Geschichte der Galeeren Hölle auf Wellen
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Im 18. Jhd. beklagen Publizisten in Westeuropa die unmenschlichen Verhältnisse an Bord

Der Freiheit verlustig ging auch Jean Marteilhe. Ausgerechnet auf dem Schiff mit dem Namen Die Glückliche beginnt 1702 für den 18-jährigen Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns aus dem südfranzösischen Bergerac seine Zeit als Galeerensklave. Die Familie gehört zu den Hugenotten, den französischen Protestanten, und der junge Mann versuchte, vor den Repressionen Seiner katholischen Majestät Ludwigs XIV. in die Niederlande zu fliehen. Dabei wurde er aufgegriffen und vor Gericht gestellt. Die Richter verurteilten ihn zur Galeerenstrafe. Dies Schicksal teilt er mit rund 2000 weiteren Hugenotten, von denen mehr als die Hälfte die ersten drei Jahre auf der Galeere nicht überleben sollten.

Marteilhe sitzt mit Kriegsgefangenen und Deserteuren, mit Türken und Mauren, aber auch mit verurteilten Schwerverbrechern auf der Bank. Die Männer rudern häufig stundenlang ohne Pause. »Ich bin selbst dabei gewesen, als wir vierundzwanzig Stunden hindurch mit allen Kräften rudern mussten, ohne einen Augenblick auszuruhen«, schreibt er in seinen Memoiren. Wenn so lange gerudert wird, stecken die Aufseher den Sklaven ein Stück in Wein getauchten Zwieback in den Mund, um zu verhindern, dass die Ruderer ohnmächtig werden.

Wehe dem, der nicht mehr kann. Sklaven, denen die Kraft ausgeht, bringen ihre Nebenmänner und damit die ganze Ruderbank aus dem Takt. Wenn ein Riemen durcheinanderkommt, stoßen die Ruderer beim Schwungholen gegen die Vorder- und Rückleute. Die Unteroffiziere dreschen dann auf den Schuldigen ein, bis er wieder im Takt rudert oder zusammenbricht. Auch die Strafen beschreibt Marteilhe als drakonisch: »Man entkleidet den Unglücklichen, der dazu verurteilt ist, vom Gürtel an bis oben, ganz nackt.« Danach legen die Unteroffiziere ihn über den Mittelbau der Galeere. »Man lässt ihm die Beine durch zwei Sträflinge und die beiden Arme durch zwei andere halten. Hinter ihm steht ein Aufseher, der mit einem Tau auf einen Türken loshaut, damit dieser aus allen Kräften, mit einem starken Tau auf den Rücken des armen Delinquenten schlägt«, berichtet Marteilhe. »Selten vermögen diejenigen, welche zu dieser Strafe verurteilt sind, mehr als zehn oder zwölf Schläge auszuhalten, ohne das Bewusstsein zu verlieren. Dies hindert jedoch nicht, dass man weiter auf den armen Leib eindrischt bis zu der vom Major verordneten Anzahl der Hiebe.«

Marteilhe selbst hat mehr Glück und entgeht den harten Strafen. Nach einer langen Zeit als Ruderer wird er zum Schreiber und Sekretär des Kapitäns befördert. 1713 erlangt er seine Freiheit wieder und darf ins holländische Exil; hier stirbt er 1777. Seine Aufzeichnung, 1757 in Rotterdam veröffentlicht und unter dem Titel Galeerensträfling unter dem Sonnenkönig zuletzt 1994 auf Deutsch erschienen, gilt von den Fakten her als authentisch. Es ist unter Historikern aber umstritten, was der Autor selbst erlebt hat und was er nach Zeugenberichten aufschrieb.

In jedem Fall wird Marteilhes drastische Darstellung durch offizielle Berichte und Reisebeschreibungen bestätigt. So stirbt in Marseille zwischen 1685 und 1708 die Hälfte aller Sträflinge auf den Galeeren und im Arsenal. Die venezianische Flottenintendantur veranschlagt die Überlebenserwartung an den Rudern in Friedenszeiten auf fünf Jahre.

Im 18. Jahrhundert beklagen Publizisten in ganz Westeuropa die unmenschlichen Verhältnisse an Bord. »Der Zustand der italienischen Galeerensklaven überhaupt hat etwas die Menschheit empörendes an sich«, schreibt der liberale deutsche Journalist Johann Wilhelm von Archenholtz in einem Reisebericht. Dabei hatte sich der ehemalige preußische Offizier zunächst noch vom Anblick einer stolzen Galeere begeistern lassen. Doch schon als er näher kam, so muss er bekennen, rochen die kraftvollen Schiffe nur nach Spital und Seuchen.

Trotz all dieser öffentlichen Kritik gab es Galeeren und die Galeerenstrafen in einigen Mittelmeerländern wie in Frankreich und dem Osmanischen Reich noch bis ins 19. Jahrhundert hinein, bis schon die ersten Dampfer fuhren und die Epoche der Ruderschiffe mit all ihrem Glanz und ihrem monströsen Elend unwiderruflich zu Ende war.

