Siebeck Schöne Schweinerei
Wolfram Siebeck über eine Tradition, die auf keinen Fall sterben darf.
Vor einiger Zeit erschien an dieser Stelle ein Text über neue Vorschriften der EU. Ich beklagte den Hygienefimmel der Brüsseler Bürokraten und nahm die Auflagen für Kleinbetriebe wie Metzgereien zum Anlass, um auf die Entfremdung des Konsumenten von der Natur hinzuweisen, der keine Ahnung mehr hat, dass die verschweißten Stücke in den Supermärkten von lebenden Tieren stammen. Hauptsache, das Verfallsdatum ist nicht überschritten.
Die Mechanisierung und Automatisierung dient lediglich den Großbetrieben, für die Kleinmanufakturen ein Stein im Schuh sind, weil sie bessere Qualität erzeugen. Deshalb sind einige deutsche Regionen immer noch für ihre Würste berühmt, die im Gegensatz zu den bunten Massenfabrikaten noch Geschmack haben. Und nicht nur den, sie haben auch ein Aroma, das von der Persönlichkeit des Metzgers geprägt ist. Sie verdeutlichen auch den Geist und die Tradition eines ganzen Dorfes. Diese Würste also sollen verschwinden, so will es die Brüsseler Bürokratie, deshalb darf der Dorfmetzger nicht mehr selber schlachten, wenn er kein gekacheltes Hightech-Schlachthaus besitzt. Damit droht das Schlachtfest auszusterben, dieses zuerst blutige und dann fröhliche Ereignis, an dem die Dorfgemeinschaft mit Kind und Kegel teilnimmt.
Davon handelt der Film Die Hausschlachtung des Berliner Dokumentarfilmers Nikias Chryssos, für den dieser noch einen Sender sucht. Der Film schildert den Weg vom lebendigen Tier zum essbaren Produkt im Verlauf eines Tages. Man sieht alles: die dicke Sau, schmatzend und grunzend, die Männer, die ihr Ende vorbereiten. Man sieht den Metzger, wie er das Bolzenschussgerät ansetzt und das Blut auffängt. Man sieht auch, dass das Tier noch mindestens eine Minute heftig mit den Beinen zappelt, und man hofft, dass es nur Nervenreflexe sein mögen. Sodann wird das Schwein mit heißem Wasser gewaschen und rasiert. Danach zerlegt, ausgewaidet und halbiert. Alles im feuchten Morgengrauen eines Wintertages auf dem Dorf. Langsam finden sich Nachbarn ein, Frauen kümmern sich um den Kessel, in dem das Kesselfleisch gekocht wird, während der Metzger und seine Helfer das Gedärm separieren, reinigen und mit Wurstmasse füllen. Einer hält ein Glas mit eingemachten Kräutern vor die Kamera: "Das gibt wenigstens Geschmack! Die Würste aus dem Schlachthof schmecken doch nach nichts!" Inzwischen sind auch Kinder dabei und helfen beim Wursten.
Das sind manchmal nicht gerade appetitanregende Bilder, und von Hygiene ist keine Rede. Aber so wurden Schweine seit Tausenden von Jahren geschlachtet. Auch auf Bildern des Barock hängen Würste auf langen Stangen wie in diesem süddeutschen Stall. Von Seuchen, die durch Privatschlachtungen ausgelöst wurden, ist nichts bekannt. Wohl aber von Dorfgemeinschaften, die solche Ereignisse feierten wie ein Familienfest und in deren Mitte es kaum Neurasthenie und Allergien gab. Auch dieser Film endet mit einem Gelage, das mit Feinschmeckerei nichts zu tun hat, aber dafür ein Stück unverfälschter Tradition dokumentiert.
- Datum 23.06.2010 - 10:57 Uhr
- Serie Siebeck
- Quelle ZEITmagazin, 24.06.2010 Nr. 26
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Seit meiner frühesten Kindheit wurde bei uns zu Hause zweimal im Jahr ein Schwein geschlachtet. Natürlich immer zu Zeiten, in denen die Außentemperaturen niedrig waren, also im November und im März.Schließlich wurde das Fleisch auf dem Hof zum Auskühlen hingestellt.
Selbstverständlich wurde darauf geachtet, daß zum Reinigen der Feischerwerkzeuge stets heißes Wasser zur Verfügung stand. Und es war tatsächlich so, daß es nie zu irgendwelchen Erkrankungen kam.Es waren immer Höhepunkte. Als wir das 1980 einstellten, nicht aus ökonomischen Gründen, fehlte dann einfach etwas Gewohntes. Und das, was man beim Metzger, oder wie es bei uns hieß, Fleischer kaufte, war etwas anders aber immer noch besser als aus der Massenproduktion.
Über verschiedene Dinge wundere ich mich auch heute noch, wenn es um Verfallsdaten geht.
Um nur 2 Beispiele zu nennen:
Die Speckseiten wurden nach dem Räuchern genau wie die Schinken im Keller aufgehängt und mit Sicherheit nicht innerhalb von 4 - 6 Wochen aufgebraucht. Sie wurden aber auch weder von Schimmel befallen, noch wurden sie schlecht.
