Bluthochdruck Böses Salz

Bluthochdruck ist eine Volksseuche. Sollen die Bürger zur Vorbeugung weniger Salz essen? Viele europäische Nachbarn machen uns vor, wie das geht

Mehr als sechs Gramm Salz täglich sind ungesund. Wir verspeisen allerdings rund 10 Gramm. Nach zwei Wochen ist bereits die für drei Wochen empfohlene Menge überschritten. Das treibt auf Dauer den Blutdruck hoch

Mehr als sechs Gramm Salz täglich sind ungesund. Wir verspeisen allerdings rund 10 Gramm. Nach zwei Wochen ist bereits die für drei Wochen empfohlene Menge überschritten. Das treibt auf Dauer den Blutdruck hoch

Der brasilianische Gesundheitsminister José Gomes Temporão machte Ende April einen lustvollen Vorschlag. Das Volk möge doch bitte häufiger Sex haben, fünf Mal die Woche sei angemessen. Die Leibesübung senke den Blutdruck, und genau das sei angesichts der erhöhten Werte bei einem Viertel der Bevölkerung dringend angeraten. Temporãos Sorge teilt man auch 6500 Kilometer nördlich, in Washington. Im Februar hatten unabhängige Experten des Institute of Medicine (IOM) die USA daher zu einer Art medizinischem Notstandsgebiet erklärt. Todesfälle durch Bluthochdruck hätten innerhalb von zehn Jahren um ein Viertel zugenommen, mittlerweile sei die Hypertonie dort der Grund für jeden sechsten Todesfall unter Erwachsenen.

Auch in Deutschland ist das Leiden eine Volksseuche: 44 Prozent der Frauen und 51 Prozent der Männer haben einen zu hohen Blutdruck. Als Auslöser gilt indes nicht die niedrige Beischlaffrequenz. Die Gene haben einen Einfluss, vor allem aber der Lebensstil wirkt sich aus: Zu viel Essen, zu viel Alkohol und zu wenig Bewegung. Und dann steht noch eine chemische Verbindung namens Natriumchlorid (NaCl) unter Verdacht, unser täglich Kochsalz.

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»Einer der längsten, giftigsten und surrealsten Dispute in der Medizin«

Salz hält den Druck in den Blutgefäßen stabil, so viel ist gewiss. Ob zu viel NaCl aber krank macht und eine salzarme Kost daher gesünder wäre, ist heftig umstritten – und das seit Jahrzehnten. Ein Gastkommentator im Wissenschaftsjournal Science sprach gar von »einem der längsten, giftigsten und surrealsten Dispute der Medizin«. Die Industrie nährt nach Kräften den Zweifel an dem Zusammenhang zwischen Salz und Bluthochdruck. Mit Erfolg. Gerade in der vergangenen Woche hat das Europäische Parlament in Brüssel mit knapper Mehrheit die Einführung der »Lebensmittel-Ampel« verhindert , bei der besonders salzhaltige Produkte mit warnendem Rot versehen worden wären. Müssen sich weiterhin viele Deutsche vor einem unnötig frühen Hochdrucktod fürchten?

Unbehandelt zerstört die Hypertonie schleichend Herz, Gehirn und Nieren. Deshalb hören viele Patienten in Deutschland irgendwann im zweiten Lebensdrittel von ihrem Hausarzt: Das Quecksilber im Manometer steigt zu hoch (siehe Infobox "Gefürchtete Messung"), Medikamente müssen her! Doch die möglichen Nebenwirkungen pharmazeutischer Blutdrucksenker reichen von trockenem Husten über depressive Verstimmung bis hin zu Erektionsstörungen. Und gerade erst sind sogenannte Angiotensin-Antagonisten in den Verdacht geraten, das Wachstum von Krebszellen zu fördern. Kein Wunder, dass sich in dieser Situation viele Patienten für das entscheiden, was schon als Vorsorgemaßnahme angeraten gewesen wäre: ihre Ernährung umzustellen. Vor allem heißt das, weniger Salz zu essen.

