Konservatismus Die Wirklichkeit ist krumm
Und damit sollte man jederzeit rechnen: Aus dem Gefühlshaushalt eines Konservativen.
Dies vorneweg, um keine falschen Erwartungen zu wecken: Bei welcher Partei jemand sein Kreuzchen macht, hat wenig damit zu tun, ob er konservativ ist oder nicht. Konservativ zu sein ist eher eine seelische Gestimmtheit und eine ästhetische Haltung zur Welt. Sie spielt sich auf einer vorpolitischen Ebene des Naturells ab, die allenfalls in Teilen durch Parteienprofile abgebildet wird. Ob jemand starke konservative Persönlichkeitsanteile hat, bemerkt man eher bei emotionalen Fragen des Geschmacks als bei seiner Parteienpräferenz. Die Zeiten der harten Weltanschauungskonfrontationen sind ohnehin vorbei. Ein geschlossenes Weltbild gibt es nicht – erst recht nicht für einen Konservativen, der von der Widersprüchlichkeit und Fülle der Wirklichkeit ausgeht, die alle Begriffe übersteigt. Es gibt nur Instinkte und Intuitionen.
Wenn man verstehen will, wie ein Konservativer tickt, hilft der Blick auf eine Redensart: Alte Zöpfe, heißt es, gehörten abgeschnitten. Da zuckt der Konservative zusammen. Natürlich sind vor den Augen der Vernunft alte Zöpfe dysfunktional, unmoralisch, lächerlich und antiquiert. Mit rationalen Argumenten lassen sich alte Zöpfe kaum verteidigen. Trotzdem erhebt der Konservative sein Veto gegen ihre Abschaffung. Zum einen sagt ihm seine Erfahrung, dass die Urteile der Vernunft so universell und zeitlos in Wahrheit gar nicht sind und die Vernunft selbst ihr Fähnchen öfter in den Wind hängt, als ihr lieb sein kann. Zweitens neigt der Konservative dazu, in Zyklen zu denken. Er weiß: Was heute abgeschafft wird, wird schon morgen beweint. »Warte nur, Bürschchen«, sagt er im Stillen zu dem jugendlichen Revoluzzer, »in zwanzig Jahren trägst du auch einen Zopf.« Und drittens steht der Konservative gern auf verlorenem Posten. Dass die Zeit über seine Sache hinweggehen und alle alten Zöpfe mit scharfer Schere und mittelschweren Verwundungen im Nackenbereich abschneiden wird, ist eine ehrenwerte Niederlage im Namen der Pietät. Ja, es befriedigt ihn auf eine trotzige Art, wenn die Menschen den Kopf über ihn schütteln oder ihn wütend zum Teufel wünschen, weil er für die Schönheit alter Zöpfe plädiert.
Alles Zeremonielle bereitet dem Konservativen große Freude. Zeremonien und Rituale sind etwas, das man unter Effizienz- und Rationalitätsprinzipien kaum rechtfertigen kann. Sie sind überflüssig, umständlich: Hokuspokus. Zugleich sind sie aber das, was die Blöße des Individuums, die Nacktheit seiner Existenz, gnädig bedeckt. Für diese Nacktheit der menschlichen Existenz hat der Konservative ein ausgeprägtes Sensorium. Es geht bei ihm einher mit einem antiindividualistischen Vorbehalt. Der Konservative hält das moderne Ich für eine nicht gar so dolle Sache, als dass diesem Ich, das sich selbst jederzeit für Prometheus hält (» Hast du’s nicht alles selbst vollendet, / Heilig glühend Herz?«), nicht der ein oder andere Zopf gut zu Gesicht stünde. Dass wir ohne äußere Formen nackt dastehen, ist die Grundeinsicht des Konservativen. Deshalb ist auch das Volk gefühlskonservativ: Es vertraut Sitten und Gebräuchen mehr als hochfliegenden utopischen Entwürfen.
Wenn die amerikanischen Uni-Absolventen ihre Hüte in die Luft werfen, wenn die Mitglieder des englischen Parlaments in Anwesenheit der Königin ihre weißen Perücken aufsetzen, wenn die Leibgarde des französischen Staatspräsidenten diesen mit wippendem Helmbusch umhüpft, wenn aus dem Schornstein des Vatikans weißer Rauch emporsteigt, wenn Universitätsdekane bei feierlichen Anlässen ihre Barette aufsetzen und – trotz des Muffs von 1000 Jahren – ihre Talare sich über die Schulter werfen, wenn die deutschen Verfassungsrichter zur Urteilsverkündung ihre roten Roben anlegen, wenn die Tochter des Hauses vor dem Gast einen Knicks macht, wenn der Vater der Braut diese zum Altar führt, wenn der Schützenverein drei Salutschüsse zu Ehren des Bürgermeisters abfeuert, dann kann man sich über all diese Rituale leicht lustig machen, sie ins Lächerliche ziehen und für überflüssig erklären. Dem Konservativen aber geht das Herz auf, denn er sagt sich: »Wenn wir das alles erst mal abgeschafft haben, bleibt nicht viel übrig an Farbe in der Welt.«
Deutschland ist, so gesehen, für den Konservativen kein günstiges Vaterland. Die staatliche Selbstrepräsentation kommt fast völlig ohne alte Zöpfe aus. Dann und wann ein Großer Zapfenstreich ist das höchste der Gefühle, sonst regieren Nüchternheit und Funktionalität. Ganz in der Tradition protestantischer Schriftkultur soll allein der Geist des Grundgesetzes die Bundesrepublik zusammenhalten.
Die Neigung zu Formen und Ritualen hat nämlich keineswegs nur ästhetische Gründe. Anders als es das Klischee will, glaubt der Konservative gerade nicht an die heile Welt. Er ist im Gegenteil von der Gebrochenheit der menschlichen Existenz zutiefst überzeugt. Für ihn braucht der Mensch feste Formen, die ihn stützen, weil sonst alles aus dem Leim geht. Mit Fontane sagt er gerne: »Es geht nicht ohne Hilfskonstruktionen.« Den reinen Vernunftstaat gibt es nur auf dem Papier, nicht in der Wirklichkeit. Deswegen braucht es Hilfskonstruktionen. Rituale und Zeremonien sind solche Hilfskonstruktionen. Aber vor allem die Institutionen.
- Datum 24.06.2010 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.06.2010 Nr. 26
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