Kino "Summer Book" Allein mit der Zukunft

In "Summer Book" macht der türkische Regisseur Seyfi Teoman aus einem schweren Thema einen wunderbar leichten Film

Manchmal, wenn das Drehbuch keine Muskeln zeigt, wenn kein Schnitt um Bewunderung buhlt und keine Geschichte nach ihrer Auflösung drängt, kurz: wenn Bilder einfach Bilder sind, dann kann das Kino ganz bei sich sein. Summer Book von Seyfi Teoman ist ein solcher Film, der zunächst einfach Bild, Atmosphäre, eine Folge von Einstellungen ist: Schulkinder, die durch die Landschaft stürmen, während ein kleiner Junge abseitssteht und in die Ferne blickt. Frauen auf der Fahrt zur Gemüseernte. Ein Metzger, der seinen Laden öffnet. Eine Mutter, die im Haus werkelt. Ein junger Mann, der gerade mit dem Bus aus Istanbul eintrifft. Es ist der Rhythmus einer türkischen Kleinstadt, deren Bewohner in Bewegung sind. Man schaut ihnen zu, aufmerksam, neugierig, wohin ihre Schritte führen mögen. Über allem liegt die flirrende Sommerhitze Anatoliens.

Aus diesem Wechsel von Wegen, Blicken und kleinen Besorgungen tritt eine Familie mit ihrem Alltag hervor. Und kaum fühlt man sich mit dem sommerlichen Kleinstadtdasein vertraut, da kommt es auch schon ins Stocken. Auf einer Geschäftsreise erleidet der Vater einen Herzinfarkt und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Das Bangen um den Patriarchen, die Nähe des Todes, der seltsame Schwebezustand zwischen Angst und Hoffen erfasst den gesamten Film und seine Figuren. Bei jeder gerät der Alltag auf ganz eigene Weise durcheinander. Die Mutter äußert endlich ihren Verdacht, dass der Sterbende eine Geliebte habe, und sucht Hilfe bei einer Wahrsagerin. Der Onkel übernimmt die Rolle des Familienoberhaupts, ohne sie ausfüllen zu können. Der ältere Sohn sieht endlich die Chance, die verhasste militärische Ausbildung abzubrechen. Der Kleine versucht mühsam, wie vom Vater aufgetragen, auf der Straße eine Schachtel Kaugummis zu verkaufen, und steckt dabei seine erste Tracht Prügel ein. Erhebend sind die Ruhe und Freiheit, mit der Seyfi Teoman vom Ausnahmezustand seiner Figuren erzählt. Es scheint, als trete seine Kamera vor jeder Einstellung einen Schritt zurück, um den einzelnen Personen Raum zu lassen für ihre Verstörung, für ihre Trauer oder für den Versuch, die Trauer zu verdrängen.

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Doch so privat die Dinge sein mögen, von denen hier erzählt wird – von den Rändern drängen die Zeichen einer autoritär organisierten Gesellschaft ins Bild. Die hohlen Atatürk-Elogen im Schulunterricht. Eine militärisch auftretende Polizei. Die öffentlichen Durchsagen über die Straßenlautsprecher, in denen mal von vermissten Kindern, mal von Sonderangeboten und mal von Gesetzesänderungen die Rede ist.

Diese leise, aber umso länger nachhallende Annäherung an ein Land im langsamen Umbruch ist in der gegenwärtigen türkischen Kinolandschaft keine Ausnahme. Gemeinsam mit Semih Kaplanoğlu, Yeşim Ustaoğlu und Nuri Bilge Ceylan gehört Seyfi Teoman zu einer Generation türkischer Filmemacher, die in den letzten Jahren ins Schlaglicht der großen internationalen Festivals gerückt ist. Ihnen gemeinsam sind ruhige Erzählrhythmen und Geschichten über das Bröckeln der alten Autoritäten und Gewissheiten, über die unterschiedlichen, gleichwohl miteinander verwobenen Lebensformen in Großstadt und Provinz. Auch Semih Kaplanoğlus diesjähriger Berlinale-Sieger BalHonig spielt in der türkischen Provinz, auch hier muss ein kleiner Junge über den Tod seines Vaters hinwegkommen. Man muss diese sechsjährigen Steppkes nicht gleich zu Symbolgestalten einer vaterlosen Türkei aufladen. Aber im Gedächtnis werden diese Kinohelden zu emblematischen Figuren, die mit ihren schweren Schulranzen eine zu große Last auf den schmalen Schultern tragen.

Es mag eine Binsenweisheit sein, dass die Alten verschwinden müssen, damit eine Gesellschaft in Bewegung kommt. Aber in Bal und Summer Book bekommen die Söhne nicht einmal mehr Gelegenheit, sich an den Vätern abzuarbeiten. Der Verlust lässt sie mit sich und ihrer Zukunft ganz und gar allein, wofür beide Filme klare Bilder finden: In Bal , der in den grünen Bergen der Nordtürkei spielt, durchquert der Junge auf dem Weg zur Schule und zurück allein mehrmals einen tiefen Wald. Den Helden von Summer Book sieht man immer wieder die endlose baumgesäumte Straße zwischen Wohnhaus und Stadtzentrum entlanglaufen.

Das Buch in Summer Book ist übrigens ein Hausaufgabenheft, das dem Helden am letzten Schultag von einem Kameraden entwendet wird. Wohl dank seines kleinen Kaugummihandels gelingt es ihm, ein neues Heft zu kaufen. Am Ende sitzt der kleine Junge wieder in seiner blauen Schuluniform im Unterricht, genau wie in der allerersten Einstellung. Doch zwischen dem Beginn und dem Ende der großen Ferien hat sich Unerhörtes ereignet. Und so bleibt Summer Book ein leichter Film zu einem schweren Thema. Weil er davon erzählt, dass zum Tod auch gehört, dass das Leben einfach weitergeht.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Wunderschöner Artikel, scharfsinnige Interpretation. Wenn ein Film in seiner Rezension lyrische Wendungen wie "...die mit ihren schweren Schulranzen eine zu große Last auf den schmalen Schultern tragen." erzeugen kann, dann hat hier Poesie Poesie erzeugt.

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