Martenstein "Ich lebe naturnah. Die oder wir. Das ist kein Streichelzoo da draußen"
Harald Martenstein über seinen Kampf gegen wilde Tiere im Garten
Im vergangenen Sommer hatte ich im Garten eine Schneckenplage. Die Schnecken versteckten sich die meiste Zeit unter einem Steinhaufen. Sie waren kein Gegner, der sich offen zum Kampf stellt. Sie waren ein Gegner, der frühmorgens, wenn man noch schläft, aus finsteren, feuchten Ritzen herauskriecht und über ein geheimnisvolles Gespür für die Lebensgewohnheiten des jeweiligen Gartenbesitzers verfügt. Sie ziehen sich zurück, sobald man aufsteht. Sie hören irgendwie das Rascheln der Bettdecke oder das Blubbern der Kaffeemaschine.
Egal, ob ich um sieben aufstehe oder um neun, ich sehe immer nur noch die Letzten von ihnen, die selbstzufrieden und fett wieder in ihr Versteck zurückkriechen, rote, schleimige Viecher, die kaputt machen, was man sich über Jahre mühsam aufgebaut hat.
Ich habe aus der Küche Zahnstocher geholt und die Schnecken, die ich erwischen konnte, auf den Zahnstochern aufgespießt. Ein Zahnstocher bietet Platz für drei bis vier Schnecken. Wenn der Zahnstocher voll war, habe ich ihn mitsamt den sich windenden, zuckenden Schnecken in eine gusseiserne Schale geworfen, die ich eigentlich zum Feuermachen gekauft hatte. Mithilfe der gusseisernen Schale und eines darin prasselnden Feuerchens wollte ich es mir an kühlen Sommerabenden draußen im Garten gemütlich machen, egal, das ist mir alles egal. Als die Zahnstocher alle waren, habe ich den Grillspieß genommen. Auf den Grillspieß passten bis zu acht Schnecken.
Ich lief nach dem Aufstehen durch den Garten, Morgen für Morgen, jawohl, im Schlafanzug, jawohl, noch vor dem Kaffee, denn sie hören das Blubbern der Maschine, und spießte erst einmal Schnecken auf. Sagen Sie ruhig, was Sie denken! Ich weiß es doch sowieso.
Ich bin nicht grausam. Ich bin öko. Soll ich die Schnecken vergiften? Gift, das finden Sie wirklich besser? Ich bin die Natur. Die Natur ist nicht grausam. Wie fühlt sich denn die Gazelle, wenn ein Löwe sie anspringt? Verurteilen Sie den Löwen etwa auch, moralisch gesehen? Der Löwe will leben. Ich will ebenfalls leben. Es sind meine Zucchini, meine Cocktailtomaten und meine Kürbisse, über die wir hier reden.
Ich verschone die Weinbergschnecken. Ich mag Weinbergschnecken, es gibt auch nur wenige von ihnen in meinem Garten. Ich habe einen Marker gekauft und habe die Häuser der Weinbergschnecken nummeriert. Schnecke eins, Schnecke zwei, Schnecke drei. Damit ich ihr Revierverhalten studieren kann. Das ist eine andere Facette meines Wesens – Wissensdurst. Und Gerechtigkeit. Wer seine Sexualität im Griff hat und sich nur maßvoll vermehrt, hat von mir nichts zu befürchten.
In diesem Sommer gibt es wenige Schnecken. Es gibt aber viele Stechinsekten. Ich habe bei Rossmann ein Gerät gekauft, für 3 Euro 99, das wie ein Tennisschläger aussieht. Die Bespannung des Schlägers ist allerdings elektrisch, sie steht unter Strom, wenn ich auf diesen Knopf drücke, der sich am Griff des Tennisschlägers befindet. Sobald ein Insekt die Bespannung berührt, stirbt es durch Stromschlag. Man hört ein leichtes Brutzeln, ähnlich wie beim Grillen. Ich laufe durch meinen Garten, morgens, jawohl, im Schlafanzug, und schlage wild in die Luft hinein, ich grille Stechmücken und Pferdebremsen. Hunderte. Wie im Rausch. Niemals Schmetterlinge, damit das klar ist. Dann erst Kaffee.
