Bundespräsidentenwahl Herbe Schönheit
Currywurst und Regenmantel – in der Hansestadt Rostock versteht man was von Understatement.
© Joachim Messerschmidt, DZT

Die Altstadt an der Warnow mit der Marienkirche im Hintergrund
Sie wollen beide Bundespräsident werden: Christian Wulff aus Osnabrück und Joachim Gauck aus Rostock. Ein Besuch in der Heimat der Kandidaten
Grünfaktor: Wer vom Hauptbahnhof mit der S-Bahn in Richtung Norden fährt, muss denken, Rostock liege im Wald. Und so falsch ist der erste Eindruck nicht: Fast jedes Wohnhaus hat einen Garten, jedes Viertel einen Park, und Park heißt hier nicht, dass da bloß ein paar Rosen Spalier stehen. Schon in den Wallanlagen fühlt man sich wie in einem Dschungel, so hoch sind die Bäume, so fern wirkt die Zivilisation. Auf dem Weg in Richtung Altstadt steht man plötzlich vor einer mannshohen Wiese und wundert sich, warum hier keine Kühe grasen. Dass Rostock seit der Wende knapp ein Viertel seiner Einwohner verloren hat, hat also auch sein Gutes: Es gibt viel Platz für Wildwuchs.
Wasser: Am Rostocker Stadthafen wirkt die Warnow wie ein gewaltiger Strom, der Wasser aus halb Europa in die Ostsee spült. Hinter der Stadtgrenze ist dieser vermeintliche Strom dann nur noch 50 Meter breit. Doch wen kümmert das? Dieses winzige Flüsschen und sein gewaltiges Delta haben Rostock zu einer der bedeutendsten Hafenstädte Europas gemacht, mit mittelalterlichen Kontor- und Kaufmannshäusern, historischen Werftanlagen und einem modernen Seehafen, von dem täglich ein Kreuzfahrtschiff ausläuft.
Ein anderer Rostocker hat mal gesagt: Heimat ist der Ort früher Leiden. Anfangs habe ich den Satz nicht verstanden, heute weiß ich, dass auch Schmerzen uns beheimaten in einer Landschaft
Joachim Gauck
Spezialität: Mit dem Fisch in Rostock ist es wie überall im deutschen Norden. Die Menschen haben ihn satt. Zarteste Matjes werden in süßer Remoulade ertränkt, Schollen so lange gebraten, bis sie zäh sind wie ein Pferdesteak. Richtig stolz sind die Rostocker auf ihre Currywurst, die ohne Pelle in die Pfanne kommt. Auf dem Teller sieht sie aus wie das erschlaffte Gemächt eines kleinen Dinosauriers. Da hilft nur eins: viel Soße.
Glamour: Hansestadt Rostock, das klingt nach bürgerlichem Understatement und altem Geld. Das klingt gut, fanden die Rostocker kurz nach der Wende. Nach ein paar Jahren mussten sie feststellen: Das klingt nicht nach uns. Also gaben sie sich den Beinamen »Hansestadt mit Herz«. Denn Rostocker haben es gerne bodenständig. Sie trinken eher Bier als Wein und mögen auch sonst keinen Schnickschnack. Ihr liebstes Kleidungsstück ist ein farbiger Regenmantel, obwohl sie natürlich wissen, dass außer Catherine Deneuve darin keiner eine gute Figur macht. In Sachen Understatement können selbst die Hamburger hier noch einiges lernen.
Einkaufen: Strenge Backsteingotik und verspielte Renaissancetürme, klassizistische Symmetrie und barocke Pracht: Die Kröpeliner Straße ist eine Leistungsschau bürgerlicher Baukunst, liebevoll restauriert und zum Niederknien schön. Doch das merkt man erst, wenn man nach oben schaut. Unten tun die üblichen Warenhausketten alles, damit man sich hier wie in einer westdeutschen Fußgängerzone fühlt.
Souvenir: Ein Mitbringsel, das es nur hier gibt? Die Verkäuferin in dem Andenkengeschäft muss eine Zeit lang suchen, dann findet sie eine Segeltuchtasche mit der Aufschrift »Rostock«.
Wichtigste Kirche: Rostocks größter Schriftsteller hatte nur Spott übrig für Rostocks wichtigste Kirche. Ein »Bauungetüm« nannte Walter Kempowski die Marienkirche, »oben rasch und behelfsmäßig mit einem hühnerkopfähnlichen Türmchen abgeschlossen«. Was der Kirche an äußerlicher Schönheit fehlt, macht sie durch Bedeutung wett. Sie hat eine der besten Orgeln im Ostseeraum und eine der ältesten astronomischen Uhren. Im Oktober 1989 tauchte hier ein neuer Prediger auf: Joachim Gauck. Nach der Wende hätten sie den Pfarrer dann nur noch im Fernsehen gesehen, sagt die Bedienung im Gemeindecafé. Die Mutter seiner Kinder kenne sie besser. Die kellnere auch hier, ehrenamtlich.
Das Museum der Stadt: Die Rostocker Kunsthalle stammt aus einer Zeit, als Museumsgebäude noch keine Kunstwerke sein wollten. Von der Straße aus könnte man diesen Backsteinriegel für eine Turnhalle halten. Unbedingt reingehen! Das Museum beherbergt eine der größten Sammlungen der Ostmoderne. Das Highlight, Fritz Cremers Arbeiterfigur Der Aufsteigende, steht im Innenhof, ein weiterer Abguss vor dem UN-Hauptquartier in New York.
Tipp der Einheimischen: Ein Nachmittag im Seebad Warnemünde gehört zu jedem Rostock-Besuch. Für den Abend raten die Einheimischen zur Sky Bar im 21. Stock des Hotels Neptun. Wegen des großartigen Blicks aufs nachtblaue Meer und wegen der Cocktailkarte. Beliebtester Drink: Danziger Goldwasser, aufgespritzt mit Taittinger Brut. Schmeckt eigenwillig, sieht aber toll aus.
- Datum 29.06.2010 - 10:52 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.06.2010 Nr. 26
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