Gefürchtete Messung

Täglich fürchten Zehntausende in deutschen Sprechzimmern das Ergebnis einer simplen Messung. Wenn der Arzt die Druckmanschette um den Oberarm wickelt und diese mit dem kleinen Gummiblasebalg aufpumpt. Ist der Blutdruck in Ordnung? Die Patienten bangen im falschen Moment, denn nicht eine einzelne Messung im Sprechzimmer gibt den Ausschlag. Nur ein einziges Mal über der Schwelle von 140 Millimetern Quecksilbersäule (mmHg) im oberen Wert (»systolisch«) und 90 im unteren Wert (»diastolisch«) zu liegen sagt noch nicht viel aus.

Blutdruckspitzen

Im Verdachtsfall wird deshalb über 24 Stunden hinweg automatisiert gemessen. Die Patienten tragen dazu ein Langzeitblutdruckmessgerät am Leib. Gefürchtet werden etwa Blutdruckspitzen in der Nacht, die bei einer einzelnen Messung am Tag übersehen werden können.

Schlaganfallrisiko

Liegt der Druck tatsächlich zu hoch, sind die Schwankungen des Pulses wichtig für das medizinische Verdikt: Konstanz ist gefragt. Unterscheiden sich nämlich die Werte bei jedem Arztbesuch sehr, ist das Schlaganfallrisiko deutlich erhöht. Für noch wichtiger als eine absolute Senkung per Medikament hält man daher die Stabilisierung des Drucks um einen Wert herum.

Schon vor hundert Jahren hatten die beiden Franzosen Leo Ambard und Eugène Beaujard gezeigt, dass Mäßigung den Blutdruck senkt. Seitdem haben sich in unzähligen epidemiologischen Studien die Hinweise auf den Zusammenhang verdichtet. Je mehr Salz eine Gesellschaft konsumiert, desto höher liegt im Durchschnitt auch der nationale Blutdruckpegel. In Deutschland beträgt der Salzkonsum geschätzte 8 bis 12 Gramm pro Tag und Kopf. Naturvölker in Südamerika, Papua-Neuguinea und Kenia nehmen weniger als ein Gramm Salz pro Tag zu sich. Dort ist das Problem hohen Blutdrucks unbekannt. Wie Salzverzicht statistisch wirkt, zeigt ein Beispiel aus Portugal. In einem ganz normalen Ort (mit einer höchst herzhaften Küche, die pro Kopf und Tag bis zu 20 Gramm Salz verbrauchte) konnten Mediziner durch gezielte Aufklärung den Salzverbrauch auf die Hälfte zurückführen. Binnen zwei Jahren sanken die oberen Blutdruckwerte der Bewohner im Schnitt um 13 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg), die unteren Werte um 6 mmHg. Manch einer kam so um die Einnahme von Medikamenten herum.

Einem Volk, das nicht landläufig für vorbildlich ausgewogene Ernährung bekannt ist, reichte schon vor 30 Jahren die Fülle der Indizien aus. Finnland klärt seit 1979 mit Medienkampagnen über die Gefahren von NaCl-Exzessen auf. »Damals war einfach allen klar, dass wir viel zu viele Herzinfarkte in Finnland hatten«, erinnert sich die Ernährungswissenschaftlerin Pirjo Pietinen, die am finnischen Nationalinstitut für Gesundheit arbeitet , »und unser eingelegter Hering zum Beispiel war wirklich salzig.« Seit den neunziger Jahren dürfen sich NaCl-arme Lebensmittel mit einem speziellen Siegel schmücken: einem Herzchen, umrahmt von den Worten »parempi valinta« (bessere Wahl). Vor der schlechteren Wahl warnt der Schriftzug »voimakassuolainen« (stark gesalzen). Das wirkte: Heute liegt der Salzkonsum in Finnland um ein Drittel und der Blutdruck im Mittel um 10 Millimeter Quecksilbersäule niedriger. Die Sterblichkeit durch Schlaganfälle und Herzinfarkte sank um 80 Prozent, und die Lebenserwartung stieg seit den achtziger Jahren um fünf bis sechs Jahre. Das alles, obwohl im selben Zeitraum sowohl das durchschnittliche Körpergewicht als auch der Alkoholkonsum gestiegen sind.

