Susanne Leinemann Die Borchardts & Co
Susanne Leinemann erzählt entspannt von der munteren Berliner Upperclass
Manchmal kann Unterhaltungsliteratur auch ganz schön nerven. Ihr Nervpotenzial liegt aber nicht darin, dass sie trivialer ist als hohe Literatur. Nein, sie nervt, wenn sie ebendies nicht einsehen will und den Leser bequengelt, als hohe Literatur beachtet zu werden.
Merkst du denn nicht, flüstert der nervende Unterhaltungsroman, wie stark meine Handlung der Handlung der Wahlverwandtschaften von Goethe ähnelt? Doch, stöhnt der Leser, das habe ich gemerkt, aber kannst du jetzt bitte mal die Klappe halten! Ich liege hier am Pool, über mir die Sonne, neben mir ein Campari, ich möchte jetzt einfach nur drei Stunden lang einen Unterhaltungsroman lesen und bestimmt nicht über die Wahlverwandtschaften nachdenken. Aber für was hältst du mich denn, geht das Generve weiter, etwa für leichte Sommerlektüre? Hier zu diskutieren ist zwecklos. Von so einem Buch muss man sich trennen. Da liest man besser die Bunte.
Zum Glück für die Welt der Unterhaltungsliteratur gibt es auch den umgekehrten Fall, den Roman Liebespakt von Susanne Leinemann beispielsweise. Das nämlich ist nun mal ein Buch, das mehr hält, als es verspricht. Ein Buch, das dem Leser nichts weiter sagt als: Ich bin 382 Seiten Unterhaltung. Wenn du mich im Hotelzimmer liegen lässt, bin ich überhaupt nicht beleidigt, ich hoffe, du hattest ein paar spaßige Stunden mit mir. Die kann man mit dem Liebespakt haben. Der Roman spielt in einem Milieu, über das literarisch bislang auffallend wenig erzählt wurde, in der Berliner Upperclass, im sogenannten Berliner Neubürgertum. Also im Milieu von Leuten, die im Quartier 206 in der Friedrichstraße einkaufen, wenn sie Socken brauchen, hernach im Restaurant Borchardts ein kleines Mittagessen zu sich nehmen und dabei überlegen, wie die Dinner-Einladung am kommenden Samstagabend für vierzig Gäste zu designen ist. Das Leben in diesem Milieu ist nie ganz privat, es hat immer einen gesellschaftlich strategischen Einschlag. Und dieses Klima schildert Susanne Leinemann vorzüglich.
Im Kern geht es um eine moderne Eheintrige: Toni, eine eher unkonventionelle Berliner Upperclass-Frau, ist dahintergekommen, dass ihr Gatte Georg, Aufsteigertyp, eine Geliebte hat. Der Dödel hat sein Handy nicht gesäubert. Georg will Toni tatsächlich verlassen, aber unbedingt die Ehefassade noch vier Monate lang wahren, denn dann steht seine Wahl zum Vorstandsvorsitzenden an. Er bietet Toni einen Haufen Geld, damit sie die perfekte Ehe mitspielt. Das macht Toni. Aber sie hat einen ganz anderen Plan, an dem ihre gesamte Upperclass-Frauenclique mitstrickt. Der Rest der Handlung wird hier nicht verraten. Wir wollen den ZEIT- Lesern nicht ihre leichte Sommerlektüre verderben.
Apropos leichte Sommerlektüre: Natürlich geht es im Liebespakt kolportagehaft zu, natürlich erinnert das Buch ein bisschen an Frauenkolumne. Das ist so im genuinen Unterhaltungsroman. Nur hat die Autorin eine Voraussetzung, die, ob Literatur hoch oder nur unterhaltsam ist, jedes Buch bereichert: vergnügte Neugier auf die Welt jenseits des eigenen Bauchnabels. Gleich zu Romanbeginn macht sich Susanne Leinemann an die Darstellung einer großen Szenerie, eines Polospiels am Rand von Berlin. Ziemlich komisch, weil Polo in Berlin ja nicht gerade Traditionssport ist. Wann haben wir in der hohen deutschen Gegenwartsliteratur zuletzt von solchen gesellschaftlichen Ereignissen gelesen? Ursula März
- Datum 30.06.2010 - 15:30 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.06.2010 Nr. 26
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