Germany's next TopmodelWare Schönheit

90.789 junge Frauen haben sich bisher bei der Castingshow "Germany's next Topmodel" beworben. Nur wenige haben es nach oben geschafft, profitiert hat davon vor allem der Fernsehsender ProSieben.

Fiona Erdmann ist Vierte geworden, damals, vor drei Jahren. Kurz vor dem Finale flog sie raus, und als es zu Ende war, fing es an, gut zu werden. Fiona Erdmann ist eine glückliche Frau, jetzt, im Sommer 2010.

Vor drei Jahren war sie eine Zicke, die Zicke in der zweiten Staffel der ProSieben-Show Germany’s next Topmodel . Vielen Menschen, die sie im Fernsehen gesehen hatten, ging sie auf die Nerven. Sie lästerte über die anderen Kandidatinnen, wusste alles besser, hatte immer recht und wollte mit den anderen Mädchen eigentlich nichts zu tun haben. Sie war egoistisch, immer nur auf den eigenen Vorteil bedacht, früher nannte man so ein Verhalten auch "stutenbissig", jetzt nennt man es "zickig". Als Fiona rausflog aus der Show, da jubelten manche in Internetforen. Heute arbeitet Fiona Erdmann als Schauspielerin, sie hat Modeljobs in Mailand, man kann sagen, dass ihr Traum in Erfüllung gegangen ist.

Fiona Erdmanns Traum war ein Kleinmädchentraum, verkürzt lautet er: Ich wäre gerne berühmt. Mit 15 ist sie von zu Hause ausgezogen, weg aus Meldorf, 7500 Einwohner an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste, nach Bremen, um eine Ausbildung zur gestaltungstechnischen Assistentin zu beginnen. Damals sagten alle, sie würde es nicht schaffen, das mit dem Berühmtwerden.

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Sie sang dann auf Dorffesten, bewarb sich bei Agenturen, spielte in RTL-Gerichtsshows mit, bewarb sich bei der Castingsendung Popstars. Sie sagt, dass Castingshows für sie der einzige Weg gewesen seien. 2007 dann Germany’s next Topmodel , sie schafft die erste Runde, und dann kommt sie immer weiter, die Rolle der Zicke funktioniert.

Ja, sie geht anderen auf die Nerven, weil sie anstrengend ist. Dass sie auch nett ist und intelligent und ehrgeizig, sieht man in der Show aber nicht, es würde ihre Rolle komplizierter machen. Das Fernsehen schafft sich seine Charaktere, in jeder Staffel von Germany’s next Topmodel gibt es "die Schüchterne", "die Heulsuse", "die Selbstbewusste", und es gibt eine Zicke, das Problem ist nur: Die Zicke gewinnt nie.

Wenn Erdmann über ihre Zeit bei Germany’s next Topmodel spricht, tut sie es ohne Reue. Sie ist freundlich, aber wenn es um ihren damaligen Vertrag geht, aus dem sie irgendwann rauswollte, dann stockt sie, dann überlegt sie sehr genau, was sie erzählt.

"Ich habe mich eigentlich nie gefragt, was ich werden will, meine Frage lautete immer: Was wird mir geboten?" Bei ProSieben, das war ihr Gefühl, wurde ihr zu wenig geboten. Sie hatten nur eine Rolle für sie, und die wollte sie nicht mehr spielen: "Ehrlich gesagt: Es nervt mich extrem! Topmodel-Zicke, immer wieder, bis heute." Dann sagt sie, dass sie gelernt habe, wie die Branche ticke, und dass man es nicht jedem recht machen könne. Es klingt erfahren, ernüchtert und ein bisschen müde. Nach drei Jahren in dieser Branche.

Fiona Erdmann ist 22 Jahre alt. Sie wusste, wenn sie auf Platz vier landet, dann kann aus ihrer Karriere nur etwas werden, wenn sie sie selbst in die Hand nimmt. Sie ist nicht mit 15 aus Meldorf, 7500 Einwohner, weggezogen, damit niemand weiß, wer sie ist. Sie hat also jetzt keinen Vertrag mehr mit ProSieben, dafür hat sie eine Agentur und einen Manager. Sie ist Schauspielerin, Model, Moderatorin.

Die Sendung Germany’s next Topmodel ist ein klassischer Schönheitswettbewerb, der mit den Mitteln des modernen Fernsehens ausgetragen wird. Die Kamera ist immer dabei, wenn aus bis zu 20.000 Bewerberinnen diejenige ausgewählt wird, die der Jury am besten gefällt. In den fünf Jahren, in denen Germany’s next Topmodel jetzt läuft, haben sich laut ProSieben insgesamt 90789 Mädchen beworben, jedes Jahr mehr, eine Handvoll davon hat es geschafft, sie arbeiten als Models, manche sind prominent. Bis es so weit ist, müssen sie verschiedene Aufgaben bestehen. Sie lernen, wie in einer Tanzschule der fünfziger Jahre, beim Gehen ein Buch auf dem Kopf zu balancieren; dann wieder müssen sie sich halb nackt fotografieren lassen, manchmal auch mit einem Elefanten. Am Ende jeder Sendung entscheidet die Jury, welche Teilnehmerin nach Hause muss, bis am Ende eine übrig bleibt. Ihr Gewinn: ein Kleinwagen, ein Cover-Shooting für eine Frauenzeitschrift, eine Werbekampagne für eine Modemarke und ein, wie die Produktionsfirma es formuliert, "lukrativer Vertrag mit einer Modelagentur".