Betrachtet man ganze Bevölkerungen medizinstatistisch (»epidemiologisch«), ist die Befundlage überwältigend: Salzreduktion senkt messbar den durchschnittlichen Blutdruck. Und sie ist ein echtes Schnäppchen. So bezifferte Kirsten Bibbins-Domingo von der University of California in San Francisco den Nutzen einer landesweiten Salzreduktion am Beispiel USA. Drei Gramm weniger Salz am Tag bedeuteten jährlich: bis zu 120.000 neue Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindern, bis zu 99.000 Herzinfarkte und 92.000 Todesfälle. Das würde jährlich bis zu 24 Milliarden Dollar einsparen. Eine entsprechende Kampagne würde bloß neun Cent pro Kopf und Jahr kosten. Nichtraucherprogramme sind dreimal so teuer.

Die Sache scheint klar: Der Stoff gehört ins Visier öffentlicher Gesundheitsfürsorge! Dementsprechend findet die Europäische Kommission die Sachlage für eine Intervention eindeutig genug. Sie empfahl bereits 2008, den durchschnittlichen Salzkonsum bis zum Jahr 2013 um 16 Prozent zu senken. Elf EU-Mitgliedsstaaten haben sich diesem Ziel verschrieben, Deutschland zaudert.

Erst im vergangenen Jahr hatte das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) eine Einschätzung angefordert: Wäre bundesweites Salzsparen sinnvoll? Welchen Nutzen würde es versprechen, welche Risiken bergen? Damals lud man zwei Kontrahenten zur Anhörung, die beispielhaft für die konträren Positionen im Salzstreit stehen: auf der Seite der Salzgegner den Kardiologen Martin Middeke vom Blutdruckinstitut München , als Salzverfechter Karl-Ludwig Resch, den Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Gesundheitsforschung im sächsischen Bad Elster.

Pro Tag werden in Deutschland 800 Tonnen Speisesalz verkauft

Resch ist in Deutschland der notorische Kronzeuge pro NaCl. Er will die Indizien, die gegen das Salz sprechen, nicht akzeptieren. Immer wieder verweist er auf die Schwäche der epidemiologischen Betrachtung: »Das alles sind keine Studien, mit denen sie wirklich die Kausalität zwischen Salzkonsum und höherer Sterblichkeit nachweisen können.« Tatsächlich ist ein Gesundheitseffekt, der mit 30 Jahren Verzögerung eintritt und sich in der Regel im einstelligen Prozentbereich abspielt, beim Einzelnen schwer zu isolieren. Zudem weiß man, dass nur rund 40 Prozent der Menschen – etwa Übergewichtige, Diabetiker und erblich entsprechend Veranlagte – besonders von einer vorsorglichen Salzreduktion profitieren. Zwar stellt niemand infrage, dass Bluthochdruckpatienten weniger Salz essen sollten. Im Streit um prophylaktische Salzreduktion jedoch spielen die Gegner die kollektive gegen die individuelle Perspektive aus. Frei von Hintergedanken ist das nicht immer.

So tritt der Arzt Karl-Ludwig Resch gerne auf Veranstaltungen des Verbandes der Kali- und Salzindustrie auf. Die Branche setzt in Deutschland schätzungsweise 800 Tonnen Speisesalz ab – pro Tag. Resch referiert bei Konferenzen des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) . Dieser mächtige Spitzenverband hatte im Vorfeld der Ampel-Abstimmung massiv gegen staatliche Regulierung lobbyiert. Sein Engagement für BLL findet Resch nicht anrüchig: »Ich bin kein Lobbyist, ich verdiene 99,5 Prozent meines Einkommens mit völlig anderen Dingen und habe mich schon vorher für das Thema interessiert.«

Zweifel, wie er und andere Salztreue sie säen, werden immer wieder in den Publikumsmedien aufgegriffen, und so hält sich in der Öffentlichkeit die Überzeugung, Salz sei gar nicht so schlimm.

