Martensteins Notizen Spielen vor dem Höllentor

Keeper, die danebengreifen, Franzosen ohne Lust und Italiener, die nach ihrer Mama rufen – über die Sünder der WM. Notizen aus Südafrika

Geschunden: Italiens Gianluca Zambrotta

Geschunden: Italiens Gianluca Zambrotta

Italien. In den letzten Tagen war ich in Johannesburg, Durban und Pretoria auf dem »Fifa Fan Fest«. Da ist nie viel los gewesen. Wenn man Massen von Fans aus allen möglichen Ländern erleben möchte, muss man zum Nelson Mandela Square gehen. Das ist die edelste Ecke von Johannesburg, dort sieht man Mexikaner, die Austern essen.

Die Stimmung ist mit dem Sommermärchen in Deutschland nicht zu vergleichen. Die »Fan-Feste« sind aufwendige Veranstaltungen, mit Moderatoren, Bands, Dutzenden von Ständen, Kindergarten und einer vielköpfigen medizinischen Abteilung, die auch den Folgen einer Massenschlägerei mit 500 Beteiligten gewachsen wäre. Aber oft ist das Personal des Fan-Festes zahlreicher als die Kundschaft.

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Nur wenn Afrikaner spielen, kommen die Leute. Deswegen hatte die Partie zwischen Italien und Neuseeland ein großes Publikum, anschließend trat ja die Elfenbeinküste auf. Das Volk stand, egal, ob schwarz, weiß oder braunhäutig, auf der Seite von Neuseeland. Der Fernsehmoderator hätte glatt von einem dieser italophoben deutschen Fernsehsender kommen können – er pries immer wieder die neuseeländische Tapferkeit und spottete, wenn einer der italienischen Stars sich schmerzverkrümmt auf dem Boden wälzte. Mein Nachbar, ein Zulu aus Soweto, sagte: »Der Italiener ruft nach seiner Mama.«

Warum ist der italienische Fußball so unbeliebt? Italien spielt oft kühl und kalkulierend. Wenn Italien ein 1:0 erzielt, lässt es sich danach selten von seiner Leidenschaft für das Spiel mitreißen, eher verstärkt man die Abwehr und schont sich für das nächste Spiel. Das ist klug und legitim. Im Widerspruch zu dieser rationalen, geschäftsmäßigen Spielweise steht die meist theatralische Selbstinszenierung der Spieler. Für das Publikum ergibt sich daraus das Bild einer egozentrischen Mannschaft, die ihre Gefühle für sich selbst aufspart und wenig davon für das Spiel oder für die Unterhaltungsbedürfnisse des Publikums hergibt. Auch die Abwesenheit von Migranten in der Startelf ist eine italienische Spezialität und wirkt immer sonderbarer.

Südafrika. Ein sympathischer weißer Südafrikaner erzählte mir, dass er während des Apartheidsystems einfach nicht mitbekommen habe, dass die Schwarzen unterdrückt wurden. Erst danach sei es ihm klar geworden. Obwohl damals vieles falsch gewesen sei, habe es aber mehr Zusammengehörigkeitsgefühl gegeben und mehr soziale Sicherheit. Es gab praktisch überhaupt keine Arbeitslosigkeit! Sicher, die Schwarzen waren nicht reich, im Allgemeinen, und sie hatten keine Demokratie. Aber sie mussten sich auch um nichts Sorgen machen, niemand musste hungern. Das kommt mir bekannt vor, antwortete ich. Das habe ich wörtlich auch schon in Deutschland gehört. Wenn auch in anderem Zusammenhang.

Frankreich. Wie Italien tritt Frankreich mit einem Trainer an, dessen Rücktritt nach Ende des Turniers von vornherein feststand, und mit einer Mannschaft, die zum Teil aus den Helden der Vergangenheit besteht. Frankreich spielt wie Deutschland in seinen finstersten Zeiten, wie unter Erich Ribbeck vielleicht, ein Team, das die deutschen Reformen und Verjüngungsmaßnahmen nachholen muss. Aber muss deswegen gleich das totale Chaos ausbrechen und eine Staatskrise? Ja. Nachdem der scheinbar so arrogante Trainer Raymond Domenech, in Wirklichkeit nur noch ein Popanz, während der Pause in der Kabine von Nicolas Anelka als »dreckiger Hurensohn« beschimpft wurde, erklärte Domenech: »Bei einem Spieler, der unter Druck steht, ist das normal.«

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