Parallel zur Wiedereröffnung des Albertinums zeigen die Kunstsammlungen Dresden im Lipsius-Bau 26 Fotoarbeiten von Jeff Wall. Der Meister ist angereist und hat bei der Hängung seiner Kunst geholfen.

DIE ZEIT: Herr Wall, Ihre Fotografien wurden immer wieder mit alten Gemälden verglichen, die Kunsthistoriker lieben Ihre Bilder. Machen Sie Kunsthistoriker-Kunst?

Jeff Wall: Das ist ein altes Klischee über meine Kunst, an dessen Entstehen ich Mitschuld trage. Ich hatte bis in die siebziger Jahre als Künstler nichts wirklich erreicht, da begann ich mich mit Werken aus anderen Jahrhunderten zu beschäftigen. Und so kam es, dass ich irgendwann beim Komponieren meiner Fotografien mit Delacroix und Manet herumspielte. Mein kunsthistorisches Spiel sollte eine gewisse Form von Manierismus in die Fotografie einführen. Dieser Aspekt meiner Arbeit wurde später von den Kritikern und Kunsthistorikern überbewertet. Ich will meine Kunst nicht nur als Kunsthistoriker-Kunst verstanden wissen! Obwohl der Vorwurf teilweise berechtigt ist.

ZEIT: Sie wollten damals mit den Zitaten erreichen, dass Ihre Fotografien als Kunst ernst genommen wurden?

Wall: Als junger Künstler in den sechziger Jahren erlebte ich noch die letzten Momente jener Ära, in der die Fotografie als eine sehr spezielle Kunstform angesehen wurde, die keinerlei qualitative Gemeinsamkeiten mit der Malerei hat. Dabei haben die Malerei, die Bildhauerei, die Fotografie und in einer bestimmten Weise auch das Kino doch ein sehr ähnliches Ziel: Sie sind die darstellenden Künste, sie wollen ein Bild, eine Darstellung schaffen. Fotografie aber galt über Jahrzehnte – und durchaus zu Recht – als minderwertige Kunst. Doch plötzlich stimmte dieses Behauptung nicht mehr.

ZEIT: Sie haben sie mit Ihrer Arbeit widerlegt?

Wall: Ich wollte einfach nicht so fotografieren, wie Robert Frank, Walker Evans oder Diane Arbus es damals taten. Ich habe diese Fotografen immer bewundert, aber die klassische Fotografie war so vollendet, an ihrer Endperfektion wollte ich nicht mitarbeiten. Dazu war ich zu ehrgeizig.

ZEIT: In der jetzigen Ausstellung hängt an zentraler Stelle Ihr Bild Restoration, ein Verweis der Kuratoren auf die Renovierung der Dresdner Museen. Auf dem Bild sieht man Restauratoren bei ihrer Arbeit an dem gigantischen Bourbaki-Panorama in Luzern. Können Sie uns anhand dieser Fotografie schildern, wie Sie arbeiten?

Wall: Ich besuchte das Panorama zufällig, als ich für Ausstellungsvorbereitungen nach Luzern reiste. Das 1881 fertiggestellte, 112 Meter lange Panoramagemälde zeigt die französische Armee 1871 beim Grenzübertritt in die Schweiz, auf der Flucht vor den Deutschen. Mich faszinierte der Umstand, dass dieses Panorama wie ein Zylinder gebaut ist. Wie übersetzt man einen kreisrunden Bau in eine flache Fotografie? Und auch der Gegenstand faszinierte mich: ein Gemälde, das nicht dem Sieg, sondern der Niederlage und der Hilfeleistung gewidmet ist. Man sieht Schweizer Bauern, die den hungernden französischen Soldaten helfen. Irgendwann, so stellte ich mir damals vor, würde man dieses mediengeschichtlich hochinteressante Werk restaurieren müssen. Und diesen Akt wollte ich darstellen. Ich kontaktierte Restauratoren in Zürich, und wir inszenierten den Beginn eines solchen Prozesses.

ZEIT: Es waren also keine Schauspielerinnen?

Wall: Nein, einige von diesen Frauen haben drei Jahre nach der Aufnahme wirklich mit der Restaurierung des Panoramas begonnen. Ich liebe die neorealistischen Filme von Pasolini und seine Idee, die Menschen sich selbst spielen zu lassen.

ZEIT: Wieso?

Wall: Ich wollte meinem Bild eine dokumentarische Stimmung verleihen, aber gleichzeitig eine malerische Präsenz. Ein Fotoreporter mag ein interessantes Bild von einem Ereignis machen, aber es hat wahrscheinlich nie die Qualitäten, die ich mag. Ich wies also die Restauratorinnen an, vor der Kamera zu arbeiten. Irgendwann ließ ich sie einfach nur noch dastehen und schauen. Mir gefallen an diesem Foto Details wie jenes, dass eine der Frauen jeden Tag ihre Perlenkette zur Arbeit trägt. Ich hätte sie nie angewiesen, eine Kette zu tragen, aber diese Kette trägt nun zur Faszination des Bildes bei, sie schafft etwas Geheimnisvolles. Ich mag solche Zufälle.