ihre erste Reise nach Westeuropa, die auch in ihrem Beruf den Neuanfang markierte. »Vor der Wende war ich nahe daran, zu kündigen, heute bin ich Schulleiterin«, sagt sie. Dann friert ihr Lächeln kurz ein. »Wir haben uns durchbeißen müssen, wir Englischlehrer aus dem Osten.«
Schlucken müssen sie auch in diesen Tagen wieder so einiges, alle noch im Schuldienst befindlichen Englischabsolventen der Pädagogischen Hochschulen, die anstatt eines Staatsexamens ein DDR-Diplom vorzuweisen haben. Sie seien verantwortlich für die schwachen Englischleistungen der ostdeutschen Schüler im Bundesländervergleich, bescheinigen ihnen die Forscher des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB). Beispiel Mecklenburg-Vorpommern: Die Heimat Gisela Hoffmanns liegt im Fremdsprachenranking aller Bundesländer auf dem vorletzten Platz, nur Brandenburg schneidet noch schlechter ab. Drei von vier Mecklenburger Schülern verfehlen beim Hörverstehen die von der Kultusministerkonferenz gesetzten Standards, das heißt, sie scheitern, wenn sie den Inhalt komplexer englischsprachiger Dialoge wiedergeben sollen. 28 Prozent kapieren selbst einfachste Aussagen nicht und genügen nicht einmal dem, was im Forscherjargon »Mindeststandards« heißt. »Dass die Schüler in den neuen Ländern im Hörverstehen noch schwächer als beim Leseverstehen abschneiden, ist ein Hinweis darauf, dass vielen Lehrkräften selbst die Sprachpraxis fehlt, und dies vermutlich aus einem Grund: Sie haben sie in ihrem Studium und danach nie hinreichend erworben«, sagt Studienleiter Olaf Köller.
»Es stimmt ja«, sagt Gisela Hoffmann. »Zu DDR-Zeiten hätte ich keine Unterrichtsstunde komplett auf Englisch halten können. Das war einfach nicht vorgesehen.« Da die Begegnung mit englischen Muttersprachlern für Bürger des SED-Staats praktisch unmöglich war, standen das Bearbeiten grammatikalischer Probleme, das Vokabelpauken und das korrekte Niederschreiben der immergleichen Sätze im Vordergrund. »Was haben wir nach den Ausgaben des Morning Star gegiert, die wir ab und zu geliefert bekamen«, sagt Hoffmann. In dem kommunistischen Zentralorgan habe zwar nur Propaganda gestanden, dafür aber in wirklich lebendiger Sprache.
Ihr ganzes Lehrerleben hat Hoffmann in dem Städtchen an der Müritz verbracht, 40 Jahre an der gleichen Schule, von der außer dem nach Ostdesinfektionsmittel riechendem Altbau nicht mehr viel geblieben ist. Nach der Wende, als die Polytechnische Oberschule zum Gymnasium umgewidmet wurde, lernten hier 600 Schüler. Heute sind es noch etwa 270 in einem Gebäude, das durch den lichtdurchfluteten Anbau auf die doppelte Größe gewachsen ist. So, wie die Schule sich gewandelt hat, so habe sich auch der Unterricht gewandelt. »Und genau das ist der Punkt«, sagt Hoffmann. »Heute müssen wir uns vor niemandem verstecken, wir haben uns fortgebildet, immerzu, oft ohne finanzielle Unterstützung durch das Kultusministerium, und wir sind gut in dem, was wir tun.«
Drüben im Altbau, im Klassenraum 7, hat Susan Rosenow schon die ganze Stunde über kein Wort auf Deutsch gesagt. Aus Prinzip nicht. »Now let’s talk about what a bad presentation looks like«, verkündet sie ihren Schülern. »Volunteers please.« Rosenow ist mit 39 die Jüngste im Kollegium. Ihre Neueinstellung vor zehn Jahren war die letzte, an die sich die Schulleiterin erinnern kann. Heute will Rosenow ihren Elftklässlern beibringen, wie man ein gelungenes Referat auf Englisch hält. Dafür, so hat sie sich ausgedacht, könnte doch mal jemand vormachen, wie ein richtig mieser Vortrag geht.
Linda lässt sich nicht lange bitten. Die 17-Jährige geht nach vorn und plappert halblaut über irgendein Buch, das sie gelesen hat. Dabei hechelt sie nervös, sagt »und« statt »and« und dreht ihren Zuhörern beim Ablesen von der Tafel immerzu den Rücken zu. Als sie abgeht, erntet sie heftigen Beifall, auch Linda ist sichtlich zufrieden mit ihrer elegant-miesen Performance. Was alles danebengegangen sei, will Rosenow wissen, die Antworten kommen wie aus der Pistole geschossen: bad pronounciation, mumbling, too slow, defensive body language, no structure at all. »Very good«, sagt die Lehrerin und deutet auf die drei roten Buchstaben, die unter den Anweisungen an der Tafel stehen: DIY – Do it yourself, das ist das Motto ihres Unterrichts. Und so stellen sich alle Schüler in Zweiergruppen auf und machen die Übung noch mal: Sie halten einen zweiminütigen Vortrag zu einem beliebigen Thema, diesmal einen gelungenen.