Das widerspreche »allen pathophysiologischen Überlegungen, eindeutigen Ergebnissen aus Tierversuchen und klinischen Daten«, schimpft Martin Middeke. Zwar fänden sich selbst in renommierten Medizinjournalen widersprüchliche Forschungsergebnisse, sogar in der Zentralinstanz für gute medizinische Studien, der Cochrane-Bibliothek . Doch diese hält Middeke für Artefakte falscher Untersuchungsmethoden. Seine finnische Kollegin Pierjo Pietinen hat eine weitere Erklärung: »An vielen Studien, die sich gegen den Zusammenhang von Salz und hohem Blutdruck aussprechen, war die Industrie beteiligt.«

Selbst kochen schützt – vor allem in Fertiggerichten ist zu viel Salz enthalten

Fraglos seien Übergewicht und Bewegungsmangel die Hauptauslöser für den Bluthochdruck, ebenso chronischer Stress, räumt der Vorsorgeapostel ein. Erhöhter Salzkonsum aber verstärke dieses Gesundheitsrisiko eben. Schon Kinder, argumentiert der Kardiologe, die mit salziger Babynahrung gefüttert worden seien, hätten 15 Jahre später gegenüber einer salzarm ernährten Kontrollgruppe einen höheren Blutdruck gehabt. Lange hätten Experten gesagt, dass sich bloß empfindliche Menschen beim Salz zurückhalten sollten. Neueste Studien zeigten aber, dass alle vom Salzsparen profitieren könnten. Tatsächlich stützt die bisher größte Metaanalyse aus dem vergangenen Jahr mit 177025 Teilnehmern diese Ansicht. Das Resümee der Studie: »Ein hoher Salzkonsum ist assoziiert mit einem signifikant erhöhten Risiko für Schlaganfall und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.«

Gegen die kann jeder Verbraucher selbst vorbeugen – solange er selbst kocht. Middeke empfiehlt: »Möglichst frische Lebensmittel einkaufen, ohne Salz kochen und dann wenig am Tisch zur Geschmacksregulation nachsalzen – dann haben sie quantitativ am wenigsten.«

Überraschenderweise sieht sein Kontrahent Resch das ganz ähnlich: »Wer viel Fertignahrung zu sich nimmt, sich also qualitativ schlecht ernährt, der hat einen hohen Salzkonsum, weil da mehr Salz drin ist.« Die Konzentration auf Natriumchlorid allein lenke indes vom eigentlichen Thema ab, guter Ernährung.

Offen bleibt aber die Streitfrage, ob der Staat sich für eine generelle Salzreduktion einsetzen soll. Zwei tückische Eigenschaften des Natriumchlorids sprechen dafür. Erstens, unser Verlangen nach Salz. Wie mächtig es ist, lässt sich in jedem Supermarkt studieren: Die Regalmeter für Knabberzeug stehen denen für Süßwaren kaum nach. Evolutionsbiologen und Ernährungswissenschaftler wissen, Salz macht regelrecht süchtig (siehe Infobox "Salzspiegel"). Zweitens tritt dieser Suchtstoff nur in den seltensten Fällen offen zutage, sondern steckt im Käse, in der Wurst oder in der Tiefkühlpizza. 80 Prozent des durchschnittlichen Salzkonsums entfallen auf verarbeitete Lebensmittel. Höchstens leidenschaftliche Hobbyköche mit viel Freizeit können sich dem entziehen.

Salzspiegel

Das Blut in unseren Adern braucht einen konstanten Salzspiegel. In der ostafrikanischen Heimat unserer Vorfahren aber war es schweißtreibend heiß, und Salz war extrem rar. Deshalb legen wir evolutionär geprägt alles daran, unsere Salzreserven aufzufüllen – selbst über das vernünftige Maß hinaus.

Tierstudie

Auch Schimpansen sind für die Verlockung anfällig. Normalerweise ernähren sich unsere nächsten Verwandten früchtereich und salzarm. Setzen Forscher ihnen gesalzene Kekse vor, ändern sich ihre Vorlieben. Dann überwiegt nur kurz der Ekel, schnell siegt die Sucht. Fortan lassen die Affen fade Kekse liegen. Sie hungern lieber und riskieren sogar, stark abzumagern.

