Dynamo Dresden Wir gegen die
In der Dauerkrise von Dynamo Dresden zeigt sich: Der Verein hat ein schwieriges Verhältnis zur Politik – und umgekehrt
Ganz hinten im Plenarsaal des Rathauses, im Schatten der Zuschauertribüne, hat der Präsident des Fußballvereins SG Dynamo Dresden Platz genommen. Hauke Haensel blickt über 70 Stadträte hinweg nach vorn. Im Licht sitzt die CDU-geführte Dresdner Bürgermeisterriege. Es geht an diesem Tag um Geld, um mehr Geld fürs Stadion. Von draußen dröhnen 500 mit Bierbecher und Sonnenbrille aufgemotzte Fans: »Hier regiert die SGD.« Die CDU, noch immer die Nummer eins in Sachsen, will nur einen geringen Zuschuss geben – weniger, als der Verein fordert. Es folgt eine hitzige Debatte, immerhin muss Dresden etwa bei Schulbauten sparen. Und was passiert? Mit knapper Mehrheit beschließt der Rat die Finanzspritze in voller Dosis. Haensel nickt zufrieden.
»Dynamo gehört zu Dresden wie die Semperoper«, sagt Stadtrat Jan Kaboth, der mal Balletttänzer war und nun einem unabhängigen Bürgerbündnis angehört. Oper? Geht es nicht um Fußball?
Bei Dynamo Dresden geht es immer um mehr. Der Verein, der mit durchschnittlich 14.000 Zuschauern so viele Fans anlockt wie kein anderer Drittligist, ist vieles: identitätsstiftende Trutzburg, Wärmestube, Publikumsmagnet. Machtfaktor in der Stadt, aber auch chronischer Bittsteller. Eines ist Dynamo Dresden nie: einfach, unkompliziert.
Die wohl schwerste Krise seit dem Zwangsabstieg 1995 stellt die Sportgemeinschaft Dynamo vor ernste Herausforderungen. Ist der Verein noch zu retten? Eifersüchteleien, Intrigen und Machtkämpfe haben zu einer Reihe von Rücktritten geführt.
Nachdem ihn Lokalmedien der Lüge in einer Personalfrage bezichtigt hatten, gab Aufsichtsratschef Holm Große sein Amt ab. Geschäftsführer Stephan Bohne erhielt keinen neuen Vertrag. Die Nachricht wurde ihm von einem Vereinsvertreter in Begleitung eines Bodyguards zugestellt. Sponsoren drohen mit dem Absprung. Die Existenz des Klubs steht auf dem Spiel. Das Pikante: Diesmal sind es nicht gewalttätige Fans, die die Sportgemeinschaft in Bedrängnis bringen; die selbstzerstörerischen Kräfte kommen aus der Vereinsspitze selbst. Letztlich geht es um die Frage, wie sich der Klub zur Politik verhält. Ein Urthema bei Dynamo.
Bereits in der DDR hatte der Verein ein zwiespältiges Verhältnis zur Macht. Dynamo unterstand der Volkspolizei. Zwar hatte der Verein Zugriff auf talentierte Kicker, doch ein Mächtiger soll den Erfolg verwehrt haben: Stasi-Chef Erich Mielke. Der von ihm protegierte BFC Dynamo Berlin wurde von 1979 bis 1988 DDR-Meister. Jährlich. Ein Trauma, das ältere Dynamo-Fans prägte. Möglich, dass sich deshalb bis heute Skepsis gegenüber jeglicher Staatsmacht hält – gepaart mit einer Mischung aus Underdog-Gefühl und Selbstbewusstsein angesichts lange zurückliegender Erfolge, wie etwa dem Sieg über Juventus Turin im Europapokal 1973. Fast scheint es, als müsste sich Dynamo an der Politik reiben können, um zu existieren.
Umgekehrt suchen Politiker die Nähe zum weit über Dresden hinaus bekannten Verein. Der damalige Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) wurde 2003 ausgepfiffen, als er sich per Stadionmikrofon für eine neue Arena stark machte. Exoberbürgermeister Ingolf Roßberg (FDP), der Bürgschaften für die Lizenz und den Grundsatzbeschluss für den Stadionneubau organisierte, wurde mehrfach ausgebuht. Rathauschefin Helma Orosz (CDU) redete schließlich bei der Einweihung – was geschah? Genau.
»Jubel und Abgrund sind hier so nah beieinander wie bei kaum einem Klub«
Dresdens Linksfraktionschef André Schollbach, selbst Fan der Gelb-Schwarzen, warnt: »Wer sich im Glanz von Dynamo Dresden sonnen will, gerät in die Gefahr, sich unverhofft im Schatten wiederzufinden. Jubel und Abgrund sind hier so nah beieinander wie bei kaum einem anderen Fußballklub.« Dabei ist die Grundstimmung im Stadion nicht zwingend aggressiv. Wer den steil aufragenden Neubau besucht, trifft auf eine vielschichtige Menge: sympathische Fußballverrückte, die ihr letztes Geld für den Verein geben und ihm vor Jahren mit der Trikot-Aktion »Brustsponsor« aus der Patsche halfen; singende Ultras, Familienväter und Studenten. Auf der VIP-Tribüne tummeln sich Autohausbesitzer, Immobilienhändler und mittelständische Unternehmer. So wie in anderen Stadien auch.
- Datum 23.06.2010 - 11:43 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 24.06.2010 Nr. 26
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren