Bildungsstandards "Kaum etwas gelernt"

Wie gut können unsere Schüler Deutsch und Englisch? Ein Gespräch mit drei Bildungsforschern über faszinierende und entmutigende Schülerleistungen

DIE ZEIT: Zuerst eine Lernfrage an die obersten deutschen Schultester: Bisher kannten wir die Pisa-Untersuchungen. Jetzt erfahren wir das erste Mal, was Schüler in den verschiedenen Bundesländern auf der Basis sogenannter Bildungsstandards leisten. Was ist damit gemeint?

Olaf Köller: Die Einführung von Bildungsstandards ist die wohl wichtigste Reform der Kultusminister nach dem sogenannten Pisa-Schock. Mit ihnen wollte die Politik den Anstoß geben für einen zeitgemäßen Unterricht: weg vom Lernen reinen Wissens, hin zur Vermittlung von grundlegenden Kompetenzen. Gleichzeitig wurde beschlossen, dem Schulsystem regelmäßig den Spiegel vorzuhalten, also zu testen, wie viele Schüler diese Kompetenzen tatsächlich erlangt haben. Das haben wir nun das erste Mal getan, und zwar für Deutsch und die erste Fremdsprache.

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ZEIT: Wird den Kultusministern gefallen, was sie im Spiegel sehen?

Köller: Sagen wir es so: Wäre ich Bildungspolitiker, so wäre ich keineswegs zufrieden. Insbesondere die Gruppe von Schülern, die nicht die Mindeststandards im Lesen oder im Fach Englisch erreichen, muss einem große Sorgen machen.

ZEIT: Wie groß ist diese Gruppe?

Köller: Von Bundesland zu Bundesland ist das unterschiedlich, im Schnitt sind es beim Lesen um 10 Prozent, die die Mindeststandards nicht erreichen. In Bayern oder Sachsen sind das nur 5 oder 6 Prozent, in Berlin oder Bremen dagegen 13 beziehungsweise 14 Prozent. Auch in Brandenburg, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern sieht es nicht so gut aus. Wohlgemerkt, wir reden hier von den Anforderungen an die Schüler, die den mittleren Schulabschluss anstreben…

ZEIT: …den man herkömmlich als Realschulabschluss bezeichnete.

Köller: Genau, Sie müssen viele Schüler, die einen Hauptschulabschluss machen, noch dazurechnen, da viele von ihnen ebenso unter den Mindeststandards bleiben. In den Stadtstaaten kommt man dann auf über 30 Prozent eines Jahrgangs, die die Minimalanforderungen nicht erfüllen. In der Pisa-Terminologie heißen sie Risikoschüler…

Die Schulprüfer der Nation

Die Psychologen und Erziehungswissenschaftler Olaf Köller, Petra Stanat und Hans Anand Pant arbeiten an der Nahtstelle von Politik und Wissenschaft. Köller wurde 2004 zum Gründungsdirektor des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) berufen, das den Bundesländervergleich über die Deutsch- und Englischkenntnisse der Neuntklässler  durchgeführt hat. Kürzlich wechselte Köller an die Spitze des Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel und hat den Staffelstab an Pant und Stanat übergeben.

Das IQB

Das IQB wurde nach dem Pisa-Schock von der Kultusministerkonferenz (KMK) ins Leben gerufen, um nationale Bildungsstandards für die Schulen zu entwickeln und ihr Erreichen zu überprüfen. Die KMK finanziert das Institut mit jährlich 4,3 Millionen Euro. Wissenschaftlich ist das IQB Teil der Berliner Humboldt-Universität. Ein Verein, dem Vertreter der KMK und der Humboldt-Universität angehören, beruft die IQB-Chefs. Die Forscher arbeiten also im Spannungsfeld zwischen den Wünschen der Politik und der Suche nach Wahrheit.

Petra Stanat: …Neuntklässler also, die nicht in der Lage sind, den Sinn einfacher Texte zu erfassen.

ZEIT: Steht Bremen deshalb wieder am Ende des Länderrankings?

Hans Anand Pant: Ja. Beim Länderranking schauen wir uns ja alle Neuntklässler an. Hier entspricht die Reihenfolge beim Lesen in Deutsch ungefähr der letzten Pisa-Erhebung. Vorn liegen Bayern, Sachsen und Baden-Württemberg, hinten die Stadtstaaten. Boden gutmachen im Lesen konnten Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Interessanter aber ist der detaillierte Blick in die Länder, zum Beispiel im Englischen.

ZEIT: Warum?

Pant: Da sind die Probleme teilweise dramatisch, und zwar insbesondere in den neuen Ländern und in den nicht gymnasialen Schulformen. Selbst in Sachsen, beim Lesen in Deutsch fast der Primus, scheitert mehr als ein Viertel der Schüler in Englisch am Kompetenzminimum. Noch schlimmer sieht es in Brandenburg aus. Dabei sollte eigentlich niemand die Schule verlassen, der dieses Minimalniveau nicht beherrscht. Doch in dem Jahr, das den Neuntklässlern noch bis zum mittleren Abschluss bleibt, holen viele diese Defizite nicht mehr auf.

ZEIT: Für die Schulen sind diese Englischergebnisse ein Armutszeugnis.

Köller: In der Tat. Traut man den Befunden, so ist der nicht gymnasiale Englischunterricht vielerorts gescheitert. Denn nach sieben Jahren Englisch müssen wir feststellen, dass viele Schüler kaum etwas gelernt haben.

Leser-Kommentare
  1. Man ersetze das Adjektiv "gut" durch "schlecht".
    Dann kommt man der Sache näher.

    Sarrazin lässt grüßen...

  2. "Ich wünsche mir, dass wir endlich herausfinden, welche Ansätze der Sprachförderung in Deutsch etwas bewirken, und dass wir diese dann konsequent umsetzen – auch mit schwachen Kindern ohne Migrationshintergrund. Wenn wir weiter Maßnahmen ausprobieren, ohne ihre Wirkung zu prüfen, werden sich die Leistungen des schwächsten Viertels unserer Schüler nicht verbessern."

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    • joG
    • 24.06.2010 um 13:44 Uhr

    ....man wisse eigentlich nicht, welche Art Bildungsmaßnahme wirkt, so kann man sich nur fragen, wonach bisher der die Schulen betrieben wurden. Hat man die ganzen Steuergelder auf Gut Glück ausgegeben? Haben wir Bürokratien gehabt, die nicht nur nicht wussten, wie sie Schulen führen sollten sondern auch nicht für notwendig hielten dies zu untersuchen? haben die Politiker das nicht gewusst, also ihre kontrollierenden Funktionen vernachlässigt und unser Geld sorglos verschüttet? Haben wir das nicht gewusst und die Politiker unkontrolliert einfach machen lassen?

    Das scheint kein Problem des Ausbildungssystems zu sein. Das wäre ein tiefer Defekt der Organisation unseres Staatswesen.

    • joG
    • 24.06.2010 um 13:44 Uhr

    ....man wisse eigentlich nicht, welche Art Bildungsmaßnahme wirkt, so kann man sich nur fragen, wonach bisher der die Schulen betrieben wurden. Hat man die ganzen Steuergelder auf Gut Glück ausgegeben? Haben wir Bürokratien gehabt, die nicht nur nicht wussten, wie sie Schulen führen sollten sondern auch nicht für notwendig hielten dies zu untersuchen? haben die Politiker das nicht gewusst, also ihre kontrollierenden Funktionen vernachlässigt und unser Geld sorglos verschüttet? Haben wir das nicht gewusst und die Politiker unkontrolliert einfach machen lassen?

    Das scheint kein Problem des Ausbildungssystems zu sein. Das wäre ein tiefer Defekt der Organisation unseres Staatswesen.

  3. Nachdem über Jahrzehnte in der Bildung gespart wurde, wird jetzt "gerated" was das Zeug hält. Und freut sich über Verbesserungen in der Streuungsbandbreite des Tests liegen. Vielleicht haben die Schulen und Schüler nur gelernt, wie man sich im Test verhalten muss um ein besseres Ergebnis zu erlangen. Nachdem wir Jahrzehnte lang eins der Besten Bildungssysteme der Welt hatten, wird jetzt mit Gewalt versucht sich den Anderen anzupassen (Schule sowie Uni). Hat etwas altruistisches an sich, wenn sich die Besten den Mittelmäßigen gleichmachen.

    Besser wäre es allerdings gewesen man hätte eine internationale Ratingagentur genommen. Besonders die im Bankensektor haben sich da bewährt um gute Werte zu erhalten. So kann man sich wenigstens über zweistellige Zuwachsraten freuen.

  4. Schule funktioniert noch immer nach dem Nürnberger Trichter. Der verhindert LERNEN: Das kommt von germ. LAISTI = FÄHRTE und würde bedeuten: eine Fährte des Lebens verfolgen, Erfahrungen sammeln. Als Ich-kann-Schule-Lehrer hab ich ins Herkunftswörterbuch geschaut und in der Ich-kann-Schule wird deshalb wirklich GELERNT. In den Du-musst-Schulen in Nord und Süd wird UNTERRICHTET, mit unterschiedlich perfekten SCHABLONEN, in die es sich zu fügen gilt. Leben besteht aber doch darin,über alle Schablonen hinauszuwachsen. Schule erscheint mir also nur als ein künstlich konstruiertes Problem mit unterschiedlichem Perfektionsgrad.
    Not amused
    Franz Josef Neffe

  5. Erstaunlich wenig Kommentare zu diesem Thema. Ob die Ergebnisse einer bestimmten Grupe der Zeit-Leser nicht in den Kram passt?

    Ergebnisse der Studie sind ja anscheinend - kurzgefasst - diese:

    Bundesländer mit konsequent dreigliedrigem Schulsystem sind überlegen.

    Zumindest in den untersuchten Fächern sind die Gymnasiallehrer den Kollegen anderer Schulformen überlegen.

    Es gibt kein generelles Problem mit Migranten, aber sehr wohl eines mit türkischstämmigen Schülern.

    Aber da diese schlichten Wahrheiten in bestimmten Kreisen politisch unkorrekt sind, können wir jetzt darauf warten, wie z.B. in Hamburg das nächste Schulsyszem vor die Wand gefahren wird. Da ja nicht sein kann, was nicht sein darf...

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    es liegt nicht am "konsequent dreigliedrigen Schulsystem", dass die Ergebnisse in diesen Ländern besser sind, sondern an der Zusammensetzung der Schülerschaft - die aus anderen Elternhäusern kommt.

    Wenn die "Gymnasiallehrer den Kollegen anderer Schulformen überlegen sind", ist das wohl kaum die Schuld der "unterlegenen" Lehrer. Dass die Lehrerausbildung in Deutschland nicht mehr zeitgemäß ist, wird durch die Studie nur noch einmal bestätigt. Neu ist diese Erkenntnis aber nicht.

    Das Problem sind die nicht "die türkischstämmigen Schüler", sondern ihre Eltern - die Bildung offensichtlich anders bewerten als z.b. asiatische Familien. Auch wenn ist mancher nicht hören will: Bildungpolitik betrifft mittlerweile nicht mehr nur die jeweiligen zu beschulenden Kinder, sondern die ganzen Familien. Dementsprechend muss Bildungspoltik gestaltet werden.

    Ein Patentrezept dafür habe ich allerdings leider auch nicht, muss ich gestehen.

    es liegt nicht am "konsequent dreigliedrigen Schulsystem", dass die Ergebnisse in diesen Ländern besser sind, sondern an der Zusammensetzung der Schülerschaft - die aus anderen Elternhäusern kommt.

