Konservatismus hatte in Deutschland lange keinen guten Ruf. Selbst Politiker der Unionsparteien wollten nicht immer konservativ genannt werden; es hatte den Klang des Verstaubten, des Unbeweglichen und Autoritären, manchmal des Korrupten und Hartherzigen. An alldem konnte, von Fall zu Fall, auch etwas Wahres sein; es traf und trifft aber nicht den Kern des Konservatismus, der das Bewährte gegen einen zweifelhaften Fortschritt schützen will. Die Abwertung des Konservativen hatte vielmehr damit zu tun, dass der Fortschritt in der Nachkriegszeit für die allermeisten nur Segen gebracht hat: die Emanzipation der Frau, den Abbau autoritärer Strukturen, die Zunahme von Aufstiegsmöglichkeiten, Massenwohlstand und ganz allgemein die Demokratisierung der Gesellschaft. Wer diesen Fortschritt bekämpfte oder bremsen wollte, konnte nur ein schlechter Mensch sein, der tradierte Privilegien und Machtverhältnisse gegen eine hellere Zukunft verteidigte.

Was aber, wenn der Fortschritt seine Richtung ändert und sich gegen die emanzipatorischen Errungenschaften wendet? Wenn die Globalisierung den Wohlstand gefährdet, die wirtschaftliche Entwicklung die Frauen an den Herd zurückdrängt, die Technik die Freiheit bedroht und autoritäre Strategien begünstigt, die Konkurrenzfähigkeit auf internationalen Märkten nur um den Preis verminderter Sozialleistungen erhalten werden kann? Dann kann mit einem Male das, was einst gegen konservative Kräfte durchgesetzt wurde, selbst zu einem Gegenstand konservativen Bewahrens werden. Es sollte nicht wundernehmen, wenn die Bundesrepublik, die lange – und auch von den Unionsparteien – im Namen des Fortschritts regiert wurde, heute quer durch alle Lager eine konservative Wendung nähme.