Sieg oder Niederlage hängt von der Jury ab, ihre Besetzung wechselt mit jeder Staffel, die einzige Konstante ist Heidi Klum aus Bergisch Gladbach. Auch sie wurde im Privatfernsehen entdeckt, 1992 gewann sie einen Vertrag mit einer New Yorker Modelagentur. 1998 war sie auf dem Cover der Bademoden-Ausgabe des US-Magazins Sports Illustrated, und plötzlich war sie ein gefragtes Model, ein Star. Sie spielte Rollen in amerikanischen Serien, moderierte Shows, sie ging mit prominenten Männern aus, und 2005 heiratete sie den Schmusesänger Seal. In einem Interview sagte sie einmal: "Ich würde mich nicht als Supermodel bezeichnen. Supermodels machen viel Mode. Ich bin eher eine Personality. Ich mache eher Fernsehen." Heute hat Klum einen vom Forsa-Institut berechneten Bekanntheitsgrad in Deutschland von über 96 Prozent. So viel wie Jesus.

Jedes Jahr kommen neue Kandidatinnen zu Germany’s next Topmodel , jedes Jahr kommt eine neue Jury, aber ohne Heidi Klum kommen keine Zuschauer, darüber sind sich beim Sender alle einig, deshalb wurde ihr Vertrag vor Kurzem verlängert. Sie ist das Vorbild für die Bewerberinnen, sie ist das Versprechen. Ein Versprechen, das größer ist als alle Bedenken, alle Zweifel, alle Versagensängste.

Leserkommentare
    • olut
    • 24.06.2010 um 9:33 Uhr

    War ja klar, dass da eine Menge faul ist, und dass die Sender die Mädels ausnutzen.. Trotzdem, der ausführliche Artikel hat mir sehr gefallen, danke!

  1. wie verkommen die medial vermittelten Ziele sind.

    Eine Egozentrik hat sich breit gemacht unter den jungen Menschen, die eine öffentliche Ausbeutung ihrer Persönlichkeit als selbstverständlich anerkennt.

    Und von solchen Leuten soll dann ein funktionierendes Gemeinwesen betrieben werden.

    Ich bedaure nicht, daß ich in meinem Alter nicht mehr dem Zeitgeist unterliege. Und dabei bin ich noch gar nicht so alt!
    Wie schnell sich doch die Wertenorm der Sozialisation verändert hat!

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    … das wusste schon Sokrates. Gut, dass es da die Älteren gibt, die in ihrer Jugend und auch heute so verantwortungsvoll mit der Welt umgehen. ;-)

    Mal ehrlich, ein bisschen differenzierter sehen Sie die Lage doch hoffentlich auch?

    ...nagen schon. Und im Gegensatz zu einem Kraftfahrzeug wird es im Alter eben gerade nicht wertvoller - das Topmodel. Also schnell die jugendliche Haut zu Markte tragen wenn man nichts anderes hat. Studieren gehen kann man später immer noch - hat man erst mal den solventen Finanzier gefunden. Laßt sie doch ihre Erfahrungen machen mit der multimedialen Vermarktung - das war immer so in einer Welt der Illusionen. Und solange sie sich gegenseitig damit das sauer verdiente Geld aus der Tasche ziehen ist dagegen auch nichts einzuwenden.

    … das wusste schon Sokrates. Gut, dass es da die Älteren gibt, die in ihrer Jugend und auch heute so verantwortungsvoll mit der Welt umgehen. ;-)

    Mal ehrlich, ein bisschen differenzierter sehen Sie die Lage doch hoffentlich auch?

    ...nagen schon. Und im Gegensatz zu einem Kraftfahrzeug wird es im Alter eben gerade nicht wertvoller - das Topmodel. Also schnell die jugendliche Haut zu Markte tragen wenn man nichts anderes hat. Studieren gehen kann man später immer noch - hat man erst mal den solventen Finanzier gefunden. Laßt sie doch ihre Erfahrungen machen mit der multimedialen Vermarktung - das war immer so in einer Welt der Illusionen. Und solange sie sich gegenseitig damit das sauer verdiente Geld aus der Tasche ziehen ist dagegen auch nichts einzuwenden.

  2. … das wusste schon Sokrates. Gut, dass es da die Älteren gibt, die in ihrer Jugend und auch heute so verantwortungsvoll mit der Welt umgehen. ;-)

    Mal ehrlich, ein bisschen differenzierter sehen Sie die Lage doch hoffentlich auch?

