Joachim Gauck »Habt weniger Angst«

Er sei links, liberal und konservativ, sagt Joachim Gauck von sich. Wofür steht der Präsidentschaftskandidat? Ein Gespräch

DIE ZEIT: Herr Gauck, Internetaufrufe, Unterstützungskampagnen, Demonstrationen – die Hoffnungen, die sich an Ihre Kandidatur knüpfen, sind gigantisch. Überrascht Sie diese Resonanz?

Joachim Gauck: Ja, aber was wir im Moment beobachten, kann unmöglich nur mit meiner Person zusammenhängen. Klar freue ich mich darüber: Da sind Menschen, die sich bislang nicht für Politik interessiert haben und die jetzt plötzlich aktiv werden. Sie haben Wünsche, die sich mit unserem Land verbinden, sie wollen glauben, dass das eine gute Demokratie ist, und sie erwarten von der Politik, dass sie ihnen den Glauben daran leichter macht.

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ZEIT: Fühlen Sie sich den Hoffnungen gewachsen?

Gauck: Ich kann nicht der sein, der alle diese Erwartungen erfüllt – zumal sich viele dieser Hoffnungen darauf richten, dass eine andere Politik gemacht würde. Das ist nicht Aufgabe eines Bundespräsidenten. Ich glaube aber, dass ich helfen könnte, die Kommunikation zwischen Regierenden und Regierten zu verbessern. Mir standen auf verschiedenen Etappen meines Lebens Worte zur Verfügung, die Menschen dazu brachten, den eigenen Kräften neu zu vertrauen oder sich von Ängsten zu verabschieden. Diese Fähigkeit möchte ich einbringen.

ZEIT: Ist die Kluft zwischen Politik und Gesellschaft in den letzten Jahren größer geworden?

Gauck: Ich glaube, ja. Wir haben stärker das Gefühl, dass die Politik nicht mehr erklären kann, warum bestimmte Entscheidungen notwendig sind. Nun weiß ich, dass sich die Menschen eigentlich nach einer Appellationsinstanz sehnen, die das korrigiert, was die Politik falsch macht. Das muss der Bundespräsident natürlich abweisen. Aber er kann vermitteln. Und er kann Debatten über Ziele in der Zukunft anstoßen, mit denen sich die Bevölkerung stärker identifiziert.

ZEIT: Empfinden die Menschen, dass die Politik versagt?

Gauck: Ich glaube, es ist weniger die mangelhafte Qualität des Regierens als vielmehr, dass sich Regierende und Regierte zu sehr voreinander fürchten. Ich habe manchmal den Eindruck, die Politik traut sich nicht, die Wirklichkeit so ernst und so deutlich zu schildern, aus Angst vor dem Erschrecken der Öffentlichkeit. Das muss aber nicht unbedingt sein. Eines hat mich sehr beruhigt: Als sich während der Finanzkrise einzelne Medien mit Horrorszenarien überboten, ist keine Panik ausgebrochen. Deshalb darf man der Bevölkerung ruhig etwas mehr zutrauen.

ZEIT: Manche Entscheidungen rufen selbst dann Widerstand hervor, wenn sie gut begründet sind.

Gauck: Selbstverständlich, ich habe neulich an Bundeskanzler Schröder erinnert, der sich mit einem großen Teil seiner eigenen Partei und den Gewerkschaften angelegt hat, um den Sozialstaat bezahlbar zu halten. Aber die Kraft der großen Politiker bestand in der Vergangenheit immer darin, etwas zu wagen, was möglicherweise im Widerspruch zum Wunsch der Bevölkerung stand. Das haben beide Lager vorgemacht: Das konservative Lager konnte unter Helmut Kohls Führung einen Abschied von dem wichtigen deutschen Nationalsymbol, der D-Mark, einleiten, und das rot-grüne Lager konnte deutsche Soldaten zu einem solidarischen Einsatz für Menschenrechte und Verfolgte auf den Balkan schicken.