Salztrip

Ob Affe oder Mensch – ist das Individuum einmal auf dem Salztrip, kommt es kaum mehr davon los. Der Psychiater James Cocores vom Folriad College of Medicine stellte die Hypothese von der »Sucht auf gesalzenes Essen« auf. Im Gehirn mache Natriumchlorid auf Dauer ebenso abhängig wie ein Opiat . Für salzgewöhnte Kinder seien Pizzen, Burger oder Makkaroni mit Käse deshalb »Drogen der Wahl«, wie Heroin oder der Suchtstoff Oxycodon.

Salzkonsum

Außerdem korreliere höherer Salzkonsum direkt mit hoher Kalorienzufuhr und sei deshalb möglicherweise einer der Motoren für das um sich greifende Übergewicht. »Hinweise aus Tierstudien legen nahe, dass Salz ähnlich wie andere natürliche Verstärker (Sex, Bewegung, Fett, Kohlenhydrate, Schokolade) abhängig machende Qualitäten hat«, konstatieren Psychologen von der University of Iowa. An Salzmangel leidet heute praktisch niemand. Höchstens alte Menschen sind gefährdet, die nicht viel essen, etwa Pflegebedürftige.

Um alle anderen Verbraucher auch nur in die Lage zu versetzen, selbst über ihren Salzkonsum zu entscheiden, müsste die Nahrungsmittelindustrie Pizzen, Brötchen und Fertigsuppen weniger salzen und besonders salzige Speisen kennzeichnen. Vorreiter Finnland hat gezeigt, wie das geht. Auch Irland, Großbritannien, Spanien, Italien, Belgien, Portugal und die Niederlande haben Gesetze erlassen oder die Lebensmittelbranche auf Kooperationen eingeschworen. Deutschland reichen freiwillige Nährwertinformationen.

Zwar folgte das Bundesinstitut für Risikobewertung nach dem Zusammentreffen der beiden Salzkontrahenten der Argumentation von Martin Middeke: Die Risiken seien gering, heißt es im Protokoll der Kommission. Ein verringerter Salzkonsum sei eher ein Vorteil als ein Nachteil und daher zu befürworten, selbst wenn sich Kausalzusammenhänge nicht eindeutig beweisen ließen. Das übergeordnete Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) weigert sich aber offenbar, daraus die Konsequenzen zu ziehen. »Verhandlungen mit der Industrie mit dem Ziel der Salzreduktion in Lebensmitteln wurden bisher nicht aufgenommen«, erklärt das BMELV auf Nachfrage.

Viele Länder haben Gesetze gegen das Salz erlassen, Deutschland zögert

Allem Anschein nach wiegen die Interessen der Salzhersteller, der Lebensmittelfabrikanten und des Bäckerhandwerks hierzulande schwerer als die öffentliche Gesundheitsvorsorge. Erst im März protestierte der Präsident des Zentralverbands des deutschen Bäckerhandwerks, Peter Becker, gegen EU-Höchstwerte für Salz: In 100 Gramm Teig müsse man bis zu zwei Gramm Salz einkneten dürfen, mindestens – bei einem durchschnittlichen Konsum von 200 Gramm Brot wäre damit das Tageskontingent fast erreicht. In Belgien, den Niederlanden oder Finnland kommt man inzwischen mit 1,2 Gramm Salz pro 100 Gramm Brot aus. In Großbritannien dürfen Brote mit mehr als 1,1 Gramm nicht mehr als besonders gesund beworben werben, selbst wenn sie reich an Vollkorn und Ballaststoffen sind.

Aber wären fade Fladen und lasche Gerichte der kulinarische Preis einer landesweiten Bluthochdruckvorsorge? Geschmackseinbußen sind eine reine Frage der Gewohnheit, sagen Ernährungswissenschaftler. »Wenn man die Umstellung nur langsam genug macht«, sagt die Epidemiologin Pietinen, »gewöhnt man sich leicht an weniger Salz.« In Finnland werde heute nicht weniger Brot verkauft als vor der Umstellung. Dem Taktieren und Theoretisieren in Deutschland hält sie ihre praktischen Erfahrungen in ihrer Heimat entgegen. »Nach 30 Jahren kann ich nur sagen: Die Salzreduktion hat uns nicht geschadet, im Gegenteil, wir sind gesünder.«

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Entfernt wegen geschmackloser und unsachlicher Bemerkungen. Die Redaktion/sh

  2. Nicht nur die Interessen der Wirtschaft in Bezug auf den Salzverbrauch (und dessen wirtschaftliche Beeinflussung des Konsum von Produkten) wiegt in Deutschland schwerer als die Gesundheit des Volkes.

