Fiona Erdmann ist Vierte geworden, damals, vor drei Jahren. Kurz vor dem Finale flog sie raus, und als es zu Ende war, fing es an, gut zu werden. Fiona Erdmann ist eine glückliche Frau, jetzt, im Sommer 2010.

Vor drei Jahren war sie eine Zicke, die Zicke in der zweiten Staffel der ProSieben-Show Germany’s next Topmodel . Vielen Menschen, die sie im Fernsehen gesehen hatten, ging sie auf die Nerven. Sie lästerte über die anderen Kandidatinnen, wusste alles besser, hatte immer recht und wollte mit den anderen Mädchen eigentlich nichts zu tun haben. Sie war egoistisch, immer nur auf den eigenen Vorteil bedacht, früher nannte man so ein Verhalten auch "stutenbissig", jetzt nennt man es "zickig". Als Fiona rausflog aus der Show, da jubelten manche in Internetforen. Heute arbeitet Fiona Erdmann als Schauspielerin, sie hat Modeljobs in Mailand, man kann sagen, dass ihr Traum in Erfüllung gegangen ist.

Fiona Erdmanns Traum war ein Kleinmädchentraum, verkürzt lautet er: Ich wäre gerne berühmt. Mit 15 ist sie von zu Hause ausgezogen, weg aus Meldorf, 7500 Einwohner an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste, nach Bremen, um eine Ausbildung zur gestaltungstechnischen Assistentin zu beginnen. Damals sagten alle, sie würde es nicht schaffen, das mit dem Berühmtwerden.

Sie sang dann auf Dorffesten, bewarb sich bei Agenturen, spielte in RTL-Gerichtsshows mit, bewarb sich bei der Castingsendung Popstars. Sie sagt, dass Castingshows für sie der einzige Weg gewesen seien. 2007 dann Germany’s next Topmodel , sie schafft die erste Runde, und dann kommt sie immer weiter, die Rolle der Zicke funktioniert.

Ja, sie geht anderen auf die Nerven, weil sie anstrengend ist. Dass sie auch nett ist und intelligent und ehrgeizig, sieht man in der Show aber nicht, es würde ihre Rolle komplizierter machen. Das Fernsehen schafft sich seine Charaktere, in jeder Staffel von Germany’s next Topmodel gibt es "die Schüchterne", "die Heulsuse", "die Selbstbewusste", und es gibt eine Zicke, das Problem ist nur: Die Zicke gewinnt nie.

Wenn Erdmann über ihre Zeit bei Germany’s next Topmodel spricht, tut sie es ohne Reue. Sie ist freundlich, aber wenn es um ihren damaligen Vertrag geht, aus dem sie irgendwann rauswollte, dann stockt sie, dann überlegt sie sehr genau, was sie erzählt.

"Ich habe mich eigentlich nie gefragt, was ich werden will, meine Frage lautete immer: Was wird mir geboten?" Bei ProSieben, das war ihr Gefühl, wurde ihr zu wenig geboten. Sie hatten nur eine Rolle für sie, und die wollte sie nicht mehr spielen: "Ehrlich gesagt: Es nervt mich extrem! Topmodel-Zicke, immer wieder, bis heute." Dann sagt sie, dass sie gelernt habe, wie die Branche ticke, und dass man es nicht jedem recht machen könne. Es klingt erfahren, ernüchtert und ein bisschen müde. Nach drei Jahren in dieser Branche.

Fiona Erdmann ist 22 Jahre alt. Sie wusste, wenn sie auf Platz vier landet, dann kann aus ihrer Karriere nur etwas werden, wenn sie sie selbst in die Hand nimmt. Sie ist nicht mit 15 aus Meldorf, 7500 Einwohner, weggezogen, damit niemand weiß, wer sie ist. Sie hat also jetzt keinen Vertrag mehr mit ProSieben, dafür hat sie eine Agentur und einen Manager. Sie ist Schauspielerin, Model, Moderatorin.

Die Sendung Germany’s next Topmodel ist ein klassischer Schönheitswettbewerb, der mit den Mitteln des modernen Fernsehens ausgetragen wird. Die Kamera ist immer dabei, wenn aus bis zu 20.000 Bewerberinnen diejenige ausgewählt wird, die der Jury am besten gefällt. In den fünf Jahren, in denen Germany’s next Topmodel jetzt läuft, haben sich laut ProSieben insgesamt 90789 Mädchen beworben, jedes Jahr mehr, eine Handvoll davon hat es geschafft, sie arbeiten als Models, manche sind prominent. Bis es so weit ist, müssen sie verschiedene Aufgaben bestehen. Sie lernen, wie in einer Tanzschule der fünfziger Jahre, beim Gehen ein Buch auf dem Kopf zu balancieren; dann wieder müssen sie sich halb nackt fotografieren lassen, manchmal auch mit einem Elefanten. Am Ende jeder Sendung entscheidet die Jury, welche Teilnehmerin nach Hause muss, bis am Ende eine übrig bleibt. Ihr Gewinn: ein Kleinwagen, ein Cover-Shooting für eine Frauenzeitschrift, eine Werbekampagne für eine Modemarke und ein, wie die Produktionsfirma es formuliert, "lukrativer Vertrag mit einer Modelagentur".

Sieg oder Niederlage hängt von der Jury ab, ihre Besetzung wechselt mit jeder Staffel, die einzige Konstante ist Heidi Klum aus Bergisch Gladbach. Auch sie wurde im Privatfernsehen entdeckt, 1992 gewann sie einen Vertrag mit einer New Yorker Modelagentur. 1998 war sie auf dem Cover der Bademoden-Ausgabe des US-Magazins Sports Illustrated, und plötzlich war sie ein gefragtes Model, ein Star. Sie spielte Rollen in amerikanischen Serien, moderierte Shows, sie ging mit prominenten Männern aus, und 2005 heiratete sie den Schmusesänger Seal. In einem Interview sagte sie einmal: "Ich würde mich nicht als Supermodel bezeichnen. Supermodels machen viel Mode. Ich bin eher eine Personality. Ich mache eher Fernsehen." Heute hat Klum einen vom Forsa-Institut berechneten Bekanntheitsgrad in Deutschland von über 96 Prozent. So viel wie Jesus.

Jedes Jahr kommen neue Kandidatinnen zu Germany’s next Topmodel , jedes Jahr kommt eine neue Jury, aber ohne Heidi Klum kommen keine Zuschauer, darüber sind sich beim Sender alle einig, deshalb wurde ihr Vertrag vor Kurzem verlängert. Sie ist das Vorbild für die Bewerberinnen, sie ist das Versprechen. Ein Versprechen, das größer ist als alle Bedenken, alle Zweifel, alle Versagensängste.