Es ist kaum zu glauben, dass das, was da im Inkubator liegt, ein echter Mensch sein soll. Winzig klein, mit durchscheinender Haut und einem Eierwärmer auf dem Kopf. "Rückblickend sah das richtig drollig aus", erinnert sich Anita Stacha an die ersten Tage ihres Sohnes. "Aber ich war natürlich wahnsinnig erschrocken, als ich mein kleines Alien da liegen sah." Das Alien war ihr Sohn René-Noel, 15 Wochen zu früh geboren, 650 Gramm leicht. Lange kämpften die Ärzte um sein Leben.

Den heute siebenjährigen René-Noel scheint nichts mehr mit dieser Handvoll Leben auf den Fotos zu verbinden, den schweren Start sieht man ihm nicht an. Dennoch: "Man merkt es", sagt seine Mutter, "auch wenn er sich inzwischen unwahrscheinlich gut entwickelt hat. Frühchen wie er haben in aller Regel noch jahrelang zu kämpfen."

Etwa 60.000 Kinder im Jahr kommen in Deutschland vor der abgeschlossenen 37. Schwangerschaftswoche auf die Welt und gelten als Frühgeborene. Rund 8000 werden noch vor der 30. Schwangerschaftswoche geboren, oft wiegen sie weniger als 1000 Gramm. Die Chancen, diesen Frühstart zu überleben, stehen heute besser denn je. Doch die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie Schäden zurückbehalten.

Von 200 Frühchen, die zwischen 1993 und 1998 mit einem Gewicht von unter 1000 Gramm im Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover geboren wurden, haben 173 überlebt. Eine Langzeitstudie zeigt, dass fast die Hälfte von ihnen sich normal entwickelt hat, ein gutes Drittel aber Entwicklungsdefizite zeigt. 16 Prozent sind heute schwerbehindert.

Was sich hinter den Zahlen verbirgt, weiß Anita Stacha aus eigener Erfahrung. Die Liste von René-Noels Problemen ist lang: Mit knapp zwei Monaten musste er wegen eines Leistenbruchs operiert werden, er hatte Probleme mit den Augen und erlitt eine Gehirnblutung. Als ihr Kind 19 Wochen später endlich nach Hause kam, mussten Atmung und Sauerstoffversorgung mit einem Monitor überwacht werden. "Den haben wir zwei Jahre lang behalten. In der Zeit musste ich ihn zweimal wiederbeleben, weil er aufgehört hatte zu atmen."

Wie sie ihr Kind ins Leben zurückholt, hatte Anita Stacha zuvor in einem speziellen Reanimationskurs gelernt. Wie sie die ständige Angst um René überwinden sollte, hat ihr jedoch niemand sagen können. "Man kommt nie zur Ruhe. Erst hat ständig der Monitor gepiepst, danach war ich permanent in Sorge, René-Noel könnte aufgehört haben zu atmen." Die massiven Schlafstörungen ihres Sohnes und seine Probleme beim Essen erschwerten den Alltag zusätzlich. Im Laufe der Jahre wurden Entwicklungsverzögerungen sichtbar. Wegen einer Minderentwicklung der Lunge erlitt René-Noel immer wieder Lungenentzündungen. "Infekte gab’s sowieso dauernd."