Das Ding ist ein Monstrum. Ein 4,5 Kilometer langer, sechs Stockwerke hoher Stahlbetonriegel im Osten der Insel Rügen. Gebaut wurde er in den dreißiger Jahren nach Plänen des Architekten Clemens Klotz für die NS-Reiseorganisation Kraft durch Freude (KdF). 20.000 Volksgenossen sollten hier Urlaub machen. Doch das »Seebad Prora« blieb Projekt, der Koloss unvollendet.

Nach dem Krieg bot er der größten Kaserne der DDR Platz. Heute ist er eine Touristenattraktion. Vor allem Jugendliche zieht es nach Prora, es gibt einen Zeltplatz, sommers locken Partys. 2011 soll nun in BlockV die »längste Jugendherberge der Welt am Nordende des weltberühmten KdF-Bads« eröffnet werden. So wirbt das Deutsche Jugendherbergswerk (DJH) für das Bauvorhaben.

Doch Prora hat vor allem eine DDR-Geschichte und Block V eine ganz besondere: Hier waren die Waffenverweigerer der DDR untergebracht, die Bausoldaten. Diese Geschichte wird demnächst womöglich endgültig wegsaniert.

2003 tobten beim Jugendevent »Prora03« erstmals Tausende Jugendliche vor dem Block. Und auch in diesem Sommer wird wieder Musik dröhnen – an einem Ort, an dem noch in den achtziger Jahren der bloße Besitz eines Walkmans in den Arrest führte.

1986 kam ich mit 19 Jahren als Bausoldat nach Rügen. Damals gärte es längst in der DDR, und die Bausoldaten aus dem bürgerrechtsbewegten Leipzig schmuggelten in ihren Stiefeln Untergrundschriften von einem Zimmer ins andere. Die Räume in BlockV waren »Brutstätten oppositioneller Gedanken« und wurden »zur Teststrecke für den aufrechten Gang«, wie es der Historiker und frühere DDR-Oppositionelle Bernd Eisenfeld formuliert hat.

Die Bausoldaten – es gab sie seit 1964 – waren ein militärisches Kuriosum, dessen Existenz die DDR-Führung streng geheim hielt. Denn da der Kriegsdienst als Friedensdienst galt, durfte es Verweigerer im Friedensstaat DDR offiziell nicht geben. Die Soldaten mit dem kleinen Spaten auf den Schulterstücken, meist bekennende Christen, sah man als Staatsfeinde an. In der Turnhalle, heute die Mehrzweckhalle des Zeltplatzes, brüllte der Kommandeur: »Wenn Sie das Gelöbnis nicht sprechen, Genossen Bausoldaten, sperre ich euch alle ein.« Wir wurden nicht eher aus der Halle herausgelassen, bis der Akt vollzogen war – mit brüchiger Stimme und gequältem Gewissen: »Ich gelobe, der Deutschen Demokratischen Republik, meinem Vaterland, allzeit treu zu dienen und meine Kraft für die Erhöhung ihrer Verteidigungskraft einzusetzen.«

Oft genug waren die Bausoldaten für ihr Leben gezeichnet. Ihre Ausbildungswünsche? Dahin. Und wer sich allzu hartnäckig widersetzte, bekam die Gewissenlosigkeit der Staatssicherheit zu spüren. Die saß im Stockwerk unter uns. Kein Außenstehender hat ihre Räume je betreten. Selbst mancher Offizier zitterte, wenn er die Bespitzelten zum Verhör führte.

Prora steht für die Anfänge und das Ende der DDR. Zunächst, in den fünfziger Jahren, zog – Teil der heimlichen Aufrüstung – die Kasernierte Volkspolizei ein, der militärische Vorläufer der Nationalen Volksarmee (NVA). Diese baute den Gebäudetorso aus. Im Verbogenen wurde hier das einzige Fallschirmjägerbataillon der Republik aufgestellt. Erst um 1980 erhielt die Anlage den grauen Einheitsputz, und man setzte seeseitig Hunderte Fenster ein, was zu einer Verknappung von Alurahmen in der gesamten Republik führte. Damals begann auch der Ausbau des Hafens Mukran-Saßnitz im Osten von Rügen. Mangels moderner Technik benötigte man Menschen. Tausende. Da kamen die Bausoldaten gerade recht.