Gespräch mit Jeff Wall Mit Manet spielenSeite 3/3
ZEIT: Ein zu einfacher Trick?
Wall: Humor kann wirkungsvoll sein, aber ein Charakterzug großer Kunst ist er bestimmt nicht. Der Betrachter kann Sinn für Humor haben, das Kunstwerk braucht ihn nicht. Insomnia, mein Foto von einem Mann, der schlaflos unter einem Küchentisch liegt, könnte man als lustig bezeichnen. Weil es irgendwie absurd ist, wenn jemand um drei Uhr morgens auf dem Küchenboden landet und dort dem Geräusch des Kühlschranks zuhört. Man kann über diese Szene lachen oder aber sie als traurig und beunruhigend deuten. Großartige Bilder schreiben dem Betrachter keine Gefühle vor, sie lassen verschiedene Stimmungen zu.
ZEIT:Search of premises, Ihr neuestes Bild in der Dresdner Ausstellung, zeigt eine Hausdurchsuchung.
Wall: Ich schaue gern diese Reality-TV-Sendungen, in denen man Polizisten bei der Arbeit sieht. Die Höhepunkte dieser Sendungen sind die Hausdurchsuchungen. Die Einrichtungen dieser Häuser überraschen mich jedes Mal. Deshalb wollte ich diesen sehr besonderen Vorgang in ein Bild fassen. Und so begann ich, mir von einem befreundeten Polizisten sehr viele Fotos von echten Hausdurchsuchungen zu besorgen, und schuf dann aus diesen verschiedenen Bildern mein eigenes Bild einer Hausdurchsuchung. Nichts auf meinem Foto ist erfunden, alle Details sind nachgeahmt. Man sieht eine Wohnung, in der niemand wirklich zu wohnen scheint. Die Wohnung ist einem der echten Polizeifotos nachgeahmt, ich mochte die gedeckten Farben darauf. Und der Gegenstand meines Bildes hat sich dann an dieser gedeckten Atmosphäre orientiert: Ich zeige nicht das Drama der Festnahme. Von dem Verdächtigen sind nur weiße Basketballschuhe, ein Gürtel, Socken, Hose und eine Mütze übrig geblieben.
ZEIT: Über einer Treppe hängt eine kleine Kinderzeichnung.
Wall: Genau. Auch Kriminelle haben Kinder. Aber sonst ist der Raum fast leer, man sieht keine Waffen, keine Drogen. Zwei Zivilpolizisten in schusssicheren Westen – übrigens echte Polizisten – lesen in irgendwelchen beschlagnahmten Unterlagen. Ich habe die Vorgehensweisen der Polizei genau studiert, habe mir Fälle und Dienstanweisungen angeschaut, und am Ende, so habe ich gelernt, läuft es bei dieser Polizeiarbeit immer aufs Lesen hinauf. Also zeige ich auf meiner Fotografie zwei Männer beim konzentrierten Lesen. Ich hätte zu Beginn niemals gedacht, dass so mein Bild einer Hausdurchsuchung aussehen würde.
ZEIT: Kennen Sie das Ende zu der Geschichte auf diesem Foto?
Wall: Nein, es interessiert mich nicht. Das Einzigartige an der darstellenden Kunst ist ja, dass sie das Vorher und Nachher unsichtbar macht. Und der unsichtbare Teil ist das Reich des Betrachters. Beim Schauen schreibt der Betrachter dann einen Roman, eine Geschichte zu dem Bild. Erst dieser Vorgang erzeugt das große Vergnügen, das gute Kunst den Menschen bereitet.
ZEIT : Sie haben einmal über die Gesten der Barockmalerei geschrieben und darüber, wie solche Gesten in unserer Gegenwart verloren gegangen sind. Schauen Sie gar keinen Fußball?
Wall: Ich bin kein Fußballfan, aber es stimmt, die Spieler agieren dort wie in der Oper. Wenn sie so tun, als seien sie verletzt…
ZEIT: Die Gesten der Unschuld, des Sieges…
Wall: Das sind wirklich die interessanten Gesten unserer Zeit. In den modernen Sportstadien wird heute noch eine Art volkstümlicher Barock aufgeführt. Vielleicht sollte ich anfangen, mehr Fußball zu schauen.
Das Gespräch führteTobias Timm
- Datum 20.07.2010 - 17:15 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.06.2010 Nr. 26
- Kommentare 2
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wie schön, dass es noch einen jeff wall gibt, ohne die übliche fotokunst dahinter
Ach wie langweilig seine Photographien doch sind. Ein Stall voller Huhnerexkremente, im Grossformat, in einer entsprechenden Gallerie kann auch Kunst sein. Tatsaechlich (!), Kunst liegt definitiv im Auge des Betrachters.
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