    Wenn die "Gymnasiallehrer den Kollegen anderer Schulformen überlegen sind", ist das wohl kaum die Schuld der "unterlegenen" Lehrer. Dass die Lehrerausbildung in Deutschland nicht mehr zeitgemäß ist, wird durch die Studie nur noch einmal bestätigt. Neu ist diese Erkenntnis aber nicht.

    Das Problem sind die nicht "die türkischstämmigen Schüler", sondern ihre Eltern - die Bildung offensichtlich anders bewerten als z.b. asiatische Familien. Auch wenn ist mancher nicht hören will: Bildungpolitik betrifft mittlerweile nicht mehr nur die jeweiligen zu beschulenden Kinder, sondern die ganzen Familien. Dementsprechend muss Bildungspoltik gestaltet werden.

    Ein Patentrezept dafür habe ich allerdings leider auch nicht, muss ich gestehen.

  6. Wenn man neben Deutsch und Englisch auch noch Religion in den Vergleichstest einbezogen hätte, dann sähe das Ergebnis für die Neuen Länder noch mieser aus.
    Bei der Aufnahme von Mathematik würde sich das Blatt dann evtl. wieder wenden.
    Angesichts der Tatsache, dass der "gemeine" deutsche Abiturient - als normales Produkt des deutschen Bildungssystems - ja vornehmlich solche zukunftsweisenden Fächer wie Jura, Psychologie, Soziologie, BWL, Kunstgeschichte, Sozialpädagogik, Medienwissenschaften und Journalistik studiert und um die härteren MINT -Fächer als "heisse Kartoffeln" meist einen grossen Bogen macht könnte man H. Heine zitieren:
    "Denk ich an Deutschland in der Nacht - bin ich um den Schlaf gebracht".
    Die Väter dieses aktuellen Vergleichstest widerspiegeln in dieser Aktion exakt ihre Denke ab: Lieber ein sicheres BlaBla im Englischen als härtere Zukunftvorbereitung!

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    Schon mal in Laserphysik auf deutsch promoviert?

    Dann haben Sie also den 2. Weltkrieg noch persönlich miterlebt!

    Schon mal in Laserphysik auf deutsch promoviert?

    Dann haben Sie also den 2. Weltkrieg noch persönlich miterlebt!

  7. Schon mal in Laserphysik auf deutsch promoviert?

    Dann haben Sie also den 2. Weltkrieg noch persönlich miterlebt!

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    (Schon mal in Laserphysik auf deutsch promoviert?
    Mit solcher Polemik sollte man vorsichtig sein.
    Verwiesen wird in diesem Zusammenhang auf ein geradezu exemplarisch typisches Kind des Deutschen Bildungswesens:

    G. Oettinger, ehemals Ministerpräsident von BW.
    Jurist, hat weder Ahnung von Physik noch von Englisch. Ist aber zum Energiekommissar der EU-Kommission aufgestiegen.
    Ein solcher Werdegang könnte auch aus einem Grimmschen Märchen stammen, ebenso das Faktum, dass ein ehemaliger Linksradikalinski und Taxifahrer Aussenminister wurde.

    Wundersame Erscheinungen gibt es eben nicht nur in der Quantenphysik.

    (Schon mal in Laserphysik auf deutsch promoviert?
    Mit solcher Polemik sollte man vorsichtig sein.
    Verwiesen wird in diesem Zusammenhang auf ein geradezu exemplarisch typisches Kind des Deutschen Bildungswesens:

    G. Oettinger, ehemals Ministerpräsident von BW.
    Jurist, hat weder Ahnung von Physik noch von Englisch. Ist aber zum Energiekommissar der EU-Kommission aufgestiegen.
    Ein solcher Werdegang könnte auch aus einem Grimmschen Märchen stammen, ebenso das Faktum, dass ein ehemaliger Linksradikalinski und Taxifahrer Aussenminister wurde.

    Wundersame Erscheinungen gibt es eben nicht nur in der Quantenphysik.

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