Geblieben ist nur die Metapher, ein poetisches Bild für schicksalsbestimmte Hoffnungslosigkeit, wie in Hugo von Hofmannsthals berühmten Versen aus dem Jahr 1896: »Manche freilich müssen drunten sterben, / Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen, / Andre wohnen bei dem Steuer droben, / Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne...«

 
Leser-Kommentare
  1. Ist das heute wirklich so ganz anders?

    Vieles läuft subtiler, indirekter und mehr im Hintergrund ab, es gibt andere verfeinerte Methoden zur Repression statt echter Ketten und direkter Schläge. Leiharbeit heutiger Ausprägung gehört u.v.a. auch dazu.

    Sklaven ohne Ketten

    Liebe Hauke Friederichs, herzlichen Dank für die Erinnerung und damit auch der Ermöglichung eines Brückenschlages vom alten zum neuen Sklaventum

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    • etm
    • 28.06.2010 um 0:15 Uhr

    Galeerensklaven mit Leiharbeitern u.ä. in Deutschland zu vergleichen ist so absurd! Ich habe früher mal als Leiharbeiter gearbeitet, bin mit dem Auto zur Arbeit gefahren, die Arbeit hat oft Spaß gemacht, nach der Arbeit habe ich es mir gutgehn lassen, und ich habe damit Geld verdient. Wer solche Vergleiche anstellt, hat keinen blassen Schimmer davon, was es heißt, wenn es einem richtig schlecht geht.

    Die Abbildung zum Artikel ist großartig. Ich hätte aber gern auch Abbildungen von Galeeren aus verschiedenen Zeiten gesehen. Auch werden die karthagischen Penteren (fünfreihige Ruderschiffe!) nicht erwähnt, die den römischen Trieren an Geschwindigkeit überlegen waren, und die die Römer erst nachbauen konnten, nachdem sie eine gestrandete karthagische Pentere aufgetan hatten.

    • etm
    • 28.06.2010 um 0:15 Uhr

    Galeerensklaven mit Leiharbeitern u.ä. in Deutschland zu vergleichen ist so absurd! Ich habe früher mal als Leiharbeiter gearbeitet, bin mit dem Auto zur Arbeit gefahren, die Arbeit hat oft Spaß gemacht, nach der Arbeit habe ich es mir gutgehn lassen, und ich habe damit Geld verdient. Wer solche Vergleiche anstellt, hat keinen blassen Schimmer davon, was es heißt, wenn es einem richtig schlecht geht.

    Die Abbildung zum Artikel ist großartig. Ich hätte aber gern auch Abbildungen von Galeeren aus verschiedenen Zeiten gesehen. Auch werden die karthagischen Penteren (fünfreihige Ruderschiffe!) nicht erwähnt, die den römischen Trieren an Geschwindigkeit überlegen waren, und die die Römer erst nachbauen konnten, nachdem sie eine gestrandete karthagische Pentere aufgetan hatten.

  2. In der Tat ein Gedanke, der sich einem aufdrängt.

    (Fast)könnte man Parallelen mit unserem jetzigen, deutschen Arbeitsmarktsituation - vor allem mit der Zeitarbeit - ziehen. (Jedenfalls geht es mir so :V)

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    Ich vermute, Sie haben Sie bislang auf keiner Galeere Dienst getan. Auf dem deutschen Arbeitsmarkt anscheinend auch nicht. Ich empfehle mit letzterem zu beginnen, dann tief Luft zu holen und eine erneute Einschätzung zu tätigen.

    Ich vermute, Sie haben Sie bislang auf keiner Galeere Dienst getan. Auf dem deutschen Arbeitsmarkt anscheinend auch nicht. Ich empfehle mit letzterem zu beginnen, dann tief Luft zu holen und eine erneute Einschätzung zu tätigen.

  3. Ein bedeutender Unterschied zwischen den Ruderern islamischer und christlicher Staaten wird allerdings verschleiert, offenbar wissentlich: Während es sich bei den Ruderern islamischer Galeeren um Sklaven handelte, wurden auf christlichen Galeeren Sträflinge eingesetzt. Nicht, dass es für das Schicksal des Einzelnen notwendigerweise von Bedeutung gewesen sein mag, kulturgeschichtlich ist es aber von großer Wichtigkeit darauf hinzuweisen. Mit der Christianisierung Europas findet Versklavung von Menschen dort nämlich nicht mehr statt. Christliche Seefahrer hielt das bekanntermaßen nicht davon ab, mit Sklavenhandel Profite zu machen. Das aktive Versklaven von Menschen findet jedoch noch durch islamische Piraten statt, die Millionen von Europäern verschleppten. Mit der Schlacht bei Lepanto 1571, tritt hier allerdings eine Wende ein und mit der Beschießung von Algier, 1816, besteht für die islamischen Menschenfänger praktisch keine Möglichkeit mehr, auf Europäer zuzugreifen (sie wenden sich umso mehr dem sog. Schwarzafrika zu). Es ist also falsch im Zusammenhang mit Ruderern auf spanischen, französischen oder venezianischen Galeeren von «Sklaven» zu sprechen, es handelte sich – wie im Artikel teils auch richtig beschrieben – um Sträflinge.