    Man schaue sich nur die einhunderprozentige Ausrichtung der Politik auf Wirtschaftswachstum in der Luftfahrt und Autoindustrie an, die konkret Menschen in Deutschland gesundheitlich schadet. Fluglärm macht hundertausende Menschen in Deutschland krank und stresst jeden Tag. Sei es auf der Straße oder im Park. Überall Auto- und Fluglärm. Nirgends Ruhe. Das interessiert niemanden. Was zählt ist die "Mobilität" und der erhalt von Arbeitsplätzen in diesem Bereich. Autos machen die Menschen in den Städten krank und beeinträchtigen ihre Lebensqualität: Autolärm, krebserregende Abgase, Feinstaub, Co2, "Unfälle", Ressourcen- und Platzverbrauch sind nur einige Stichworte von denen ein Großteil der Bevölkerung betroffen ist. Trotzdem interessiert es niemanden. Dieses Thema wird weder von der Politik noch von der Presse adressiert.

    Die Gesundheit ist in Deutschland schon lage nicht mehr das höchste Gut des Menschen. Es zählt nur noch der eigene Vorteil, die eigene Bequemlichkeit und wirtschaftliche Interessen. Aber wie kann Gesundheit etwas wertvolles sein in einem Land, in dem sich anscheinend kaum jemand dafür interessiert seinen Körper und seinen Geist zu pflegen?

    Man schaue sich nur die Körperformen unserer Politiker an.

    Eine Leser-Empfehlung
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    • Fars
    • 04.07.2010 um 22:28 Uhr

    Forts.

    Dass in Deutschland mehr Salz verbacken wird als in anderen Ländern liegt daran, dass Roggen- und Roggenmischbrot backtechnisch andere Anforderungen stellen als die meisten Weißbrotsorten. Wird der Teig ohne Salz gebacken, wird er klitschig und fällt zu einem Fladen zusammen. Sollen die Bäcker künftig mit weniger Salz auskommen, muss der Verbraucher den vermehrten Einsatz von teuren und an sich überflüssigen Backmitteln hinnehmen. Der Deutsche muss auch mehr Salz essen, weil er einem diuretisch wirksamen Getränk besonders zuspricht: dem Bier. Wo sonst auf der Welt isst man soviel Laugengebäck?

    Der Mensch ist nicht süchtig nach Salz. (Gibt es Entzugskliniken?) Salz ist für ihn genau wie Wasser überlebensnotwendig und unersetzlich. Gegen Mangel an Wasser oder Salz kann der Körper kaum etwas unternehmen, im Gegensatz zu Kalorienmangel. Kein Wunder, dass ein Affe, wenn er vor der Alternative, Salz oder Kalorien zu sich zu nehmen, steht, sich für Salz entscheidet. Er magert zwar ab, aber er überlebt (länger).

    Dass heute von Salzmangel kaum jemand bedroht sei, ist falsch. Es mangelt nicht an Todesfällen unter Hochleistungssportlern, Säuglingen und anderen an sich gesunden Menschen, die infolge Hyponaträmie bzw. Wasservergiftung gestorben sind. Auf den an sich gesunden Menschen, der nachweislich an zu hohem Salzkonsum gestorben ist, müssen wir bis heute warten. Denn ein gesunder Mensch mit einem Salzüberschuss empfindet Durst, trinkt Wasser und scheidet den Überschuss aus.

    • Fars
    • 04.07.2010 um 22:28 Uhr

    Forts.

