Ein Foto der Geburtsstunde, aufgenommen am 30. Juni 1960 in Léopoldville: Belgiens König Baudouin I. in einer offenen Limousine auf dem Weg zur Unabhängigkeitsfeier im kongolesischen Parlament. Ein Mann hat sich an den Wagen gedrängt, dem Monarchen den Säbel vom Gürtel gerissen und hält die Waffe in die Höhe. Es ist vielleicht das Bild vom Ende des Kolonialismus in Afrika. Der Weiße verliert das Symbol seiner Macht, dem Schwarzen stehen gleichermaßen Triumph und Panik im Gesicht.

Irgendwo auf der Straße, die heute Boulevard Lumumba heißt, muss diese Szene passiert sein. In der Stadt, die heute Kinshasa heißt. 50 Jahre später kommandieren hier mürrische Chinesen schwitzende kongolesische Bauarbeiter. Der Schlaglochparcours soll in einen glatten Boulevard verwandelt werden rechtzeitig zur ganz großen Parade.

Afrika feiert – nein, nicht nur die Fußball-WM, sondern auch ein halbes Jahrhundert Ende der Kolonialzeit. Das Jahr 1960 markiert den geburtenstärksten Jahrgang der jungen Nationen: 17 neue afrikanische Staaten entstanden. ( Um die Karte zu vergrößern, klicken Sie bitte hier ). Der Kongo ist der größte und fragilste Jubilar. 64 Millionen Einwohner mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von jährlich 290 Dollar und Bodenschätzen im Wert von Milliarden unter den Füßen. Wichtigste Exportgüter: Diamanten, Kupfer, Kobalt und Schlagzeilen über Rebellen und Massengräber.

Ein Schlüsselland für die Ökonomie des Kontinents. Sagt die Weltbank. Afrika habe die Form eines Revolvers, und der Kongo sei der Abzug. Sagte Frantz Fanon, Vorkämpfer gegen den Kolonialismus. »Einfach irrsinnig anstrengend«, sagt Willy Mubobo, von dem noch die Rede sein wird.

50 Jahre Unabhängigkeit – was haben sie eigentlich gebracht für dieses Herz- und Kernland des Kontinents? Auf zweitausend Kilometern von Kinshasa ins Landesinnere und zurück findet man keine Antwort, aber einige Indizien.

Das Ziel der ersten Etappe heißt Kikwit, 500 Kilometer östlich von Kinshasa. Die erste Mitfahrgelegenheit bietet Willy Mubobo Nzamba. Mubobo ist 46 Jahre alt und Politiker. Richtungsangabe: »sozialdemokratisch«. Zu Mobutus Zeiten war er Bankangestellter und Dissident. In seinem Lebenslauf stehen außerdem zehn Jahre politisches Asyl in München, Berufserfahrung bei Plus Markt und die Mitgliedschaft in der P arti Lumumbiste Unifiés (Palu). Deren Chef heißt Antoine Gizenga, der letzte politisch aktive Weggefährte des Helden der Unabhängigkeit, Patrice Lumumba.

2006, bei den ersten halbwegs freien und fairen Wahlen nach über vier Jahrzehnten, schnitt die Partei so gut ab, dass Gizenga Premierminister und Willy Mubobo stellvertretender Minister für ländliche Entwicklung wurde. »Ging alles ein bisschen schnell«, sagt er heute. Seit einer Regierungsumbildung ist er wieder einfacher Abgeordneter. Die Gegend um Kikwit ist sein Wahlkreis. 

Hinter Kinshasa beginnt eine Hügel- und Savannenlandschaft, die zu »Ah, Afrika!«-Seufzern verführen könnte, würde sie nicht unterbrochen durch Relikte einer gescheiterten Modernisierung und Anzeichen von Wiederaufbau. Wie ein Raumschiff mit Motorschaden schimmert eine riesige, verdreckte Parabolschüssel in der Sonne, ein Hightechprojekt der siebziger Jahre, das seit Langem verrottet. Hinter der nächsten Kurve stehen plötzlich Walzen, Bagger, Laster. Dann, wie eine Fata Morgana, eine frisch geteerte Teilstrecke, glatt und schwarz wie Lakritz, mit Fahrbahnmarkierung und mindestens drei Zebrastreifen pro Dorf. Verkehrsberuhigung in einem Land, in dem man außer an Malaria und Tuberkulose auch leicht am Fern- und Nahverkehr sterben kann. »Ist doch auch mal ein Bild«, sagt Willy. Nicht immer nur Kindersoldaten. Wir duzen uns nach den ersten 200 Kilometern.