Grüner reisen Natürlich entspannen
Costa Rica vermarktet sich als Ökourlaubsland. Doch vieles ist auch hier Etikettenschwindel
Sollte derjenige, der die Natur liebt, ihr lieber fernbleiben? Oder gibt es einen Weg, sie zu bereisen und doch im Reinen mit ihr zu sein?
Die Gäste der Selva Bananito Lodge im Süden Costa Ricas versuchen es. Ökotouristen aus aller Welt beziehen die Hütten aus Teak- und Mahagoniholz, gebaut aus Resten, die bei Rodungen weggeworfen wurden. Von den Veranden reicht der Blick bis zu den Höhen des Cerro Muchilla. 14 Tage würde es dauern, durch den Dschungel dorthin zu wandern. Einen Teil dieser Welt können die Gäste erkunden: Vorbei an Palmen, denen nachgesagt wird, dass sie über den Urwaldboden wandern, Lianen, aus denen man trinken kann, schwarz-gelben Fröschen, die zwitschern wie ein Vogel, und Vögeln, die quaken wie ein Frosch. Am Abend können die Besucher Dreck und Schweiß in der solargeheizten Dusche abwaschen, mit abbaubarer Bioseife – das Abwasser reinigen Wasserhyazinthen und Bakterien. Wenn der Urwald ringsum in Dunkelheit versinkt und die dicke Luft erträglicher wird, spenden Kerzen Licht.
Costa Rica gilt als Vorreiter des Ökotourismus. Als dort in den achtziger Jahren beinahe 80 Prozent der Regenwälder abgeholzt waren, schlug das Land eine neue Richtung ein: Heute ist ein Drittel seiner Fläche Schutzgebiet, und bis 2021 will Costa Rica eine CO₂-neutrale Bilanz ausweisen können. Die lokale Fluggesellschaft Nature Air lässt den Tropenwald aufforsten, um ihre Treibhausgase zu kompensieren, es gibt eine Autovermietung, die sich als CO₂-neutral bezeichnen darf, und unzählige Pensionen, die damit werben, der Umwelt keine Last zu sein. Die Natur wurde als Ressource erkannt, die geschützt werden muss – und wenn möglich dennoch Geld bringen soll. Die Hoffnung liegt im Tourismus, dem wichtigsten Devisenbringer.
Doch ist umweltfreundlicher Tourismus überhaupt möglich? Schon mit der Anreise – per Langstreckenflug aus Europa – gehen etwa sechs Tonnen CO₂ auf das Konto des Urlaubers; während seines kurzen Aufenthalts verbraucht er oft so viel Wasser und Energie wie das gesamte Dorf neben seinem Hotel. Die Selva Bananito Lodge ist ein Beispiel dafür, wie es funktionieren könnte. Mit einem Teil des Geldes, das die Touristen hier ausgeben, setzt sich das Familienunternehmen für den Schutz der Natur ein. Viele solcher leuchtender Beispiele gibt es allerdings nicht – auch wenn in Costa Rica kaum ein Hotel, eine Sportstätte oder Dschungeltour auf den Zusatz »Öko« im Namen verzichtet.
»Vieles davon ist Etikettenschwindel«, sagt Ludwig Ellenberg. Der Geograf forscht an der Humboldt-Universität in Berlin zu Umweltschutz und Tourismus und verbrachte mehrere Jahre in Costa Rica. »Ökotourismus ist ein tolles Konzept, aber es funktioniert nur als Nische«, sagt er. Denn im Gegensatz zum Naturschutz gehe es dem Tourismus meist um Wachstum und die schnelle Befriedigung angestauter Bedürfnisse. »Viel Fressen, viel Saufen, wenig kümmern. Wir wollen den Frust des Alltags dämpfen, aber schnell, denn viel Zeit haben wir nicht, und man gönnt sich ja sonst nichts«, beschreibt Ellenberg die Einstellung vieler – und meint nicht nur die, die in All-inclusive-Burgen nach Spanien oder in die Türkei fahren. Selbst das umweltbewusste Bildungsbürgertum lasse zusammen mit dem Termindruck auch gerne das Gewissen zu Hause. Urlaub steht für Entspannung, auch vom Mülltrennen und Stromsparen.
Umweltorganisationen kritisieren, dass Reisende auf der Suche nach Naturverbundenheit nicht selten trotzdem – oder gerade deswegen – genau das zerstören, was sie so sehr wollen: die unberührte Natur. So auch in Costa Rica.
