Bergsteigen Nicht mehr auf der Höhe
Die 86 Jahre alte Himalaya-Chronistin Elizabeth Hawley über die geplante Altersbeschränkung auf dem Mount Everest.
© PRAKASH MATHEMA/AFP/Getty Images

Blick von Shyangboche in Nepal auf den nächtlichen Mount Everest
DIE ZEIT: Frau Hawley, Sie leben seit fast 40 Jahren in Kathmandu, führen akribisch Buch über Himalaya-Expeditionen und überprüfen die Aussagen von Mount-Everest-Bezwingern nach ihrer Rückkehr auf deren Glaubwürdigkeit. Erst nach dem Gipfelfoto und Ihrem Plazet gilt ein Aufstieg in der Szene als erfolgreich. Wie sind Sie dazu gekommen?
Elizabeth Hawley: Das hat sich einfach so ergeben. In den sechziger Jahren arbeitete ich als Korrespondentin für eine amerikanische Nachrichtenagentur und berichtete von hier aus über die ersten Expeditionen. Damals hatte das Ganze ja noch einen großen Neuigkeitswert.
ZEIT: Mittlerweile hat sich das geändert. In Anbetracht von mehr als 600 Besteigungen pro Jahr mehren sich Beschwerden über den allzu sorglosen Gipfeltourismus, der immer wieder Menschenleben fordert. Nach Nepal will jetzt auch China eine Altersbeschränkung für Expeditionen einführen. Von September an sollen die Everest-Aspiranten nicht älter als 60 und nicht jünger als 18 Jahre sein. Halten Sie das für sinnvoll?
Hawley: Ach, ich weiß nicht so recht. Natürlich ist der Aufstieg nach wie vor sehr gefährlich für jemanden, der keine Erfahrung hat. Aber das gilt ganz unabhängig vom Alter.
ZEIT: Statistisch gesehen, sind die Älteren aber die größte Risikogruppe. Jeder 20. Bergsteiger, der älter als 60 ist, kehrt von der Expedition nicht mehr zurück.
Hawley: Das stimmt schon. Seit etwa zehn Jahren wollen immer mehr Ältere nach oben, aber insgesamt betrachtet ist es doch noch eine eher überschaubare Anzahl. Und im Grunde finde ich, man sollte den Leuten da nicht reinreden. Sie müssen schon selbst wissen, was sie tun. Alt genug sind sie ja immerhin.
ZEIT: Und bei den Jüngeren? Den unteren Altersrekord bei einem Mount-Everest-Aufstieg hält derzeit ein 13 Jahre alter Amerikaner.
Hawley: Da sieht die Sache schon anders aus. Für junge Menschen ist der Aufstieg meines Erachtens viel gefährlicher. Sie sind körperlich noch nicht voll entwickelt, unerfahren, einfach unsicherer in ihrem Urteil. Ich halte das für einen großen Fehler. Teenager sollten tun, was Teenager eben tun – und dazu gehört nicht, auf Achttausender zu kraxeln.
ZEIT: Wie alt waren die ältesten Gipfelstürmer, deren Aufstieg Sie persönlich beglaubigt haben?
Hawley: Das war ein 75-Jähriger, der den Rekord als ältester Mount-Everest-Bezwinger einstellen sollte. Das ist ihm zwar auch gelungen, aber dann schaffte es kurz darauf auch der Nepalese Min Bahadur Sherchan, noch in derselben Saison. Jetzt hält er den Altersrekord, dabei war er nur ein paar Monate älter. Pech gehabt.
ZEIT: Haben Sie schon mal jemandem von einer Expedition abgeraten, weil Sie das Gefühl hatten, der schafft das nicht?
Hawley: Ich bekomme nicht jeden Einzelnen zu Gesicht, weil ich mit zwei Assistenten zusammenarbeite. Wir sprechen nur mit den Bergführern. Aber Ratschläge gebe ich eigentlich ohnehin selten. Ich bin ja hier, um Informationen entgegenzunehmen, nicht um sie zu verteilen.
ZEIT: Wenn sich die Altersbegrenzung durchsetzt, würde man Sie selbst als 85-Jährige auch nicht mehr auf den Mount Everest lassen.
Hawley: Das macht mir gar nichts. Ich war sowieso noch nie auf einem Berg.
ZEIT: Tatsächlich? Obwohl Sie seit Jahren das Treiben rund um den höchsten Gipfel der Welt dokumentieren? Hat es Sie da nie selbst in den Fingern oder, besser gesagt, in den Beinen gejuckt?
Hawley: Ach wo. Was soll ich denn da oben? Ich wäre dafür viel zu faul. Und wenn man einen Berg bezwingen will, muss man schon sehr motiviert sein, sonst hat das alles keinen Sinn.
Interview: Karin Ceballos Betancur
- Datum 30.06.2010 - 15:43 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.06.2010 Nr. 26
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Nettes und witziges Interview. Wie kann man nur so lange auf einem Berg, in einer Aufgabe ausharren? Sehr sympathisch.
"Und im Grunde finde ich, man sollte den Leuten da nicht reinreden. Sie müssen schon selbst wissen, was sie tun. Alt genug sind sie ja immerhin."
Eine Aussage, die ich mir bei vielen gesamtgesellschaftlichen Moraldebatten wieder wünschen würde. Ich bin diese Moralrhetorik leid, die bei jeder Frage, welche das Individuum betrifft, von-der-leyen-haft das Leid von Kindern, schlechten Eltern und Hunden heranzieht.
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