Gespräch mit Herbie Hancock Mit dem Klavier gegen GierSeite 3/3

Hancock: Ich möchte alle Türen offenhalten, um in die verschiedensten Richtungen arbeiten zu können. Es hilft mir, meine Möglichkeiten bis in die Feinheiten weiter auszuloten.

ZEIT: Hat das nicht auch damit zu tun, dass der Jazz heute nicht mehr so vital ist wie in der klassischen Phase zwischen 1945 und 1970?

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Hancock: Man schwärmt mir immer wieder von damals vor. Von verrauchten Clubs, nächtelangen Sessions und toller Musik. Alles sehr romantisch, mit der Realität hat es aber nichts zu tun. Die Realität war hart. Als ich angefangen habe, hatten der Trompeter und der Saxofonist zusammen ein Mikrofon. Wenn der Schlagzeuger nicht ganz soft spielte, konntest du die Pianisten nicht hören. Das war gut so, denn oft waren die Klaviere in einem miserablen Zustand. Es war ein großer Fortschritt, als das elektrische Rhodes-Klavier herauskam: Der Schlagzeuger musste nicht mehr so leise spielen, ich konnte einfach die Lautstärke hochdrehen. Es gab auch einen großen Zusammenhalt zwischen den Musikern, wir haben kein Konzert der anderen ausgelassen, ständig gab es Jam Sessions. Aber nach allem, was ich höre, gibt es das heute kaum noch. Es ist tatsächlich nicht mehr so, wie es einmal war.

ZEIT: Hat sich der Jazz also überlebt?

Hancock: Ich sehe eine Menge junger Jazzmusiker von den Schulen kommen, die sind alle talentiert und gut. Das zeigt: Der Jazz ist nach wie vor sehr lebendig. So wie man mir damals geholfen hat, versuche ich nun, den Jungen meine Erfahrungen weiterzugeben, sie zu ermutigen, ihren eigenen Weg zu finden. Nicht meinen Weg, sondern ihren Weg. Ich hatte diesen großen Lehrer Miles Davis. Miles hat uns nie gesagt, was wir spielen sollen, nie, fünfeinhalb Jahre lang. Einmal, als er sah, dass mir nichts einfiel, als überhaupt nichts kam, sagte er: »Spiel ein B im Bass.« Ich spielte also ein B im Bass, und das war definitiv nicht der richtige Ton. Aber ich habe weitergesucht, und irgendwann habe ich etwas gefunden. Ich habe Jahre gebraucht, um zu sehen, wie das funktionierte. Er hat mich dazu gebracht, nicht seinem Beispiel zu folgen, sondern meine eigenen Antworten zu finden. So lehrt ein echter Meister! Miles hat keine Urteile abgegeben, er sagte nie, ich mag dies nicht, ich mag das nicht. Einmal habe ich einen völlig falschen Akkord gespielt, mitten in Miles’ Solo. Die Töne, die er dazu spielte, banden meinen Fehler so ein, dass er plötzlich zu etwas Richtigem geworden war – das haute mich um. Er hat das nicht als einen falschen Akkord gehört, sondern als etwas, das passierte. Und er hat die Verantwortung übernommen, daraus etwas Richtiges zu machen. Das ist für mich die Essenz meiner Erfahrung mit ihm. Und die ist immer da, deshalb kann ich gar nicht sagen, dass ich ihn vermisse. Vielen, die mit Miles gespielt haben, geht das so, und sie sagen, wie sehr sie von ihrer Zeit mit Miles berührt waren – unbeschreiblich, fast schon mystisch. Jetzt versuche ich selbst alles, was passiert, so zu nehmen, dass daraus etwas Gutes entsteht. Was auch immer im Leben passiert – Hindernisse gehören dazu. Sie zu besiegen ist der Schlüssel zum Glück. So ist auch die buddhistische Lehre: Was auch immer im Leben geschieht – versuche einen Weg zu finden, das Hemmnis in etwas zu verwandeln, das dein Leben bereichert. Hinter dem Hemmnis versteckt sich etwas, das du besiegen musst, um frei zu sein.

 
Leser-Kommentare
  1. Wie wäre es mit "Zum Beispiel die Reform..."

  2. eine einleitung, die "rockit" zwar nicht vergisst, aber dessen initiatorische wirkung auf die groesste jugendkultur seit den hippies nicht erwaehnt - ich rede vom hip hop - wirkt dadurch sofort ein wenig akademisch, angelesen. mit rockit haben herbie hanckock und grandmaster dxt 83 eine bruecke gebaut, die eine ganze generation mit der tradition verband und gleichzeitig in die zukunft katapultierte. das war nicht einfach so ein pophit.

  3. Will mich bei dem Autor Stefan Hentz
    für das klasse Interview mit Herbie Hancock
    bedanken !
    Sie haben genau das erfragt,
    was mich interresiert hat :)

    danke !

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