DIE ZEIT: Der amerikanische Präsident Barack Obama beklagt sich bitter über Länder wie Deutschland , die zu viel exportieren und zu wenig für die Binnenkonjunktur tun. Hat er recht?

George Soros: Ja.

ZEIT: Warum?

Soros: Weil auch die Gläubiger der Welt – vor allem Deutschland und China – etwas zur Überwindung der Krise beitragen müssen. Deutschland möchte alle Anpassungslasten den Schuldnerländern aufbürden. Die sollen ihre Ausgaben kürzen. Doch müssten auch die Gläubiger etwas tun: mehr Geld ausgeben und für Wachstum sorgen. Schließlich leidet die Weltwirtschaft an mangelnder Nachfrage und hoher Arbeitslosigkeit. Wenn keiner gegensteuert, droht eine Abwärtsspirale. Europa könnte genau das blühen.

ZEIT: Vergangene Woche sagte der Weltbank-Chef Bob Zoellick der ZEIT genau das Gegenteil : Am allerwichtigsten sei es, überall die Haushalte aus den roten Zahlen zu bringen.

Soros: Natürlich müssen die Schuldner sparen. Aber das allein ist keine Lösung. Schauen Sie nur mal nach Spanien . Dort war der Staatshaushalt vor der Krise in Ordnung. Dann ist eine Spekulationsblase auf dem Immobilienmarkt geplatzt. Nun besitzen also viele Investoren und Banken Immobilien, deren Wert stark gesunken ist. Sie können deswegen weniger Kredite vergeben und weniger konsumieren. Wenn nun zusätzlich auch noch der Staat seine Ausgaben runterschraubt, verstärkt er die Krise noch mehr.

ZEIT: Die Märkte verlangen aber genau das.

Soros: Ach, die Märkte! Die sind doch längst nicht so perfekt, wie viele es immer noch glauben wollen. In Wahrheit haben wir es in Europa nicht mit einer Krise der Währungen oder der Staatshaushalte zu tun, wie viele meinen, sondern mit einer Bankenkrise.

Wenn die Deutschen ihre Politik nicht ändern, wäre ihr Austritt aus der Währungsunion für den Rest Europas hilfreich
George Soros

ZEIT: Was ist denn der Unterschied?

Soros: Wenn man das europäische Bankensystem wieder in Ordnung brächte und mit frischem Kapital ausstattete, dann gäbe es in Spanien keine Krise mehr. Denn der Staat ist viel weniger verschuldet als viele andere europäische Länder. Er kommt nur deshalb kaum noch an Geld, weil es den Banken so schlecht geht.

ZEIT: Ein Großputz bei den Banken – und alles wird gut?

Soros: Jedenfalls wird ohne das nichts gut.

ZEIT: Es gibt doch längst milliardenschwere Rettungsfonds , um das Bankensystem so zu retten.

Soros: Aber keine Bank wurde gezwungen, ihre Bilanzen wirklich zu säubern. Das aber müsste geschehen. In Deutschland haben die Landesbanken immer noch große Probleme. Deutsche und französische Banken halten große Mengen spanischer Staatspapiere. Die sind heute viel weniger wert als zur Zeit des Kaufs. Die Banken sind also de facto insolvent oder zumindest stark unterkapitalisiert. Sie brauchen frisches Kapital.

ZEIT: Und wo soll das herkommen?

Soros: Aus dem europäischen Rettungsfonds.

ZEIT: Den haben die EU-Regierungschefs eingerichtet, um Ländern zu helfen, nicht Banken. Der soll auch möglichst nicht benutzt werden.

Soros: Und genau das ist falsch. Denn wenn Sie die Banken rekapitalisieren, helfen Sie auch den Ländern. Denn dann würden die ihre Staatsanleihen auch wieder leichter los. Und es würde einige Dinge gerade rücken.