Mit elf Jahren war Herbie Hancock ein Wunderkind der klassischen Musik und spielte Mozart mit dem Chicago Symphony Orchestra. Mit 23 erhielt er den Anruf, der ihn in den Jazz-Olymp erhob: Er wurde Pianist im Quintett von Miles Davis. Seitdem hat er sich und seine Musik immer wieder neu erfunden. Hancock war in den Siebzigern dabei, als der Jazz elektrisch wurde. Mit »Rockit« gelang ihm 1983 ein zwischen Jazz, Funk und Elektronik angesiedelter Instrumentalhit, der ihm den Rang eines Popstars eintrug. Im April ist Herbie Hancock 70 Jahre alt geworden, und pünktlich zum runden Geburtstag hat er eine neue CD veröffentlicht – »The Imagine Project«. Es ist ein Reigen illustrer Songs, den Hancock mit einer geografisch wie stilistisch Grenzen überschreitenden Riege von Popstars eingespielt hat: Tina Turner und Seal, Anoushka Shankar und Pink, Jeff Beck, Los Lobos, The Chieftains, Oumou Sangare – die Liste ist lang. Das Interview gibt Hancock in einem New Yorker Hotelzimmer mit Blick auf den Central Park. Umwerfend frisch wirkt der 70-Jährige, mit Feuereifer spricht er über sein musikalisches Globalisierungsprojekt.

DIE ZEIT:Joni Mitchell schenkte Ihnen einmal eine Uhr mit der Aufschrift: »He Played Real Good For Free«.

Herbie Hancock: Ich wusste damals gar nicht, dass das ein Songtitel von ihr war. Ich kenne mich nicht so gut mit Songs aus. Auch von englischen Texten verstehe ich eigentlich nichts. Das hat wohl damit zu tun, dass ich fast immer instrumental gearbeitet habe und bei Musik in erster Linie andere Dinge wahrnehme, Rhythmen, Melodien, Harmonien.

ZEIT: Aber die Botschaft passt. Joni Mitchell spielt damit ja darauf an, dass Sie offenbar bereitwillig an Benefizaktionen teilnehmen. Richtig gut und for free eben.

Hancock: Das stimmt schon: Ich habe eine Menge Benefizkonzerte gespielt, für soziale Gruppen, für Civil Rights, für Frauenrechte.

ZEIT: Vor zwei Jahren haben Sie auch an Will.i.ams Vertonung einer Obama-Rede mitgewirkt. Hat sich dieses politische Engagement gelohnt? Sind Sie mit dem ersten Jahr der Präsidentschaft Obamas zufrieden?

Hancock: Auf jeden Fall. Es hat bedeutend mehr Wandel gegeben, als die Leute mitkriegen. Obama hat einige Dinge umgesetzt, die bisher keiner geschafft hat. Nimm die Reform des Gesundheitswesens: Es ist sicher nicht die beste, die man sich vorstellen könnte, aber immerhin haben wir den ersten Schritt getan. Ich bin immer noch voller Hoffnung. Es ist eine Menge Pessimismus im Umlauf, und die Menschen reagieren auf eine Verunsicherung immer gleich: Sie versuchen, einen zu finden, auf den sie mit den Fingern zeigen können. Jeder, der klare Schuldzuweisungen macht, bekommt sofort viel Zuspruch. Ich frage stattdessen, was wir als Individuen tun können, um in die Richtung zu steuern, die wir uns wünschen. Darum geht es auch mit diesem Album.

ZEIT: Sie wollen mit dem Imagine Project demonstrieren, dass Globalisierung auch als Austausch von gleichberechtigten Standpunkten funktionieren könnte? Überschreitet das nicht die Möglichkeiten von Musik?