ZEIT: Es gibt die Sehnsucht nach einem charismatischen Bürgerpräsidenten. Sind Sie nicht auch Projektionsfläche für antipolitische Affekte?

Gauck: Dass diese Sehnsucht existiert, ist mit Händen zu greifen. Dass Charisma in der Politik nicht immer schädlich sein muss, weiß jeder Einsichtige. Die Frage ist, ob die Erwartungen wirklich politisch kontraproduktiv sind. Wollen die Leute wirklich einen, der Gegenpolitik macht, oder wollen sie Glaubwürdigkeit, wo immer sie möglich ist, und Vertrauen in dem Maße, wie wir es brauchen, um mit unserem Land verbunden zu sein? Deshalb sind die Erwartungen, die sich an meine Kandidatur knüpfen, nicht automatisch politikfern und politikfeindlich. Aber ich sehe durchaus auch diejenigen, die einen Antipolitiker haben möchten, »um es denen mal zu zeigen«.

Leser-Kommentare
  1. "Gauck: Selbstverständlich, ich habe neulich an Bundeskanzler Schröder erinnert, der sich mit einem großen Teil seiner eigenen Partei und den Gewerkschaften angelegt hat, um den Sozialstaat bezahlbar zu halten."

    Er sollte doch zumindest wissen, dass die Sozialsysteme seit der Agenda 2010 keineswegs günstiger geworden sind. Ansonsten würde ich ihm http://www.destatis.de/je... empfehlen, da steht vieles, was einem bei der Beurteilung der Agenda hilft.

    Er macht's wie gewöhnliche Politiker: Er redet über Dinge, von denen er keine Ahnung hat.

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    "Gauck: Selbstverständlich, ich habe neulich an Bundeskanzler Schröder erinnert, der sich mit einem großen Teil seiner eigenen Partei und den Gewerkschaften angelegt hat, um den Sozialstaat bezahlbar zu halten."

    Allerdings!

    Man mag Schröder das eine oder andere vorhalten, konsenssüchtig, ängstlich, ideen- und mutlos wie Merkel ist er nicht.

    Haben wir Merkel schon sagen gehört: "Satte 25% des gesamten (!) Bundeshaushaltes 2010 zahlen wir in die Rentenkassen ein, weil diese seit langem insolvent sind. Dies ist eine Steigerung um 60% in 6 Jahren. Die Renten sind das größte und wichtigste Problem dieser Republik!"

    Vorab ... ich bin noch mehr als 20 Jahre von meiner "Rente", die dann wahrscheinlich Grundversorgungs-Sozialsatz heißt, entfernt.

    Anders als bei Schrüder, betreibt Merkel vorsätzliche Volksverdummung, spricht von "50% Sozialetat" (was immer das auch sein soll), Wulff erhöht neulich im ZDF ungestraft auf "70%" ...

    Da ist mir ein Schröder, der den Finger in die Wunde legt, statt inkompetentes dummes Zeug zu reden, tausend Mal lieber und INSOWEIT ist dies durchaus erinnerungswert.

    P.S.: Der von Ihnen genannten Quelle ist auch entnehmbar, dass Staatsquote und Bundeshaushalt nur selten gefallen sind ... und dies fast immer in die Zeit von Schröder fällt.
    CDU Kanzler konnten eben nur selten mit Geld umgehen.

    Horrido!

    "Gauck: Selbstverständlich, ich habe neulich an Bundeskanzler Schröder erinnert, der sich mit einem großen Teil seiner eigenen Partei und den Gewerkschaften angelegt hat, um den Sozialstaat bezahlbar zu halten."

    Allerdings!

    Man mag Schröder das eine oder andere vorhalten, konsenssüchtig, ängstlich, ideen- und mutlos wie Merkel ist er nicht.