Zum Nationalpark Manuel Antonio, der früher nur über Schotterpisten erreichbar war, fliegen heute täglich Maschinen aus der Hauptstadt San José. 300000 Besucher laufen im Jahr durch das sieben Quadratkilometer kleine Schutzgebiet; Affen warten auf den Gehwegen, um Bananen zu bekommen. Faultiere auf den Bäumen werden von pfeifenden Menschen animiert, sich zu bewegen. Montags ist der Park geschlossen, damit die Aufräumtrupps den Müll einsammeln können.
Auch an der Küste bei Tortuguero, wo sich das Wasser in schmalen Adern weit ins Land frisst und Schildkröten an den Stränden ihre Eier eingraben, drängen die Touristen immer tiefer in die Wildnis. Sie wollen keine anderen Reisenden sehen, sondern wilde Krokodile. Mit Motorbooten geht das schneller als mit dem Paddelboot. Auf die Pufferzone, die Tiere und Pflanzen vor Menschen schützen soll, kann keine Rücksicht genommen werden.
Nicht nur die Natur leidet. Jaco, einst ein Fischerort, den Surfer wegen der Wellen besuchten, empfängt heute Tausende Touristen im Jahr. Mit den Hoteltürmen wächst die Zahl der Diebstähle ebenso wie jene der Drogenopfer und Prostituierten. Auf der Suche nach Arbeit treibt es viele Menschen aus anderen Landesteilen hierher. Doch die Saison ist kurz, oft reicht der Verdienst nicht, um die Heimfahrt zu bezahlen. Die Gewinne gehen an ausländische Unternehmer, die hier vor ein paar Jahren investierten.
»Reisen verursacht immer Schäden«, sagt Wolfgang Günther, der im N.I.T., einem Institut für Tourismusforschung in Kiel, die Abteilung für Nachhaltigkeit leitet. »Das Einzige, was man tun kann, ist, den Schaden zu minimieren.« Zusammen mit dem WWF hat er dafür Vorschläge verfasst. Da Fliegen die größte Umweltbelastung darstellt, lautet die Regel: lieber seltener und dafür länger zu verreisen. Wenn möglich mit Bus und Bahn fahren. In der Unterkunft sollte Müll vermieden und getrennt sowie Strom und Wasser gespart werden. Auch empfiehlt er, darauf zu achten, dass Angestellte fair bezahlt werden. Außerdem kann jeder die Menschen am Reiseziel unterstützen, indem er Produkte aus der Region kauft. Gut wäre es auch, wenn sich der Tourist auf Sitten und Gebräuche des Gastlandes vorbereiten würde. Eigentlich alles keine großen Geheimnisse.
Der »Reisepavillon« war Anfang der Neunziger ein erster Marktplatz für »anderes Reisen« in Hannover. »Damals war das eine bunte Sammlung von alternativen und ökologischen Reiseanbietern, alle eher aus dem Non-Profit-Bereich«, sagt Anke Biedenkapp, die seit Beginn für die Organisation der Messe verantwortlich ist. Die Veranstaltung hat sich in den letzten 20 Jahren so sehr verändert wie die Branche: Sie wuchs und wurde professioneller, konventioneller. Doch wie der Branche fehlt es auch dem Reisepavillon an Kriterien. Die »Nachhaltigkeitserklärung«, einen Zettel, den die Aussteller an ihren Stand hängen, durften sie selbst schreiben. Zwar gibt es unzählige Qualitätssiegel im Tourismus – international durchgesetzt hat sich bisher keines davon.
Ökologie hat freilich wenig mit Romantik zu tun. Am besten für die Umwelt wäre nach Meinung vieler Experten ein gut geführtes Großhotel. Bei der aktuellen Reiseintensität – 75 Prozent der Deutschen reisen – sei der Umweltschaden höher, wenn sich alle verstreuen, sagt Wolfgang Günther vom N.I.T. Besser wäre es, die Menschenmassen zu konzentrieren, so würden sich Investitionen in umweltverträgliche Kläranlagen und Versorgungstechnik lohnen. Doch die big is beautiful-These ist an Naturliebhaber kaum zu vermitteln.
Den umweltschonendsten Urlaub hat Günther in diesem Frühjahr gemacht: Er fuhr mit der Familie an Flüssen und Bäumen entlang bis zum Meer – mit dem Fahrrad in Mecklenburg-Vorpommern. Nicht nur wegen des CO₂, sagt er. Sondern vor allem, weil’s schön da ist.
- Datum 30.06.2010 - 17:32 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.06.2010 Nr. 26
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