    Dass in Deutschland mehr Salz verbacken wird als in anderen Ländern liegt daran, dass Roggen- und Roggenmischbrot backtechnisch andere Anforderungen stellen als die meisten Weißbrotsorten. Wird der Teig ohne Salz gebacken, wird er klitschig und fällt zu einem Fladen zusammen. Sollen die Bäcker künftig mit weniger Salz auskommen, muss der Verbraucher den vermehrten Einsatz von teuren und an sich überflüssigen Backmitteln hinnehmen. Der Deutsche muss auch mehr Salz essen, weil er einem diuretisch wirksamen Getränk besonders zuspricht: dem Bier. Wo sonst auf der Welt isst man soviel Laugengebäck?

    Der Mensch ist nicht süchtig nach Salz. (Gibt es Entzugskliniken?) Salz ist für ihn genau wie Wasser überlebensnotwendig und unersetzlich. Gegen Mangel an Wasser oder Salz kann der Körper kaum etwas unternehmen, im Gegensatz zu Kalorienmangel. Kein Wunder, dass ein Affe, wenn er vor der Alternative, Salz oder Kalorien zu sich zu nehmen, steht, sich für Salz entscheidet. Er magert zwar ab, aber er überlebt (länger).

    Dass heute von Salzmangel kaum jemand bedroht sei, ist falsch. Es mangelt nicht an Todesfällen unter Hochleistungssportlern, Säuglingen und anderen an sich gesunden Menschen, die infolge Hyponaträmie bzw. Wasservergiftung gestorben sind. Auf den an sich gesunden Menschen, der nachweislich an zu hohem Salzkonsum gestorben ist, müssen wir bis heute warten. Denn ein gesunder Mensch mit einem Salzüberschuss empfindet Durst, trinkt Wasser und scheidet den Überschuss aus.

  3. Rösler sicher nicht; es wäre ja das Ende von so vielem auf diesem Gebiet: Pillen, Arztbesuche, medizin. Geräte, Schlauch-Ernährung, Operationen, Klinikauslastungen, Beerdigungen, Gärtner, Rentenkasse ... etc. ... und damit Parteispenden!! - Menschen, denkt selbst und handelt: Statt Fertignahrung selber kochen; statt Gewürzmischungen mit einzelnen Gewürzen abschmecken; Wurst ohne Pökelsalze kaufen, auf jedes raffinierte Salz verzichten (die Raffinesse besteht darin, Stoffe abzuspalten, um sie getrennt gut teuer zu verkaufen); stattdessen Ursalze wie gewachsen verwenden: dann versalzt Ihr den Raffinierten die Suppe und gönnt Euch das Salz des Lebens. -

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    Da hat's ja schon jemand auf den Punkt gebracht! Danke, dann kann man die Diskussion schon schließen...

    Da hat's ja schon jemand auf den Punkt gebracht! Danke, dann kann man die Diskussion schon schließen...

    • Ranjit
    • 28.06.2010 um 9:56 Uhr

    Sehr spannender Artikel. Nur eine Kleinigkeit:
    Der Link "Salzverfechter Karl-Ludwig Resch, den Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Gesundheitsforschung" führt auf die richtige Seite, aber dort auf die Infoseite, wenn man Flash nicht installiert hat. Daher statt
    "http://www.deutsches-institut-fuer-gesundheitsforschung.de/upgrade_flash.html?t=1277478562770"
    vielleicht nur:
    "http://www.deutsches-institut-fuer-gesundheitsforschung.de" als Link.

  4. 5. Danke

    Da hat's ja schon jemand auf den Punkt gebracht! Danke, dann kann man die Diskussion schon schließen...

  5. Nach der Ampel nun das finnische Herzchen.
    Fällt den Verbraucherschützern nichts besseres ein ?
    Diese primitiven Zeichen sorgen doch dafür, daß der Verbraucher es niemals lernt.
    Die Lebensmittelkonzerne sollten ihre Inhaltsstoffe (und die Herkunft der Zutaten) auf den Verpackungen lesbar und verständlich deklarieren. Den Rest erledigt der lesende Verbaucher schon alleine.

  6. ... danke ich für den aufklärenden Artikel. Die Fertigprodukte vermisse ich nicht, da ich sie nicht verwende. Ich werdr in Zukunft beim Kochen das Salz reduzieren. Leider fand ich keine Angaben im Artikel, wieviel Mengen Salz pro Tag unbedenklich sind. Oder habe ich da etwas überlesen?