    Haben wir Merkel schon sagen gehört: "Satte 25% des gesamten (!) Bundeshaushaltes 2010 zahlen wir in die Rentenkassen ein, weil diese seit langem insolvent sind. Dies ist eine Steigerung um 60% in 6 Jahren. Die Renten sind das größte und wichtigste Problem dieser Republik!"

    Vorab ... ich bin noch mehr als 20 Jahre von meiner "Rente", die dann wahrscheinlich Grundversorgungs-Sozialsatz heißt, entfernt.

    Anders als bei Schrüder, betreibt Merkel vorsätzliche Volksverdummung, spricht von "50% Sozialetat" (was immer das auch sein soll), Wulff erhöht neulich im ZDF ungestraft auf "70%" ...

    Da ist mir ein Schröder, der den Finger in die Wunde legt, statt inkompetentes dummes Zeug zu reden, tausend Mal lieber und INSOWEIT ist dies durchaus erinnerungswert.

    P.S.: Der von Ihnen genannten Quelle ist auch entnehmbar, dass Staatsquote und Bundeshaushalt nur selten gefallen sind ... und dies fast immer in die Zeit von Schröder fällt.
    CDU Kanzler konnten eben nur selten mit Geld umgehen.

    Horrido!

  2. aber vieles ist einfach stimmig, ist einfach glaubhaft.
    Ich wünsche ihn mir als Bundespräsidenten.
    Gleichwohl, hätte ich einmal die Gelegenheit, würde ich mit ihm gerne über einige Punkte kontrovers diskutieren.
    Aber, das Gesamtbild hat schon etwas, was sofort anspricht, was etwas auslöst, bei Wulff ist nur Leere.
    Und, ohne Wulff zu nahe treten zu wollen, zwischen Gauck und Wulff liegen Lichtjahre, Gauck ist eine Lichtgestalt, Wulff ist eine graue Maus.

    • WuDang
    • 27.06.2010 um 10:09 Uhr

    Pressekampagnen und Parteipolitiker investieren. Demos? - ach ja so ne FDPler haben da mal was in Berlin versucht, wo 60 Betschwestern gekommen sind; mir wär das ja so peinlich, dass ich den Rest meines Lebens davon nicht mehr reden würde...
    "Als sich während der Finanzkrise einzelne Medien mit Horrorszenarien überboten" - von welchem Planeten kommt der? Die Erde kanns nicht sein, da haben die "Medien" nur wenig Ahnung von dem, was läuft, und die Politiker versuchen schön zu reden was geht - ah, da fällt der Groschen, Gauck ist ja auch einer dieser Politiker!
    Deswegen die jubelnde Kriegspropaganda, wenn der Herr Pfarrer von Auslandseinsätzen spricht!

    • Varech
    • 27.06.2010 um 10:12 Uhr

    Die ganzen Diskussionen um die Präsidentenwahl erinnern mich an irgendein Eurovisiongetingel.
    Die Wahl ist nach Recht und Gesetz längst entschieden. Das machen gewählte Abgeordnete, die in ihrer Amtszeit nur ihrem eigenen Gewissen verantwortlich sind. Wir dürfen da jetzt abwarten.
    Aber mal ehrlich: Neuerdings wirklich Pfaffen im Rat!?

    • WuDang
    • 27.06.2010 um 10:14 Uhr

    hat kein Recht, sich als Links zu bezeichnen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    das finde ich auch. man ist entweder für oder gegen einen krieg. solange man nicht angegriffen wird, hat man die wahl. wählt man den krieg ist man nicht links und hat auch nichts gelernt aus dem letzten jahrhundert!
    geht es um bodenschätze oder handelswege, dann verstößt so ein krieg imho auch gegen das grundgesetz. geht es um ex-cia-taliban (die uns vor der besetzung nie angegriffen haben), dann möchte man raten "habt weniger angst", sonst müssen wir in den nächsten legislaturperioden noch in nordkorea, in den iran, in china, in pakistan und jedes andere land der welt einmarschieren, dessen interessen nicht exakt den unseren entsprechen. das sichert dann zwar arbeitsplätze, aber was es kostet ...