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    • Acrux
    • 27.06.2010 um 16:40 Uhr

    Die Sklaverei in Europa bestand als Institution bis in die Revolutionszeiten ohne Unterbrechung. Nur durften allerdings, seit der Speatantike und dem Fruehmittelalter, Christen nicht mehr versklavt werden, was in einem zunehmend christlichen Europa den Markt austrocknete. Wie im Islam durften Andersglaeubige auch im Christentum sehr wohl als Sklaven gehalten werden, was sich in den zahlreichen Haussklaven des Adels und der Handelsfuersten niederschlug, auch in der Neuzeit. Nur fuer die grobe Arbeit waren Sklaven zu kostbar geworden. Der Unterschied liegt also nicht im Prinzip, sondern lediglich in der "Beschaffungseffizienz", die leztlich die Machtverhaeltnisse im Mittelmeerraum spiegelt: Sobald europaeisch/amerikanische Kriegsschiffe in der Lage waren, die Seeherrschaft zu behaupten, war es mit den Sklavenexpeditionen schnell vorbei (Siehe z.B. amerikanische Barbareskenkriege).

    • Acrux
    • 27.06.2010 um 16:40 Uhr

    Die Sklaverei in Europa bestand als Institution bis in die Revolutionszeiten ohne Unterbrechung. Nur durften allerdings, seit der Speatantike und dem Fruehmittelalter, Christen nicht mehr versklavt werden, was in einem zunehmend christlichen Europa den Markt austrocknete. Wie im Islam durften Andersglaeubige auch im Christentum sehr wohl als Sklaven gehalten werden, was sich in den zahlreichen Haussklaven des Adels und der Handelsfuersten niederschlug, auch in der Neuzeit. Nur fuer die grobe Arbeit waren Sklaven zu kostbar geworden. Der Unterschied liegt also nicht im Prinzip, sondern lediglich in der "Beschaffungseffizienz", die leztlich die Machtverhaeltnisse im Mittelmeerraum spiegelt: Sobald europaeisch/amerikanische Kriegsschiffe in der Lage waren, die Seeherrschaft zu behaupten, war es mit den Sklavenexpeditionen schnell vorbei (Siehe z.B. amerikanische Barbareskenkriege).

  4. wirklich nur fast Parallelen ziehen.

  5. 5. p.s. -

    Bleibt anzumerken, dass zur Zeit der Schlacht bei Lepanto die Galeere für die europäischen Seemächte längst ein Auslaufmodell war. Bereits 1492 war Columbus mit einer Karavelle über den Atlantik gesegelt. Für die Bedürfnisse der an Welthandel ausgerichteten europäischen Atlantikstaaten war das Linienschiff viel interessanter, es sollte bis zur Motorisierung der Schiffahrt der bedeutendste Bautyp sein.

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    • Guglda
    • 27.06.2010 um 23:03 Uhr

    Die Galeeren waren technisch im 17. Jahrhundert kein Auslaufmodell - sie waren einfach für den stürmischen Atlantik nicht geeignet, vor allem der kontruktionsbedingten Öffnungen an den seitlichen Bordwänden, die man für die Riemen berücksichtigen mußte. Auch waren die Entfernungen im Atlantik zu groß, um mal eben einen Stützpunkt anzulaufen, um Verpflegung für ein paar hundert Ruderer und Mannschaften aufzunehmen. Nur im relativ kleinen und ruhigen Mittelmeer waren Galeeren (im südeuropäischem Raum) fast uneingeschränkt einsetzbar.

    • Guglda
    • 27.06.2010 um 23:03 Uhr

    Die Galeeren waren technisch im 17. Jahrhundert kein Auslaufmodell - sie waren einfach für den stürmischen Atlantik nicht geeignet, vor allem der kontruktionsbedingten Öffnungen an den seitlichen Bordwänden, die man für die Riemen berücksichtigen mußte. Auch waren die Entfernungen im Atlantik zu groß, um mal eben einen Stützpunkt anzulaufen, um Verpflegung für ein paar hundert Ruderer und Mannschaften aufzunehmen. Nur im relativ kleinen und ruhigen Mittelmeer waren Galeeren (im südeuropäischem Raum) fast uneingeschränkt einsetzbar.

  6. Ich vermute, Sie haben Sie bislang auf keiner Galeere Dienst getan. Auf dem deutschen Arbeitsmarkt anscheinend auch nicht. Ich empfehle mit letzterem zu beginnen, dann tief Luft zu holen und eine erneute Einschätzung zu tätigen.

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    Bitte kehren Sie mit Ihren Kommentaren zum historischen Thema des Artikels zurück. Danke, die Redaktion/fk.

    Bitte kehren Sie mit Ihren Kommentaren zum historischen Thema des Artikels zurück. Danke, die Redaktion/fk.

    • Peleo
    • 27.06.2010 um 14:36 Uhr

    Das scheint mir der Erwähnung wert:

    Arthur Schopenhauer hat auf einer Reise mit seinem Vater nach Südfrankreich das Elend der Galeeren-Sträflinge gesehen. Dem Vernehmen nach hat es seine Weltsicht und damit seine Philosophie wesentlich beeinflusst.

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