Der Besucher fühlt sich etwas beklommen, als er im 6. Arrondissement vor einer angsteinflößenden, gewiss dreieinhalb Meter hohen Wohnungstür steht. Der Mann, der ihn mit verlegener Freundlichkeit hineinbittet, ist ein 1,92 Meter großer 64-jähriger Schlaks. »Un grand garçon«, einen großen Jüngling, nannte Le Monde den französischen Schriftsteller Patrick Modiano erst unlängst.

Modianos linkische Art und seine verwirrende, zögerlich suchende Sprechweise sind legendär. Zum Glück helfen die mitgebrachten Narzissen über die ersten paar Minuten. Wir durchqueren ein düsteres Wohnzimmer mit Kamin und gelangen in ein lichtdurchflutetes Arbeitszimmer. Modiano bleibt in der Mitte stehen, der Besucher auch.

Modianos Erstling aus dem Jahr 1968, Place de l’Étoile, ist in Deutschland gerade zum ersten Mal erschienen. Sein Held heißt Schlemilovitch, weil der Peter Schlemihl von Adalbert von Chamisso den jungen Modiano einst begeistert hat. Nun möchte der Dichter seinem mit 42-jähriger Verspätung endlich nach Deutschland zurückgekehrten Schlemihl ein Wort ans deutsche Publikum mitgeben. Es hat ja seinen Grund, dass mit Ausnahme des Schlemovitch-Romans alle 21 Romane Modianos sogleich ins Deutsche fanden. Diese Geschichten von Verlorenen, die Verlorene suchen, waren für Deutsche wie geschaffen. »Fremd bin ich eingezogen. Fremd zieh’ ich wieder aus« – so etwas versteht das deutsche Publikum. Aber wie wird es sich zu einem jüdischen Modiano-Helden verhalten, der sich rühmt, der Liebhaber Eva Brauns zu sein, der sich mit Hitler »bestens« versteht, den der Führer »zum SS-Brigadeführer h. c. ernannt« hat und der dann zu allem Überfluss auch von israelischen Geheimagenten gefoltert wird?

Noch immer stehen Modiano und sein Besucher mitten im Arbeitszimmer. Ein großer alter Arbeitstisch, viele Fotos, weder Schreibmaschine noch PC. Ja, hier schreibe er. Ja, ohne jede Maschine, auch nicht in Hefte oder Blöcke, das würde ihn unfrei machen, seine Art des Suchens einengen, nur auf einzelne Blätter, auf denen schreibe er sich vor ins Dunkle seiner Erinnerungen und Imaginationen, er habe meist nur ein erstes Bild, dem er sich überlasse, alles andere sei offen, allenfalls einen Schlusssatz habe er im Kopf. Nein, er schreibe einen Text nicht zwei oder drei Mal. Wenn er sich verirre, mache er einfach einen Umweg, um zurückzufinden. Wenn ihm die Sache von der Straße rutsche, versuche er, sie aus dem Graben wieder hochzukriegen, und nehme auch dieses Hochhieven in den stetig sich fortsetzenden Text.

Wie das zum Ganzen werde, beschäftige ihn wenig. Er hänge einfach, wie bei einem Kinderspiel, Waggons an Waggons, bugsiere oft noch eine Episode hinein, die geradeso gut zu einem Roman für sich werden könnte, die Verbindung sei dann Juweliersarbeit, wie das unsichtbare Einfassen von Edelsteinen.

Ganz so sagt das Modiano freilich nicht. Denn Modiano spricht nicht in Sätzen. Er beginnt zwar Sätze, unterbricht sich, stockt, pausiert, fügt ein »c’est bizarre« dazwischen, beginnt einen neuen Satz, der aber das gleiche Schicksal erleidet. Diese verwirrende Botschaft untermalt er mit Gesten, die einen geheimnisvollen anderen Text zu begleiten scheinen. Und er wischt beim Sprechen mit Blicken durch den hohen Raum oder zur Tür, die während unseres ganzen Gesprächs offen bleibt, als könne von dort Hilfe kommen.