    das finde ich auch. man ist entweder für oder gegen einen krieg. solange man nicht angegriffen wird, hat man die wahl. wählt man den krieg ist man nicht links und hat auch nichts gelernt aus dem letzten jahrhundert!
    geht es um bodenschätze oder handelswege, dann verstößt so ein krieg imho auch gegen das grundgesetz. geht es um ex-cia-taliban (die uns vor der besetzung nie angegriffen haben), dann möchte man raten "habt weniger angst", sonst müssen wir in den nächsten legislaturperioden noch in nordkorea, in den iran, in china, in pakistan und jedes andere land der welt einmarschieren, dessen interessen nicht exakt den unseren entsprechen. das sichert dann zwar arbeitsplätze, aber was es kostet ...

    • germi
    • 27.06.2010 um 10:15 Uhr

    Social worker schreibt: "Und, ohne Wulff zu nahe treten zu wollen, zwischen Gauck und Wulff liegen Lichtjahre, Gauck ist eine Lichtgestalt, Wulff ist eine graue Maus." Da kann ich nur sagen: Wunschdenken sollte nicht denken ersetzen und v.a. nicht politische Erfahrung. Sie projizieren in Hernn Gauck ihre Wunschvorsellungen hinein, die weitgehend idealistisch und von einer generellen Ablehnung von Politik gestreift sind. Ich fürchte, dass Sie nach einiger Zeit von Gauck genauso enttäuscht wären, wie jetzt von Politik überhaupt. Herrn Wulf tun Sie dabei bitter Unrecht. Diese Häme, die ihm vielerorts entgegenschlägt, hat er nicht verdient. Schon allein durch seine viel höhere politische Kompetenz als sie bei Gauck festzustelleln ist, wäre er für unser Land als BP ein Gewinn.

  3. dieses interview verrät einiges mehr als die gefeierte grundsatzrede neulich. lieblingszitate

    "Ich habe das politische Leben lange Zeit – 50 Jahre – in größter Ferne von der Macht erlebt, in der Diktatur. ... Ich konnte in dieser Zeit wichtige Dinge lernen: dass das Recht und die Wahrheit nicht immer bei der Mehrheit sind ..."

    "Der Bundespräsident hat die wunderbare Möglichkeit, ohne in ein Parteikorsett oder in eine Regierungsverpflichtung eingebunden zu sein, der Bevölkerung Politik jenseits parteitaktischer Interessen zu erklären. Er versucht, Glaubwürdigkeit herzustellen, die durch reines Regierungshandeln oftmals schwerer zu erlangen ist, insbesondere wenn Mehrheitsmeinungen gegen die aktuellen Entscheidungen stehen. Deshalb ist die Rolle und die Funktion des Bundespräsidenten, so etwas wie Verständnis der vielen für das Handeln der wenigen herzustellen, die zum Regieren bestimmt sind."

  4. "ZEIT: Können wir heute unsere Interessen ganz nüchtern definieren, indem wir sagen: Die Bundeswehr ist dazu da, den freien Welthandel zu sichern?

    Gauck: Das ist nicht mein Text. ..."

    das steht aber schon im weißbuch zur sicherheitspolitik der cdu von 2006:
    http://www.bmvg.de/filese...
    (seite 24) deshalb überrascht mich gauck, wenn er sagt

    "Ich kann nicht erkennen, dass sich in Deutschland, das sich über Jahrzehnte intensiv mit seiner Schuld auseinandergesetzt hat, auch nur der Anflug eines Militarismus zeigt, der uns in die Katastrophen der Kriege geführt hat."

    aber hauptsache ist doch immer, dass es der mehrheit gefällt, nicht wahr.

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