Kylie Minogue "Wir gaukeln ihnen ein wunderbares Leben vor"
Ihr Name steht für den perfekten Körper und den perfekten Pop. Die Sängerin Kylie Minogue über den vergeblichen Versuch, nach ihrer Krebskrankheit vernünftig zu leben, über falsche Gerüchte und ihre Leidenschaft für Scrabble
© Darenote

Kylie ist wieder da. "Der Rummel bedeutet für mich vor allem enormen Druck", sagt die Sängerin
ZEITmagazin: Frau Minogue, in Deutschland ist kürzlich wieder ein Journalist aufgeflogen, der sich Interviews mit Musikern ausgedacht hatte. Sie sind nun seit gut zwanzig Jahren im Pop-Geschäft – wie viel von dem, was Sie über sich lesen, ist erfunden?
Kylie Minogue: Sehr, sehr viel, aber das gehört wohl dazu. Bei der Boulevardpresse überrascht es mich auch nie, aber bei den sogenannten seriösen Medien bin ich immer wieder erstaunt. Ich bin mehr als mein halbes Leben im Showbusiness und trotzdem irritiert, wenn Menschen sich irgendwelchen Quatsch über mich ausdenken. Natürlich ist mir die Intention dahinter klar, aber dass sich jemand hinsetzt und darüber grübelt, was Kylie Minogue gerade Wildes getan haben könnte, ist bestürzend. Und es ist schlimmer geworden.
ZEITmagazin: Warum?
Minogue: Wegen Google. Journalisten auf der ganzen Welt, die eine Geschichte schreiben wollen, nutzen diese Suchmaschine, und aller Unsinn, der je über mich erfunden wurde, geistert für alle Zeiten durch das Internet.
ZEITmagazin: Was sagen Sie zu der verwegenen These, dass ausgedachte Zitate manchmal vielleicht interessanter sind als alles, was manche Prominente tatsächlich zu sagen haben?
Minogue: Ab und zu kommt das, was mich angeht, sogar hin, dann lese ich eine vermeintliche Aussage von mir und denke, das habe ich zwar nie so gesagt, aber es klingt irgendwie originell. Schade, dass mir das nicht eingefallen ist. Aber das bleibt dann doch eher die Ausnahme, das meiste Ausgedachte ist ärgerlich, und ich bin froh, dass mal einer von diesen sogenannten Journalisten erwischt wurde. Normalerweise verbreiten sich diese Falschmeldungen so rasant, dass es einfach unmöglich ist, herauszufinden, wer sie sich ursprünglich mal ausgedacht hat.
ZEITmagazin: Was ist der größte Unsinn, den Sie je über sich gelesen haben?
Minogue: Wo soll ich da anfangen? Ist Kylie ein Alien? war mal eine irrwitzige Schlagzeile. Toll ist auch das aktuelle Gerücht, dass ich in meinem Haus einen mittelalterlichen Kerker eingerichtet hätte, und zwar nicht im Keller, sondern unter dem Dach! Daran, dass ich normalerweise jede Woche mit jemand anderem verheiratet oder verlobt bin oder mindestens schwanger, habe ich mich gewöhnt. Natürlich ist das irritierend, aber es ist auch Routine.
ZEITmagazin: Schwindeln Sie selbst manchmal in Interviews, wenn Fragen zu indiskret werden?
Minogue: Ich sage nie die Unwahrheit, aber ich bin ganz gut darin, um die Wahrheit herumzureden. Diese Technik habe ich mit den Jahren perfektioniert.
ZEITmagazin: Sie waren ein Teenager, als Sie berühmt wurden. Hatten Sie jemals ein Medientraining? Hat Ihnen ein Profi erklärt, was man in Interviews sagt und was besser nicht?
