Mehr als sechs Gramm Salz täglich sind ungesund. Wir verspeisen allerdings rund 10 Gramm. Nach zwei Wochen ist bereits die für drei Wochen empfohlene Menge überschritten. Das treibt auf Dauer den Blutdruck hoch

Der brasilianische Gesundheitsminister José Gomes Temporão machte Ende April einen lustvollen Vorschlag. Das Volk möge doch bitte häufiger Sex haben, fünf Mal die Woche sei angemessen. Die Leibesübung senke den Blutdruck, und genau das sei angesichts der erhöhten Werte bei einem Viertel der Bevölkerung dringend angeraten. Temporãos Sorge teilt man auch 6500 Kilometer nördlich, in Washington. Im Februar hatten unabhängige Experten des Institute of Medicine (IOM) die USA daher zu einer Art medizinischem Notstandsgebiet erklärt. Todesfälle durch Bluthochdruck hätten innerhalb von zehn Jahren um ein Viertel zugenommen, mittlerweile sei die Hypertonie dort der Grund für jeden sechsten Todesfall unter Erwachsenen.

Auch in Deutschland ist das Leiden eine Volksseuche: 44 Prozent der Frauen und 51 Prozent der Männer haben einen zu hohen Blutdruck. Als Auslöser gilt indes nicht die niedrige Beischlaffrequenz. Die Gene haben einen Einfluss, vor allem aber der Lebensstil wirkt sich aus: Zu viel Essen, zu viel Alkohol und zu wenig Bewegung. Und dann steht noch eine chemische Verbindung namens Natriumchlorid (NaCl) unter Verdacht, unser täglich Kochsalz.

»Einer der längsten, giftigsten und surrealsten Dispute in der Medizin«

Salz hält den Druck in den Blutgefäßen stabil, so viel ist gewiss. Ob zu viel NaCl aber krank macht und eine salzarme Kost daher gesünder wäre, ist heftig umstritten – und das seit Jahrzehnten. Ein Gastkommentator im Wissenschaftsjournal Science sprach gar von »einem der längsten, giftigsten und surrealsten Dispute der Medizin«. Die Industrie nährt nach Kräften den Zweifel an dem Zusammenhang zwischen Salz und Bluthochdruck. Mit Erfolg. Gerade in der vergangenen Woche hat das Europäische Parlament in Brüssel mit knapper Mehrheit die Einführung der »Lebensmittel-Ampel« verhindert , bei der besonders salzhaltige Produkte mit warnendem Rot versehen worden wären. Müssen sich weiterhin viele Deutsche vor einem unnötig frühen Hochdrucktod fürchten?

Unbehandelt zerstört die Hypertonie schleichend Herz, Gehirn und Nieren. Deshalb hören viele Patienten in Deutschland irgendwann im zweiten Lebensdrittel von ihrem Hausarzt: Das Quecksilber im Manometer steigt zu hoch (siehe Infobox "Gefürchtete Messung"), Medikamente müssen her! Doch die möglichen Nebenwirkungen pharmazeutischer Blutdrucksenker reichen von trockenem Husten über depressive Verstimmung bis hin zu Erektionsstörungen. Und gerade erst sind sogenannte Angiotensin-Antagonisten in den Verdacht geraten, das Wachstum von Krebszellen zu fördern. Kein Wunder, dass sich in dieser Situation viele Patienten für das entscheiden, was schon als Vorsorgemaßnahme angeraten gewesen wäre: ihre Ernährung umzustellen. Vor allem heißt das, weniger Salz zu essen.

Schon vor hundert Jahren hatten die beiden Franzosen Leo Ambard und Eugène Beaujard gezeigt, dass Mäßigung den Blutdruck senkt. Seitdem haben sich in unzähligen epidemiologischen Studien die Hinweise auf den Zusammenhang verdichtet. Je mehr Salz eine Gesellschaft konsumiert, desto höher liegt im Durchschnitt auch der nationale Blutdruckpegel. In Deutschland beträgt der Salzkonsum geschätzte 8 bis 12 Gramm pro Tag und Kopf. Naturvölker in Südamerika, Papua-Neuguinea und Kenia nehmen weniger als ein Gramm Salz pro Tag zu sich. Dort ist das Problem hohen Blutdrucks unbekannt. Wie Salzverzicht statistisch wirkt, zeigt ein Beispiel aus Portugal. In einem ganz normalen Ort (mit einer höchst herzhaften Küche, die pro Kopf und Tag bis zu 20 Gramm Salz verbrauchte) konnten Mediziner durch gezielte Aufklärung den Salzverbrauch auf die Hälfte zurückführen. Binnen zwei Jahren sanken die oberen Blutdruckwerte der Bewohner im Schnitt um 13 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg), die unteren Werte um 6 mmHg. Manch einer kam so um die Einnahme von Medikamenten herum.

Einem Volk, das nicht landläufig für vorbildlich ausgewogene Ernährung bekannt ist, reichte schon vor 30 Jahren die Fülle der Indizien aus. Finnland klärt seit 1979 mit Medienkampagnen über die Gefahren von NaCl-Exzessen auf. »Damals war einfach allen klar, dass wir viel zu viele Herzinfarkte in Finnland hatten«, erinnert sich die Ernährungswissenschaftlerin Pirjo Pietinen, die am finnischen Nationalinstitut für Gesundheit arbeitet , »und unser eingelegter Hering zum Beispiel war wirklich salzig.« Seit den neunziger Jahren dürfen sich NaCl-arme Lebensmittel mit einem speziellen Siegel schmücken: einem Herzchen, umrahmt von den Worten »parempi valinta« (bessere Wahl). Vor der schlechteren Wahl warnt der Schriftzug »voimakassuolainen« (stark gesalzen). Das wirkte: Heute liegt der Salzkonsum in Finnland um ein Drittel und der Blutdruck im Mittel um 10 Millimeter Quecksilbersäule niedriger. Die Sterblichkeit durch Schlaganfälle und Herzinfarkte sank um 80 Prozent, und die Lebenserwartung stieg seit den achtziger Jahren um fünf bis sechs Jahre. Das alles, obwohl im selben Zeitraum sowohl das durchschnittliche Körpergewicht als auch der Alkoholkonsum gestiegen sind.

Betrachtet man ganze Bevölkerungen medizinstatistisch (»epidemiologisch«), ist die Befundlage überwältigend: Salzreduktion senkt messbar den durchschnittlichen Blutdruck. Und sie ist ein echtes Schnäppchen. So bezifferte Kirsten Bibbins-Domingo von der University of California in San Francisco den Nutzen einer landesweiten Salzreduktion am Beispiel USA. Drei Gramm weniger Salz am Tag bedeuteten jährlich: bis zu 120.000 neue Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindern, bis zu 99.000 Herzinfarkte und 92.000 Todesfälle. Das würde jährlich bis zu 24 Milliarden Dollar einsparen. Eine entsprechende Kampagne würde bloß neun Cent pro Kopf und Jahr kosten. Nichtraucherprogramme sind dreimal so teuer.