Hans Joachim Schädlich Ein Jahrhundert als Buch

Hans Joachim Schädlichs neuer Roman »Kokoschkins Reise« ist weise und tröstlich

Unserer wilden Welt, mit all ihren Furchtbarkeiten moderner Zivilisation und Schrecknissen jüngst vergangener Epochen, wird in der Literatur nur das Breitwandformat wirklich gerecht – so zumindest wollen es einem in jeder Saison aufgetürmte Buchstapel und potent-unrasierte Autorenporträts in Überlebensgröße weismachen. Den totalen Irrsinn könne, so das Vorurteil, nur das totale Epos erzählen: weitverzweigt und süffig, Krieg, Sex und Familienhölle inklusive, jüngst gerne exotisch-transkulturell angereichert. Das Ganze wird dann vorzugsweise als sensationell neuer, jedenfalls dicker amerikanischer Wälzer durchs globalisierte Lesedorf gejagt.

Wer solchem Irrglauben aufgesessen ist, der kann sich jetzt kurieren lassen. Unsere wilde Welt kann man nämlich auch ganz anders erzählen: Das beweist in Kokoschkins Reise einmal mehr Hans Joachim Schädlich, der Schreiben noch nie mit Gewichtheben verwechselt hat und dennoch die schwersten literarischen Lasten stemmt. Schmal kommt das Buch daher, keine zweihundert Seiten. Und doch passt ein ganzes Jahrhundert hinein. Ja eigentlich sogar noch viel mehr: Denn nicht nur Geschichte und Gegenwart spiegeln sich hier ineinander, sondern unmerklich verschwimmt vor unseren Augen die Grenze zwischen Realität und Fantasie.

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Kann es also, wie der Roman behauptet, im Jahr 2005 einen 1910 geborenen, somit 95-jährigen Mann namens Fjodor Kokoschkin geben, der recht munter auf einem Ozeanliner reist, nachdem er zuvor in St. Petersburg, Berlin und Prag weilte, der Mails schreibt und mit einer Karaokedarbietung einen Saal hinreißt? Wohl kaum – aber völlig ausgeschlossen ist es wiederum auch nicht; womit der Leser mittendrin ist im schädlichtypischen Zwischenreich aus lauter Ungewissheiten, in dem Wirkliches und Unwirkliches eigentlich ein und dasselbe meinen. »Es fällt mir ziemlich schwer, zwischen Fakten und Fiktion zu unterscheiden«, bekannte der 74jährige Schriftsteller einmal. Zum Glück: Denn gerade sein auf dieser Indifferenz beruhendes Schreiben hat ihn zu einem der ganz Großen in der zeitgenössischen deutschen Literatur werden lassen, ohne dass ihm das hochverdiente breitere Publikum vergönnt gewesen wäre. Schädlich ist ein Autor für die Happy Few geblieben, die sich in ihrem üblichen Blick auf die Dinge noch ab und an irritieren lassen.

Zuletzt lief der Erzähler Schädlich zudem Gefahr, hinter einer realen, durchaus tragischen Gespenstergeschichte zu verschwinden, in der er selbst zur Figur geworden war. Sein Bruder Karlheinz, der als »IM Schäfer« ihn, Günter Grass und viele andere für das Ministerium für Staatssicherheit bespitzelt hatte, was Hans Joachim zu Beginn der neunziger Jahre aus seiner Stasiopferakte erfuhr, sein Verräter-Bruder also schoss sich 2007 auf einer Parkbank im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg eine Kugel in den Kopf (ZEITmagazin Nr. 2/08). Und Schädlichs Tochter Susanne hat ein Erinnerungsbuch an diese zerklüftete familiäre Konstellation zwischen Ost und West geschrieben (ZEIT Nr. 12/09). Der Sprachwissenschaftler war 1977 mit seiner Familie aus der DDR in den Westen ausgereist, nachdem er gegen die Biermann-Ausbürgerung protestiert hatte und sein erster Erzählungsband Versuchte Nähe im gleichen Jahr nur in der Bundesrepublik erscheinen konnte; zu schonungslos perfekt hatte er die DDR seziert.

Die Geschichte also hat mit Macht in Schädlichs Leben eingegriffen; die Geschichte liefert denn auch dem Erzähler Schädlich dessen bevorzugtes Rohmaterial. Für ihn gibt es keine Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart; seine Bücher wurden meist zu skeptischen Parabeln über die Abgründe der menschlichen Natur. So handelt beispielsweise sein Roman Tallhover (1986) vom gleichnamigen ewig-unsterblichen Spitzel, im Einsatz bei Georg Herwegh, Rosa Luxemburg und Lenin, später dann in der DDR. Günter Grass übernahm die Figur als »Hoftaller« in seinen Roman Ein weites Feld und deutete sie um, was zum Zerwürfnis zwischen beiden Autoren führte. So vereinte Schädlich zuletzt in Vorbei (2007) drei großartige Erzählungen über die Vergänglichkeit: den Tod Winckelmanns sowie des Komponisten und Mozart-Zeitgenossen Antonio Rosetti – und er lässt eine exzentrische Gesellschaft zu einer mysteriösen Schifffahrt nach Samoa zu Robert Louis Stevenson aufbrechen, der bei Ankunft bereits tot ist.

Diesmal schickt Schädlich den Exilrussen Fjodor Kokoschkin auf eine Reise, die in fünf Septembertagen des Jahres 2005 über den Atlantik nach New York und zugleich quer durch das 20. Jahrhundert führt. An Bord versammelt sich eine bunte Menschenmischung. Skurrile Gespräche finden an runden Restauranttischen statt, wo in Small-Talk-Kürze diverse Weltanschauungen, Osama bin Laden sowie die Frage »Baked Kohlrabi Tarte oder Grilled Swordfish Steak?« diskutiert werden: die Queen Mary 2 als weltenfernes Sanatorium, ein Zauberberg auf dem Ozean. Und Kokoschkin macht der halb so alten Architektin Olga Noborra zurückhaltend den Hof.

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