ZEITmagazin: Eure Eminenz, Sie sind in Liggersdorf, einem kleinen Dorf am Bodensee, aufgewachsen. Dennoch haben Sie als Kind den Krieg hautnah erlebt.

Karl Kardinal Lehmann: Ja, auch dort hat es Bombenangriffe gegeben. In den letzten Kriegsjahren, 1943 bis 1945, sogar sehr regelmäßig. Wir wohnten im Schulhaus, da mein Vater Lehrer war. Immer wieder gab es mitten in der Nacht Fliegeralarm. Dann wurde ich von meiner Mutter aus dem Schlaf gerissen, und wir gingen mit anderen Leuten nach unten in den Luftschutzkeller. Ich schlief zwar meist halb weiter, aber ich hörte die Flugzeuge und gelegentlich auch das Pfeifen von Bomben.

ZEITmagazin: Sie sind 1936 geboren, waren in dieser Zeit also erst sieben, acht Jahre alt. Hatten Sie große Angst in solchen Nächten?

Lehmann: Meine größte Angst war, dass wir nicht mehr aus dem Keller herauskommen würden. Ich hatte andere Häuser gesehen, deren Eingang nach einem Bombenangriff verschüttet war. Diese panische Angst davor, dass am anderen Morgen die Haustür verbarrikadiert sein könnte und niemand uns bemerken würde, steckte mir ziemlich in den Knochen. Es war jedes Mal eine große Befreiung, wenn wir wieder draußen waren.

 ZEITmagazin: Haben Sie viel Leid als Kind mit ansehen müssen?

Lehmann: Einmal habe ich gesehen, wie ein Bomberpilot, der abgeschossen worden und auf eine Brücke gestürzt war, tot in den Trümmern lag. Obwohl ich 200 Meter entfernt war, blieb es eine sehr brutale Konfrontation mit dem Tod. Im April 1945 wurde im Wald jemand erschossen und dann auf dem Kühler eines Autos ins Dorf gebracht. Ein unheimlicher Anblick. Damals waren die umliegenden Wälder sehr unsicher, weil sich darin entflohene Kriegsgefangene versteckt hielten. Am Ende des Krieges kamen auch desertierte deutsche Soldaten und bettelten, ob sie ein paar Stunden im Heu schlafen dürften.

ZEITmagazin: Was bei Todesstrafe verboten war?

Lehmann: Ja, aber wir ließen immer wieder Leute bei uns übernachten. Ich weiß noch, wie einmal die Franzosen kamen. Sie gingen ins Schlafzimmer, stachen mit ihren Bajonetten unter die Betten und durchsuchten den Kleiderschrank. Aber sie fanden nichts, da die Deutschen schon um vier, fünf Uhr in der Früh weitergezogen waren.

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ZEITmagazin: Der Krieg war in Ihrer Kindheit also allgegenwärtig?

Lehmann: Auf dem Land sind wir noch relativ behütet gewesen. Die meisten Erfahrungen mit dem Krieg waren eher indirekt. Ich habe zum Beispiel von einer Anhöhe aus beobachtet, wie Friedrichshafen bombardiert wurde, wie es dort mitten in der Nacht taghell wurde und alles loderte. Und ich erinnere mich noch, wie eines Tages der Briefträger zu meiner Oma in den Garten kam. An seinem zögernden Schritt merkte ich, dass er schlechte Nachrichten brachte. Einer meiner drei Onkel war gefallen. Einige Monate später kam er mit der Vermisstenmeldung meines zweiten Onkels. Auch mein Vater war 1942 eingezogen worden. Er kehrte Gott sei Dank im Juni 1945 zurück, aber es war immer die Angst da, dass er zu Tode kommen könnte. Ich hatte als Kind eine große Sehnsucht, dass dieser schlimme Krieg zu Ende gehen möge.