  3. ...nagen schon. Und im Gegensatz zu einem Kraftfahrzeug wird es im Alter eben gerade nicht wertvoller - das Topmodel. Also schnell die jugendliche Haut zu Markte tragen wenn man nichts anderes hat. Studieren gehen kann man später immer noch - hat man erst mal den solventen Finanzier gefunden. Laßt sie doch ihre Erfahrungen machen mit der multimedialen Vermarktung - das war immer so in einer Welt der Illusionen. Und solange sie sich gegenseitig damit das sauer verdiente Geld aus der Tasche ziehen ist dagegen auch nichts einzuwenden.

  4. "Bei ProSieben ist ein Topmodel ein Model, das im Fernsehen Drogeriemarktprodukte bewirbt.

    • Sted
    • 24.06.2010 um 17:00 Uhr

    Wirklich sehr schön und aufschlussreich geschrieben.Ich habe mich schon des öfteren gefragt, wo denn die ganzen "Gewinnerinnen" eigentlich statt finden,weil ich davon außer vielleicht der versprochenen C&A Kampagne und dem Magazincover nichts mitbekomme.
    Aber ich wusste auch nicht,dass man mit nicht mehr mit einer professionellen, internationalen und großen Agentur zusammenarbeitet.

    Mir sind Castingshows im Allgemeinen, Topmodel jedoch im Besonderen, einfach zuwider. Ich bete regelmäßig dafür dass die Leute einfach aufhören einzuschalten. Aber unabhängig davon, dass Einschaltquoten ja nur hochgerechnet werden bemerke ich im Gespräch mit gleichaltrigen die, wie ich, der begehrten Zielgruppe 14-49 angehören, immer wieder, dass das Konzept aufgeht. Freunde von mir schalten regelmäßig ein, um sich hübsche Mädchen anzuschauen, Fleischbeschauung 2.0 .Freundinnen schauen ob der emotionalen Bindung zu,sie suchen sich ihre Favoritin aus,fiebern mit, wollen sehen wie Intrigen gesponnen werden und glauben, Sie sind damit "besser unterhalten" als von GZSZ, bei dem das selbe stattfindet, aber künstlicher wirkt. Ich bin froh, dass wenigstens einige der "gescheiterten" (im Pro7 Sinne) Teilnehmerinnen auspacken und sich von dem Sender distanzieren.

    • Sted
    • 24.06.2010 um 17:00 Uhr

    Was haben wir von diesem Artikel gelernt? "Germany's Next Topmodel" und Pro7 sind das Produkt, die Maschine. Die Teilnehmerinnen sind nur der Treibstoff,der verheizt wird.Und nicht ganz unpassend zu unserem Verhältnis zum "schwarzen Gold",das im Golf gerade in großen Mengen ausströmt, braucht auch diese "Maschine Topmodel" immer mehr Treibstoff der verfeuert werden kann. Und die Ware "schöne, junge Frau" hat ja bekanntlich eine geringe Halbwertszeit.Entweder bis die ersten Falten auftauchen oder die nächste Staffel "Frischfleisch" liefert.

    Aber das Konzept wirkt. "Wen scheren die Kritiker?", fragt Pro7.

    PS: Ich bin für eine Erhöhung der maximalen Zeichenzahl bei Beiträgen.

  5. Jetzt würde mich aber doch interessieren, wie denn der Vertrag aussieht, den Lena Meyer-Landrut unterzeichnen musste. Ist der wirklich besser als der von GNTM? Schwer zu glauben.

    Ich vermute mal, dass der Journalist das vor lauter Lena-Indie-Hype gar nicht recherchiert hat... Oder sollte ich mich irren?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...ist Lena jetzt wirklich europaweit bekannt...

    Wie dir vielleicht aufgefallen ist, geht es in dem eh schon viel zu langem Artikel hauptsächlich um GNTM und nicht um LML. Hier wurde lediglich geschrieben, dass LML sich anscheinend nicht so verbiegen musste. Der Vertrag von LML wäre eine andere Baustelle! Herrgott, wieso müssen die Leute eigtl. immer rummaulen, dass dies und das fehlt, weil ja vermutlich dieser und jener Autor nur blind/faul/bestochen/von der Redaktion gelenkt worden ist...

    Derartige Ausbeuterverträge wird die ARD garantiert nicht aufsetzen. Und Raab auch nicht.

    ...ist Lena jetzt wirklich europaweit bekannt...

    Wie dir vielleicht aufgefallen ist, geht es in dem eh schon viel zu langem Artikel hauptsächlich um GNTM und nicht um LML. Hier wurde lediglich geschrieben, dass LML sich anscheinend nicht so verbiegen musste. Der Vertrag von LML wäre eine andere Baustelle! Herrgott, wieso müssen die Leute eigtl. immer rummaulen, dass dies und das fehlt, weil ja vermutlich dieser und jener Autor nur blind/faul/bestochen/von der Redaktion gelenkt worden ist...

    Derartige Ausbeuterverträge wird die ARD garantiert nicht aufsetzen. Und Raab auch nicht.

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