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    Mir ergeht es ähnlich. Zwar fehlt die Zeit prinzipiell, aber man kann sich das doch oft irgendwie einteilen.

    Die Zahl steht im Artikel, es sind 6 Gramm pro Tag, die man für unbedenklich hält. Das ist nicht viel.

    Die empfohlene Menge kann man sich ungefähr errechnen: "Natur- völker ... weniger als ein Gramm Salz pro Tag ... Portugal... (... die pro Kopf und Tag bis zu 20 Gramm Salz verbrauchte) konnten ... Salzverbrauch auf die Hälfte zurückführen."

    Also zwischen 1 und 10g, bzw. da wir in der BRD bei 8-12g liegen, müssten wir wohl eine Menge unter 8g anstreben. Ich glaube aber nicht, dass wir jedes Gramm zählen können oder müssen, sondern versuche selbst, mich mit viel Frischkost zu ernähren und auf Fertigprodukte zu verzichten. Dabei reduziere ich sowohl Salz als auch Zucker gegenüber den alten Rezepten und ersetze sie durch Kräuter.

    Meine Mutter hatte allerdings in der Nachkriegszeit nur wenige Kräuter zur Verfügung, so dass ich tatsächlich auf "Salz und Pfeffer" geprägt bin und mir alles andere selbst aneignen musste. Muskat, Curry, Kümmel und Paprika gab es vielleicht noch, Liebstöckel in Form von Maggi (gesalzen), aber Dill, Oregano, Basilikum lernte ich erst später kennen. Dass es mehrere Arten von Curry gibt und es eine Mischung ist, wusste ich lange nicht, ebenso wofür man Kümmel benutzen kann und den Gebrauch von Knoblauch (egal ob der nun gesund ist oder nicht, aber er gibt Geschmack!).

    Aber auch Zucker habe ich für mich reduziert, obwohl ich kein Übergewicht habe, allein aus Gesundheitsgründen. Mein Vater ist ja heute noch der Meinung, Zucker müsse wertvoll sein, da er im Krieg zugeteilt wurde ;-)

    Mir ergeht es ähnlich. Zwar fehlt die Zeit prinzipiell, aber man kann sich das doch oft irgendwie einteilen.

    Die Zahl steht im Artikel, es sind 6 Gramm pro Tag, die man für unbedenklich hält. Das ist nicht viel.

    Die empfohlene Menge kann man sich ungefähr errechnen: "Natur- völker ... weniger als ein Gramm Salz pro Tag ... Portugal... (... die pro Kopf und Tag bis zu 20 Gramm Salz verbrauchte) konnten ... Salzverbrauch auf die Hälfte zurückführen."

    Also zwischen 1 und 10g, bzw. da wir in der BRD bei 8-12g liegen, müssten wir wohl eine Menge unter 8g anstreben. Ich glaube aber nicht, dass wir jedes Gramm zählen können oder müssen, sondern versuche selbst, mich mit viel Frischkost zu ernähren und auf Fertigprodukte zu verzichten. Dabei reduziere ich sowohl Salz als auch Zucker gegenüber den alten Rezepten und ersetze sie durch Kräuter.

    Meine Mutter hatte allerdings in der Nachkriegszeit nur wenige Kräuter zur Verfügung, so dass ich tatsächlich auf "Salz und Pfeffer" geprägt bin und mir alles andere selbst aneignen musste. Muskat, Curry, Kümmel und Paprika gab es vielleicht noch, Liebstöckel in Form von Maggi (gesalzen), aber Dill, Oregano, Basilikum lernte ich erst später kennen. Dass es mehrere Arten von Curry gibt und es eine Mischung ist, wusste ich lange nicht, ebenso wofür man Kümmel benutzen kann und den Gebrauch von Knoblauch (egal ob der nun gesund ist oder nicht, aber er gibt Geschmack!).

    Aber auch Zucker habe ich für mich reduziert, obwohl ich kein Übergewicht habe, allein aus Gesundheitsgründen. Mein Vater ist ja heute noch der Meinung, Zucker müsse wertvoll sein, da er im Krieg zugeteilt wurde ;-)

  7. Was immer hilft: FDH

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