Gesellschaftskritik Über die Schwedenhochzeit

Die Eheschließung der Kronprinzessin Victoria mit ihrem Fitnesstrainer Daniel Westling zeigt, wie paradox sich blaues Blut und Demokratie gegenüberstehen.

Kronprinzessin Victoria mit ihrem Mann Daniel Westling

Kronprinzessin Victoria mit ihrem Mann Daniel Westling

Als der Fitnesstrainer Daniel Westling die schwedische Kronprinzessin Victoria freite, gab es weniger Grund zur Verblüffung, als manche meinten. Die Verbindung war weder so unstandesgemäß noch so volkstümlich und romantisch, wie die Klatschblätter ausmalten. Die schwedische Königsfamilie, begründet von dem bürgerlichen französischen Offizier Jean-Baptiste Bernadotte, von Napoleons Gnaden Marschall von Frankreich und durch Adoption durch Karl XII. 1810 auf den schwedischen Thron gelangt, kann sich blaublütigen Dünkel kaum leisten. Auch der jetzige König, Vater der Braut, hatte seinerzeit eine bürgerliche Deutsche, die hübsche Silvia Sommerlath aus Heidelberg, zur Frau genommen.

Gesellschaftskritik
Weitere Artikel zur Serie "Gesellschaftskritik". Bitte klicken Sie auf das Bild.

Weitere Artikel zur Serie "Gesellschaftskritik". Bitte klicken Sie auf das Bild.

Insofern blieb hier alles immer schon, in kurioser Weise konsequent, seinen nichtadligen Wurzeln treu. Das macht auch nichts; es könnte sogar gesteigert demokratisch berühren, da schließlich die schwedischen Monarchen nur als symbolische Oberhäupter, in ihrer Funktion dem Bundespräsidenten vergleichbar, einen demokratischen Staat repräsentieren. Andererseits – mit jeder Wahl eines bürgerlichen Ehepartners, die den Eindruck verstärkt, es könnte schließlich jeder Schwede von der Straße den Thron besteigen, stellt sich auch die Frage, warum ausgerechnet dieser Schwede nicht gewählt, sondern von den erotischen Launen einer Familie bestellt wird.

Anzeige

Das ist nämlich das Paradox: Wenn das höchste Amt im Staate schon der demokratischen Willensbildung entzogen wird, braucht es dafür einen Grund, der nicht seinerseits wieder beliebig demokratisierbar ist. Dieser Grund kann nur, wie in den Feudalzeiten, deren Tradition man ja symbolisch fortsetzen möchte, in der Legitimität des blauen Blutes liegen. Lustig, nicht wahr? In einer Demokratie hat es der bürgerliche Monarch besonders leicht, aber er macht es auch dem Volk besonders leicht, über seine Abschaffung zu diskutieren. Mona Broshammar übrigens, Generalsekretärin der schwedischen Republikaner, sieht in Victoria und Daniel einfach »liebe Leute«.

 
Leser-Kommentare
  1. schon der demokratischen Willensbildung entzogen wird,
    dann mag die Tradtion einer Monarchie dafür ein besserer Grund sein als die Parteienherrschaft in Deutschland.
    Da fehlen übrigens auch die "lieben Leute" als Nachwuchs.

    • Saki
    • 24.06.2010 um 17:27 Uhr

    was paradox erscheint, ist nur dann paradox, wenn man in die "demokratische Willensbildung" eine Sakralität hineingeheimnist, die bei nüchterner Betrachtung schlicht fehlt. Warum sollten die erotischen Launen einer Familie ein schlechteres Auswahlverfahren für ein macht- und funktionsloses Amt sein, als z.B. eine Abstimmung?

    Wahrscheinlich sind die "erotischen Launen" schlicht billiger als z.B. eine regelmäßige Volkswahl.

  2. urch Adoption durch Karl XII. 1810 auf den schwedischen Thron gelangt,

    Wieso durch Adoption Karl XII??? Der schwedishe König Karl XII starb 1709 bei Poltava und hat wohl kaum mit den Bernadotten etwas zu tun??

  3. Schön das sie geheiratet haben, auf Kosten der Allgemeinheit und dafür auch noch gefeiert werden. Der Mensch wünscht sich eben seine halbgöttlichen Führer zurück.

    Es soll sie bekommen, die hochwohlgeborenen stehen bereit.

  4. Sie haben insofern Recht, als es bestimmt nicht Karl XII. war, der Bernadotte adoptiert hat.
    Allerdings starb Karl XII. nicht 1709 bei Poltawa - dort hat er "nur" eine wichtige Schlacht verloren. Gestorben ist er 1718 bei Fredrikshald (Norwegen).

  5. Hier geht es um die Romantik,die in erster Linie die weibliche Bevölkerung mit einem Königshaus verbindet.
    Ich muss aber einräumen,das auch mich diese Feierlichkeiten,
    sehr beeindrukt haben,zumal ich ja hier in Schweden wohne.
    Die gesammte schw.Bevölkerung schien wie von Sinnen.
    So etwas habe ich noch nie erlebt.Man hätte meinen können
    ein Gott oder ein Ausserirdischer wuerde kommen.

    Wer wuerde sich schon dafuer interesieren,wenn ein Bundespräsident,oder Kanzler heiratet.

    so long

  6. Letzten Endes unterscheidet den schwedischen König und unseren Bundespräsidenten nicht viel, zumindest nicht in ihrer oberflächlichen Funktion. Beide haben hauptsächlich repräsentative Aufgaben und sind im Ausland Aushängeschilder für ihre Staaten.
    Die Ähnlichkeit beschränkt sich übrigens nicht nur auf Funktion, der nicht wirklich demokratische Amtszugang ist beiden auch gemein, schließlich wird unser Bundespräsident auch nicht direkt gewählt, da macht das Hineingeboren-Werden bei den Schweden auch keinen so großen Unterschied, nur dass hier die Auswahl an mäglichen Nachfolgern bei Nichteignung des Kandidaten nicht durch Parteiengeschacher vernebelt wird, sondern man einfach den nächstgeborenen Sympatieträger nimmt. Und das kann man nun einmal von den Skandinaviern im Allgemeinen sagen, sie sind Identifikations- und Sympathiefiguren zu Hause und im Ausland.

  7. hej,
    schön geschrieben,cyclefreak !

    so long

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service