Eine Gruppe Flüchtlinge in Krakau während des Zweiten Weltkriegs © Fox Photos/Hulton Archive/Getty Images

Die Erfahrung von Fremdheit begleitet uns seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte. Fast immer sind die Betroffenen aufgrund von Hunger, Krieg und Gewalt gezwungen, ihre vertraute Umgebung aufzugeben. Über diese Erfahrung schrieb vor ein paar Jahren die Schriftstellerin Olga Tokarczuk, 1962 in Niederschlesien als Tochter vertriebener Polen geboren: »In privaten Erinnerungen, in Familienerzählungen kehrt das Drama mit der Hartnäckigkeit eines Albtraums wieder – zerrissene Familienbande, verschollene Familienmitglieder, verbrannte Dokumente, eine unbestimmte Nostalgie nach den Geburtsorten, die Faszination von Gegenständen, die im Chaos dauerhafter zu sein scheinen als die Menschen und die Erinnerung an sie; das Gefühl der Fremdheit in einer Welt, die man sich erst und immer wieder zu eigen machen muss, ihre Undurchschaubarkeit, und das Empfinden, Unrecht erlitten zu haben.«

Lange Zeit war der europäische Kontinent politisch gespalten und ideologisch hochgerüstet. Erst durch die Öffnung der Grenzen wichen Barrieren, auch diejenigen in den Köpfen. Neue Chancen ermöglichten einen anderen Blick. Mit dem neuen Wissen um das Andere, das einst Fremde, erschien Europa jedoch auch komplizierter. Ideologische Tabus und national einseitige Verengungen fielen in sich zusammen. Erst jetzt wurde vielen klar – eigentlich eine Binsenwahrheit –, wie verschränkt die Geschichte unseres Kontinents war und ist. Genau diese europäische Verschränkung dokumentiert eine außergewöhnliche Neuerscheinung: Zwanzig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs liegt erstmals ein Lexikon der Vertreibungen vor, ein großes enzyklopädisches Projekt.

Von Anfang an konnten die Herausgeber genau jene neuen Chancen in Europa nutzbar machen. »Die moderne Geschichte Europas ist gleich derjenigen Afrikas und Asiens zu wesentlichen Teilen eine Geschichte ethnopolitisch motivierter und zumeist staatlich induzierter Zwangsmigration«, resümieren die Herausgeber Detlef Brandes, Holm Sundhausen und Stefan Troebst, das »gilt vor allem für das 20. Jahrhundert«. Insgesamt 308 Stichwörter aus der Feder von mehr als hundert europäischen Autoren bieten Einblicke in ein zum Teil bis heute hochgradig vermintes Terrain: Täter und Opfer, staatliche Abkommen, Gesetze und Verordnungen mit unmenschlichen Folgen, betroffene Regionen, ethnische Gruppen sowie Museen und Denkmäler. Auf angenehm unaufgeregte Weise zeigen die Beiträge, dass Zwangsmigrationen ein zutiefst europäisches Phänomen sind. Das gesamte 20. Jahrhundert hindurch galt Vertreibung als legitimes Mittel der Politik, spätestens mit dem Beginn des Ersten Balkankriegs 1912 bis zum Ende der neunziger Jahre in Jugoslawien. Erst die verstörenden Bilder aus dem zerfallenden Vielvölkerstaat schreckten die internationale Staatengemeinschaft auf. Schließlich erfolgte die Ächtung des grausigen Euphemismus der »ethnischen Säuberung«, der seit 1992 international üblich war.

Dieses solide Nachschlagewerk zu einem schwierigen Thema, das auch uns Deutsche seit Langem beschäftigt, liest sich gleichzeitig als ideale Ergänzung zum polnischen Atlas Zwangsumsiedlung, Flucht und Vertreibung. Ostmitteleuropa 1939–1959, der von jüngeren Historikern der Universität Breslau herausgegeben wurde (auf Deutsch im Weltbild-Verlag unter dem Titel Illustrierte Geschichte der Flucht und Vertreibung), zu Polen, Juden, Deutschen und Ukrainern auf dem Territorium Vor- und Nachkriegspolens. Nehmen wir das Beispiel Polens, an dem die historischen Kontexte besonders deutlich werden: Vierzig Jahre lang wurde in der Volksrepublik Polen, staatlich verordnet, über die Vertreibung eigener Landsleute aus Lemberg, Wilna oder Wolhynien geschwiegen. Erst nach der Wende durften die Betroffenen von ihrem Schicksal erzählen. Polen erlebte Vertreibungen, Zwangsaussiedlungen und Deportationen seit dem 1. September 1939 und wurde von den deutschen Besatzern als Zentrum des Massenmords an den europäischen Juden gewählt.

Als Folge des Zweiten Weltkrieges mussten auch Millionen Deutsche in den Ostprovinzen, Finnen in Karelien, Ungarn in der Slowakei oder Italiener in Istrien ihre Heimat verlassen. Vor wenigen Jahren sahen wir wieder Vertriebene auf Europas Straßen ziehen. Vertreibung und Vertriebene erlebten eine neue Aktualität. Über Europa hinaus werden gegenwärtig Millionen Menschen aus Darfur im Sudan, aber auch an anderen Orten der Welt vertrieben, vor den Augen der Weltöffentlichkeit.

»Unser Teil Europas hätte ein großes Gemälde verdient«, meint Olga Tokarczuk, »der Mensch, der seinen Ort verlassen muss, gibt einen wesentlichen Teil seiner selbst auf, er wird Opfer einer brutalen Amputation. Phantomschmerzen werden ihn bis ans Lebensende quälen.« Europas historische Topografie ist die von Massenmord, von Gewaltherrschaft und Vertreibung. »Eine vielschichtige Freske«, meint Tokarczuk, »in der die Pfeile auf den Landkarten Europas… sich in Geschichten über menschliche Schicksale verwandeln… Viele Sprachen müsste sie umfassen, viele Wege, Entfernungen, Grenzen. Tode und Tragödien, Zufälle und Schicksalsfügungen.«