- Datum 23.06.2010 - 15:24 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.06.2010 Nr. 26
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Nach der Schulreform in HH und den Plänen von Rot/Grün in BW wird sich das Ranking in der Tabelle verschieben.
... nach der Kehre ging es mit der Volksbildung im Osten steil bergab. Ich hoffe, dass sich das nach weiteren 10 Jahren wieder erholt.
Seit dem Ende meiner Schulzeit habe ich insgesamt drei Monate in Englischsprachigen Ländern verbracht, was etwas über ein Prozent ausmacht. Kann man also locker vernachlässigen. Trotzdem behaupte ich mal, dass mein Englisch gut genug ist um mit sofortiger Wirkung nach London, Sydney oder New York zu ziehen.
Englische Texte, zumeist Handbücher, sind bei mir seit etwa 1995 Handwerkszeug. Stoße ich auf Probleme hilft mir das Internet weiter (einschlägige Seiten sind zumeist auf Englisch). Wenn mich das Fernsehprogramm mal wieder anödet (also immer) werfe ich Youtube an und schaue mir Top Gear, Brainiac oder eine BBC-Doku an. Im Orginaltext versteht sich. Dort kann man nicht nur den grammatikalisch richtigen Gebrauch der Wörter lernen sondern auch interessante Redewendungen entdecken und die Aussprache verbessern.
Heutzutage muss man nichtmehr in die Welt reisen, die Welt kommt auf den Schreibtisch, man muss nur den Fleiß und Mut aufbringen dies zuzulassen.
In einem Land, wo man lediglich Pädagogik studiert haben muss um Physik und Sport zu unterrichten, ist Fleiß aber wohl eine Eigenschaft, die den quasibeamteten Le(e|h)rern fehlt!
Es erstaunt mich immer wieder, was hier verbreitet wird. Natürlich muss ein Lehrer für Physik ein Physikstudium machen, zumindest im Gymnasial- und Realschulbereich. Gymnasiallehrer sitzen dazu acht Semester neben den Diplomstudenten in den gleichen Vorlesungen. Deswegen machten zu meiner Zeit auch etwa die Hälfte das Diplom in Physik einfach mit. Leute wie Sie sind auch mitverantwortlich dafür, dass wir kaum noch Lehrer für die MINT-Fächer in diesem Land finden, denn wer will sich schon durch ein vertieftes naturwissenschaftliches Studium quälen und sich nachher anhören, er hätte ein "Pädagogik-Studium" absolviert?
Hallo Fuzzy.Barnes,
wo man lediglich Pädagogik studiert haben muss um Physik und Sport zu unterrichten
.
Wo ist bitteschön, dieses Land? In Europa sicher nicht.
Es erstaunt mich immer wieder, was hier verbreitet wird. Natürlich muss ein Lehrer für Physik ein Physikstudium machen, zumindest im Gymnasial- und Realschulbereich. Gymnasiallehrer sitzen dazu acht Semester neben den Diplomstudenten in den gleichen Vorlesungen. Deswegen machten zu meiner Zeit auch etwa die Hälfte das Diplom in Physik einfach mit. Leute wie Sie sind auch mitverantwortlich dafür, dass wir kaum noch Lehrer für die MINT-Fächer in diesem Land finden, denn wer will sich schon durch ein vertieftes naturwissenschaftliches Studium quälen und sich nachher anhören, er hätte ein "Pädagogik-Studium" absolviert?
Hallo Fuzzy.Barnes,
wo man lediglich Pädagogik studiert haben muss um Physik und Sport zu unterrichten
.
Wo ist bitteschön, dieses Land? In Europa sicher nicht.
Abgesehen von Auslandsaufenthalten hilft nichts besser dabei eine Sprache zu lernen als entsprechende Medien zu konsumieren. Bücher, Filme, TV-Serien, das Internet. Da gibt es so vieles. Und es hat den großen Vorteil, dass man dabei gleichzeitig unterhalten wird und nebenbei lernt.
Ich habe gegen Ende meiner Gymnasialzeit angefangen in englischssprachigen Foren zu schreiben, Bücher auf Englisch zu lesen und Serien im Original zu schauen. Den Vorteil habe ich sehr schnell gemerkt. Mein Wortschatz war einfach sehr viel größer und ist es heute noch, wenn ich es mit vielen Leuten vergleiche die auch auf der Uni getroffen habe.