Minogue: Nein, so was gab es in den achtziger Jahren noch nicht. Ich habe nie einen einzigen Ratschlag bekommen, wie ich mich gegenüber Journalisten zu verhalten habe. Aber damals waren die Medien auch noch nicht so allgegenwärtig wie heute. Die Kids, die heute bei Pop Idol, The X Factor und all diesen anderen TV-Spektakeln hier in England mitmachen, werden da besser vorbereitet, sonst würden sie den Rummel wohl kaum überstehen. In meiner Karriere war dagegen alles ungeplant: Ich wurde sehr jung aus Zufall Schauspielerin in einer Fernsehserie in Australien, und ehe ich mich’s versah, war ich Sängerin in England. Das ging alles so schnell, dass ich kaum Zeit hatte, länger darüber nachzudenken.
ZEITmagazin: Was ist wichtiger im Pop: die Wahrheit oder die Illusion?
Minogue: Ich repräsentiere beides: Meine Wahrheit ist, dass ich diesen Job ernst nehme und aufrichtig angehe. Ich liebe die Kunstform Pop, ich liebe es, aufzutreten, und meine Stimme ist echt. Wenn ich ein Konzert gebe, verbringe ich mit meinen Fans zweieinhalb aufregende Stunden, in denen sie und ich viel Freude haben. So was kann man auch nicht fälschen. Und die Illusion ist ja offensichtlich: Wir gaukeln ein wunderbares Leben vor, das es so nicht gibt.
- Datum 24.06.2010 - 08:59 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 24.06.2010 Nr. 26
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Warum frage ich mich, warum können viele Politiker oder Künstler erst dann ein wenig offen sprechen wenn sie entweder, wie Geißler, in Rente sind, oder wie Minogue schon sehr sehr erfolgreich?
Scheinbar braucht es viel Geld oder, wie bei Geißler, den Verlust der Macht.Das ist doch eigenartig, sehr eigenartig!
Ohne daß mir klar ist, woran Sie bei Kylie Minogue einen Wandel zu früher festmachen wollen (sie war doch immer so eine Freundliche), ist es durchaus nicht merkwürdig, daß Menschen ohne Sorgen freier sind als solche mit.
Wer Geldsorgen hat, Erwartungen erfüllen muß oder in sonstigen Zwängen festgezurrt ist, muß viel mehr darauf achten, was er sagt, als jemand, der finanziell sorglos ist, alle Erwartungen erfüllt hat und auch frei von als hinderlich empfundenen gesellschaftlichen Zwängen ist.
(Im übrigen bin ich genau deshalb auch für ein bedingungsloses Grundeinkommen - um den Menschen die existentiellen Sorgen zu nehmen, so ihre Kreativität freizusetzen und die Offenheit, Aufgeschlossenheit und Mitmenschlichkeit zu ermöglichen, die die Menschheit voranbringen.)
Ich finde es ziemlich positiv überraschend, dass Frau Minogue sich hier so selbstreflektiert und offen gibt. "Eigenartig", ja, aber im sehr wörtlichen Sinne genommen!
Dass das vorher anscheinend nicht oder nicht so passiert ist, liegt meines Erachtens im System selbst; diese Musik wird ja (in der Mehrheit) nicht von selbstreflektierten, erwachsenen Menschen gehört, sondern von "dummen" (im Sinne Immanuel Kants: mangelnd an Urteilskraft), kleinen Heranwachsenden, die von dem System dermaßen eingenommen sind, dass sie die Wahrheit gar nicht hören wollen. In den meisten Fällen finden sie das aber mit der Zeit schon selbst heraus...
so gesehen ist es eigentlich eine Frechheit von Frau Minogue, so offen über die Nicht-Autorenschaft "ihrer" Lieder und andere Krankheiten der Pop-Plattenindustrie zu sprechen, als sei es auf einmal ganz selbstverständlich; aber, ich bleibe dabei, es ist eine überraschend sympathische Frechheit
Ein wunderschöner, ehrlicher Artikel und die letzten Sätze: Erste Sahne;)
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