Ich dachte, dass der Garten einen anderen Menschen aus mir macht – genau so ist es gekommen. Ich lebe naturnah. Die oder wir. Das ist kein Streichelzoo da draußen. Wer nicht töten will, soll besser in der Stadt bleiben.
- Datum 23.06.2010 - 10:40 Uhr
- Serie Martenstein
- Quelle ZEITmagazin, 24.06.2010 Nr. 26
- Kommentare 17
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Na, da bin ich aber auf die Kommentare gespannt. Aber erstmal lös' ich das Kreuzworträtsel, danach schaue ich nochmal hier vorbei.
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn
Das Menschenhirn kann sehr sentimental werden. Unabhängig davon frisst in der Natur der eine den anderen. Ist schon ziemlich gruselig. Wenn wir unsere lieben Gartenpflanzen schützen freuen sie sich. Sind ja auch irgendwie Zellen die leben.
Und außerdem werden viele von uns zu Lebzeiten Opfer von Vieren und Bakterien.----- leider führt unsere Intelligenz in Gemütsscheinwelten. Ziehen wir mal den Vorhang beiseite.
Es soll ja sogar imposante Tisch-Guillotine für Zigarren (und morphologisch ähnlichem!) geben...
Nun, Monsieur, auf geht's. Für die Freiheit! Für die Revolution!
- „Terreur ist nichts anderes als strenge und unbeugsame Gerechtigkeit."
muss man denn immer einen noch schlaueren und ach so weitsichtigen gedanken mit sich herrumtragen oder kann man nicht einfach mal abschalten und gemüse anbauen ?
entkrampft euch leute, die welt geht eh unter, da könnt ihr hier noch so tolle kommentare schreiben.
und die sauschnecken nehemen wir auf jeden fall mit!!
martenstein wir sehen uns beim rasenmähen!
der Paradespiesser
Schnecken mit einem Zahnstocher aufzuspießen ist hilflos. Wozu gibt Blindschleichen? Ein wirklicher Öko-Gärtner wüsste dies.
Mücken hält man sich mit Walnussbäumen vom Hals. Die Bauern wussten schon warum sie diese Bäume in der Mitte des Hofes pflanzten.
Und Wespen setzen sich im Spätsommer nur auf die Erdbeertorte weil sie Hunger haben. In unseren von Rasen dominierten Gärten finden sie kaum Nahrung. 2 Bienenbäume schaffen da Abhilfe.
Herr Martenstein wirkt wie eine Tootsie in der Wildnis.
Das kommt darauf an. Ist sie zum Beispiel übergewichtig, wird sie wohl um jedes Kilo froh sein, welches ihr abgenommen wird. Also denkt sie "Vielen Dank - endlich schlank !" Ist sie aber eher der buddhistischen Philosophie zugeneigt so denkt sie wohl: "Es ist immer gut, wenn andere etwas zu Essen haben, schon ein wenig Leiden weniger auf der Welt!" In allen anderen Fällen wird sie wohl denken: S.....e!
Was für saudumme Kommentare! Auch dieser ...
Was für saudumme Kommentare! Auch dieser ...
Auch wenn Sie -wie Sie öfters betonen- die Kommentare nicht lesen (womit Sie übrigens 100% im Recht sind, denn es gibt kaum Uninteressanteres als Leute -ich nehme mich nicht heraus!, die glauben Sie hätten immerzu etwas anzumerken), muss ich mich wiederholen: Sie schreiben großartig.
Aber das wissen Sie eh. Was gut ist, denn deswegen ist auch diesen Kommentar getrost nicht gelesen zu haben, voll ok!
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