Der Grund weshalb sich so viele Leute mit Englisch schwer tun, ist dass sie sämtliche Medien nur übersetzt und synchronisert vorgesetzt bekommen und dann aus reiner Bequemlichkeit dabei bleiben.
Dabei ist die Sprache an sich sehr einfach. Aber der Wortschatz ist riesig. Auch wichtige umgangssprachliche Formulierungen und Slang lernt man nicht in der Schule. Der Schulunterricht kann bestenfalls ein Grundstock sein. Darauf muss dann aufbauen und sich wirklich an die Sprache heranwagen. Am Anfang man das etwas anstrengend sein, aber irgendwann geht es flüssig und man nimmt es gar nicht als bewusstes Lernen war. Bei Filmen kann man sich am Anfang mit (englischen) Untertiteln helfen. Irgendwann braucht man diese dann nicht mehr.
Das Problem ist gravierend. Meine Kinder schlagen sich täglich damit herum. Die mündlichen Fähigkeiten der Ostfremdsprachenlehrer reichen von sehr gut bis grauenvoll.
Fehlende Lehrerfortbildung und falscher Lehrplan sind zugleich schuld an der Misere.
Würden die miserabel sprechenden Sprachlehrer einfach nur wie zuvor Grammatik, Vokabeln und Schriftsprache pauken, wäre den Kindern wenigstens halbwegs gedient, sie würden etwas lernen und Aussprache könntenn BBC und youtube vermitteln.
Dramatisch wird es, wenn Lehrer trotz erwiesener Unfähigkeit Fremdsprachenunterricht brav laut Lehrplan nach dem Immersions-Prinzip absolvieren.
In diesen Fällen wäre gar kein Sprachunterricht die bessere Alternative: es würde nicht so viel verdorben.
"bad pronounciation" ist also ein Problem? Rechtschreibung eventuell auch, und das nicht nur bei Schülern?
Nach kurzem Nachdenken sollte jedem klar sein, dass nach 20 Jahren Reisefreiheit das DDR-Studium kein Grund für einen schlechten Lehrer mehr als Entschuldigung herhalten kann.
Wenn ich nebenberuflich (!) eine neue Sprache von Grund auf lernen muss, veranschlage ich dafür 3 Jahre. Wohlgemerkt neben einem Beruf, der nur den Bruchteil an Urlaub hat, den man als Lehrer genießt.
Ich bin der Meinung wir haben es hier mit einem akuten Fall von Jammer-Ossi auf zwei Seiten zu tun: Die Lehrer, die sich nicht weiterbilden, obwohl sie mehr als genug Zeit hatten. Die Schulleitung, die einfach keine Konsequenzen ziehen kann, denn wer nach 5 Jahren (also das war dann 1995) immer noch nicht Englisch fließend kann gehört aus dem Schuldienst entlassen. So jemand darf keine Kinder unterrichten. Was für ein Vorbild ist denn das? Jammer reicht - Leistung und Initiative ist nicht nötig?
Es erstaunt mich immer wieder, was hier verbreitet wird. Natürlich muss ein Lehrer für Physik ein Physikstudium machen, zumindest im Gymnasial- und Realschulbereich. Gymnasiallehrer sitzen dazu acht Semester neben den Diplomstudenten in den gleichen Vorlesungen. Deswegen machten zu meiner Zeit auch etwa die Hälfte das Diplom in Physik einfach mit. Leute wie Sie sind auch mitverantwortlich dafür, dass wir kaum noch Lehrer für die MINT-Fächer in diesem Land finden, denn wer will sich schon durch ein vertieftes naturwissenschaftliches Studium quälen und sich nachher anhören, er hätte ein "Pädagogik-Studium" absolviert?
@14
Hallo hubbi,
.
da sprechen Sie mir aus der Seele. Meine Spitzbübin hat Mathematik auf Lehramt studiert. Wie es ist, unter den hier herrschenden Bedingungen Lehrer zu sein, muss ich wohl fast niemandem erklären. Die Spitzbübin ist nun in der industriellen Forschung. Das verdankt sie aber ihrem MINT-Zweitstudium. Den Abschluss aus dem Erststudium Mathematik kann sie nicht auf ihre Visitenkarte schreiben.
.
Wenn Firmenchefs "Lehramt Mathe" hören, denken sie ans Kleine Einmaleins!
@14
Hallo hubbi,
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da sprechen Sie mir aus der Seele. Meine Spitzbübin hat Mathematik auf Lehramt studiert. Wie es ist, unter den hier herrschenden Bedingungen Lehrer zu sein, muss ich wohl fast niemandem erklären. Die Spitzbübin ist nun in der industriellen Forschung. Das verdankt sie aber ihrem MINT-Zweitstudium. Den Abschluss aus dem Erststudium Mathematik kann sie nicht auf ihre Visitenkarte schreiben.
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Wenn Firmenchefs "Lehramt Mathe" hören, denken sie ans Kleine Einmaleins!
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