Der Nigerianer Vincent Enyeama betet für den Sieg seiner Mannschaft © Laurence Griffiths/Getty Images

Wir reden heute viel zu oft über Gott. Denn als aufgeklärte Zeitgenossen meinen wir genau zu wissen, was Gott für einen Gläubigen darstellt: das Höchste Wesen, das die Welt und alles in ihr geschaffen hat. Erschrecken würden wir, wenn man uns erklärte, wie grob unpräzise die Rede von einem Höchsten Wesen klingt, weil Gott überhaupt kein Wesen ist. Wie kommen wir eigentlich dazu, ihn als "gut", "weise" oder "intelligent" zu apostrophieren? Viele Gläubige und die meisten Theologen räumen zwar theoretisch ein, dass Gott ganz und gar transzendent sei, trotzdem haben sie erstaunlich konkrete Vorstellungen, wer "er" ist und was er von uns erwartet. Wir neigen dazu, sein Anderssein zu zähmen und ihn unseren Wünschen anzuverwandeln. Immer noch wird Gott angefleht, eine Nation zu segnen, die Königin zu schützen, unsere Krankheiten zu heilen und unserem Fußballverein zum Sieg zu verhelfen. Ganz selbstverständlich, ja demonstrativ erflehen diese jungen Fußballstars mit ihren großen Anbetungsgesten im Stadion höhere Unterstützung – obwohl ihre Gegner doch vermutlich auch Gottes Kinder und damit Gegenstand seiner Liebe sind.

Unser modernes Gottesbild ist, um das Mindeste zu sagen, naiv. In Lobpreisungen erinnern Christen den Herrn daran, dass er die Welt geschaffen hat und sie arme Sünder sind, als ob ihm das entfallen sein könnte. Atheisten gehen trotz einer rasant sich ändernden Welt von einer Unveränderlichkeit des Glaubens aus – davon, dass Gläubige schon immer so über Gott gedacht haben wie heute. Ungeachtet unseres wissenschaftlichen und technischen Scharfsinns ist unser religiöses Denken auffällig unterentwickelt, ja primitiv.

Dabei existierte bereits in der vormodernen Welt durchaus ein Bewusstsein davon, wie schwierig es ist, über Gott zu sprechen. Große jüdische, christliche und muslimische Theologen erklärten, dass wir, wenn wir das Göttliche in Worte fassen, notwendigerweise an die Grenzen des Sagbaren gelangen. Sie empfahlen spirituelle Übungen, die die Sprache transzendieren und den Gläubigen zu der Einsicht bringen sollten, dass unsere Worte für die Welt vielleicht hinreichend, aber für Gott unzulänglich sind. Manche Mystiker scheuten sich vor der Behauptung, dass Gott "existiere", weil sie die menschliche Vorstellung von Existenz an sich viel zu beschränkt fanden. Einige weise Theologen bezeichneten Gott als ein "Nichts", weil er nun mal kein Wesen sei. Ganz sicher durfte man aus ihrer Perspektive die heiligen Schriften nicht wörtlich nehmen. In den Augen dieser Theologen wäre der Umgang mancher moderner Christen mit der Bibel fast schon Götzenanbetung.

Im mittelalterlichen Europa hatten die Christen schon einmal ein distanziertes Verhältnis zur Heiligen Schrift. Sie lernten, die Messe als symbolischen Nachvollzug von Leben, Tod und Auferstehung Jesu zu begreifen. Die lateinische Liturgie, die sie nicht verstanden, steigerte den mystischen Nimbus noch. Einen Großteil der Messe sprach der Priester halblaut vor sich hin, und die feierliche Stille in Verbindung mit dem liturgischen Geschehen, mit Musik und stilisierten Gesten, versetzte die Gemeinde in einen geistigen Raum jenseits des Alltags. Heute hat man eine volkssprachliche Bibel oder einen Koran zu Hause und kann lesen, doch mit dem symbolischen Verständnis hapert es oft.

Vielleicht wäre für uns Heutige der Rückgriff auf die Antike hilfreich – auf eine dialektische Weise des Denkens, Sprechens, Weltaneignens. Die Griechen sprachen von Mythos und Logos als gleichwertigen, sich ergänzenden Prinzipien, die es jedoch nicht zu vermischen galt. Logos ("Vernunft") war der pragmatische Denkmodus, mit dessen Hilfe die Menschen in der Welt wirken konnten. Er musste daher genau mit der äußeren Realität korrespondieren. Er wurde gebraucht, um effiziente Waffen herzustellen oder eine Expedition zu planen, die Gesellschaft zu organisieren und Wissen zu ordnen. Der Logos war auf Zukunft orientiert, aber er hatte seine Grenzen: Nur durch Vernunft ließ sich weder menschliches Leid lindern noch ein Lebenssinn erkennen. Für solche letzten Dinge gab es den Mythos.

Heute leben wir in einer Epoche des wissenschaftlichen Logos, die den Mythos verachtet. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist er das Unwahre. Früher jedoch galt der Mythos keineswegs als Lüge, Erfindung, Hirngespinst, sondern als "Wahrsage". Komplementär zum Logos war er Orientierungshilfe in einer verwirrenden Welt. Die mythischen Göttergeschichten vermochten moralisch verwickelte und tragische Aspekte des menschlichen Daseins zu erklären. Im 20. Jahrhundert ist der Mythos denn auch als frühe Form der Psychologie wertgeschätzt worden. Als Freud und Jung ihre wissenschaftliche Suche nach der Seele begannen, wandten sie sich ganz instinktiv den antiken Mythen zu. Denn sie sahen darin nicht einfach Erzählungen, sondern überzeitliche Muster des Humanen. Als Mythos galt ihnen, was schon einmal geschah und immer wieder geschieht. Der Heldenmythos: eine Anleitung zum heldenhaften Handeln. Die Geschichten von Buddha, Jesus, Mohammed: Unterweisungen im Menschsein.

Religion war ja ursprünglich nicht das, was Menschen dachten, sondern was sie taten. Sie erlangte ihre Wahrheit erst durch praktische Einübung. So wie man das Autofahren nicht aus einem Handbuch erlernen kann und das Kochen nicht durch Rezeptelesen, so erfordert auch der Glaube echte Arbeit. Und so wie man beim Schwimmen wunderbarerweise nicht auf den Boden des Beckens sinkt, sondern plötzlich schwebt, hebt der Glaube uns in einen neuen Zustand. 

Religiöse Menschen können oft nicht richtig erklären, wie ihre Rituale und Übungen wirken, genauso wie eine Eisläuferin vielleicht die physikalischen Gesetze nicht kennt, die sie auf schmalen Kufen über das Eis gleiten lassen. Zu den besonderen Eigenschaften des Menschen zählt eben die Fähigkeit, Erfahrungen zu machen, die über das mit dem Verstand Fassbare hinausgehen. Musik beispielsweise war immer wieder untrennbar mit religiösen Äußerungen verbunden, weil sie wie die Religion Grenzen der Vernunft aufzuzeigen vermag. Musik ist eine körperliche, aber auch geistige Übung und erschließt uns außersprachliche Bereiche auf eine Weise, die man mit George Steiner göttlich nennen könnte: "Was hinausreicht über des Menschen Wort, ist beredtes Zeugnis Gottes."