Dasselbe galt für die geräucherte Wurst. Voraussetzung war eben, daß der Raum trocken und gut gelüftet war.
Ich bin schon einer Meinung mit Wolfram Siebeck, daß eine
solche Tradition auf keinen Fall sterben sollte, fürchte aber, das wird sich nicht aufhalten lassen.
Die Zeiten des goldenen Bodens für das Handwerk sind eben auch dem Profitstreben zum Opfer gefallen.
das kann doch der Konsument entscheiden... meinetwegen eine Kennzeichnungspflicht... trotzedem war und ist Fleischkauf immer Vertrauenssache und das verdient so mach ortsansässige Fleischerei eben mehr als eine Massenschlachterei... die zudem noch weit weg ist.
Tiertransporte sind da vorprogrammiert. Insgesamt finde ich den Trend zur Massentierhaltung bedauerlich.
Mit Kleinbetrieben kann man kein Gammelfleisch verkaufen.
Vielen Dank für den Artikel.
Es ist nicht nur hier die Entfremdung vom Natürlichen zu sehen und die Hinwendung zu Massenbetriebe. Systematisch wird Normenspalterei benutzt um Klein und Mittelbetriebe auszumerzen. Genauso diese ISO 90.. Zertifizierungsbürokratien überall nur noch Haarspalterei und mit Sicherheit nicht zum Wohle des Menschen, sondern nur noch eine Arbeitsplatzbereitung für Bürokraten ohne Mehrwertschöpfung (mal abgesehen von Sicherheitschecks).
Überall wo man hinschaut nur noch Wegbereiter für unnütze Verwaltungsvorgänge. Das ist wie Zinseszins auf Arbeit und der Wasserkopf in den Verwaltungen wird immer größer.
Es geht auch sehr gut ohne Fleisch.
aus www.veggiswelt.de
In einem Gedicht heißt es: „Du sagst, ich liebe die Tiere, aber du isst sie... nun habe ich Angst, du sagst zu mir: Ich liebe dich!“ Viele Tierfreunde essen zwar Schnitzel, Aufschnitt und Würstchen, verbinden damit aber keine Tiere. Es sind für sie nie wirkliche Tiere gewesen, die schützenswert und liebenswert sind, die ein Recht auf ihr Leben hatten. Es wurde ihnen grausam genommen.
Die meisten Menschen wollen nicht wissen, woher ihr Fleisch kommt und was die Tiere dafür durchmachen mussten. Es gibt in unserer Gesellschaft eine starre Unterscheidung zwischen Knuddeltieren wie Hunde oder Katzen, denen es super gut gehen soll und den sog. Nutztieren, denen man alles erdenklich Schreckliche antun darf, wenn es denn nur dem (angeblichen) Nutzen des Menschen dient.
würde ich es nicht nennen, da haben wir unterschiedliche Meinung. Was aber stimmt, ist die zunehmende Entfremdung zwischen Schicksal des Tieres und dem, was man kauft. Über unwürdige Massenviehaltung und Transporte jammern und aber aufschreien, wenn das Kg Schwein beim Disounter mal teurer ist als gutes Gemüse.
Wir hatten in der Stadt mal Nachbarn, die haben ihren Kindern nie deutlich gemacht, dass die lustigen Hühner auf dem Hof ebend die sind, die auch so lecker als Grillhähnchen herhalten. Na, die Tour habe ich denen mit Freude versaut. Und was meinten die Kinder? Die haben es verstanden und nun auch aufgegessen. Sie wußten, dass für das Essen ein Tier sterben mußte.
würde ich es nicht nennen, da haben wir unterschiedliche Meinung. Was aber stimmt, ist die zunehmende Entfremdung zwischen Schicksal des Tieres und dem, was man kauft. Über unwürdige Massenviehaltung und Transporte jammern und aber aufschreien, wenn das Kg Schwein beim Disounter mal teurer ist als gutes Gemüse.
Wir hatten in der Stadt mal Nachbarn, die haben ihren Kindern nie deutlich gemacht, dass die lustigen Hühner auf dem Hof ebend die sind, die auch so lecker als Grillhähnchen herhalten. Na, die Tour habe ich denen mit Freude versaut. Und was meinten die Kinder? Die haben es verstanden und nun auch aufgegessen. Sie wußten, dass für das Essen ein Tier sterben mußte.
...in Zeiten wo überall gespart wird, wäre es da nicht gut, an EU-Beamten zu sparen, die Großkonzerne in die Hände arbeiten (da kleinere Metzgereien die Normen nicht erfüllen können), sich um die Krümmung von Gurken und andere wichtige Dinge kümmern? Wieviel würden wir einsparen, wenn Öttinger/Stoiber & Co so wie andere Rentner sich um die Rosen in ihrem Garten kümmern, statt in Brüssel neue Verordnungen zu erlassen? Bin sicher die Gehälter sind fürstlich incl. Heimflüge, Aufwandsentschädigung etc. Dies würde uns vielleicht vor weiterem Bürokratiewahnsinn bewahren.
Herzlichen Dank für diesen Artikel, auch wenn es vermutlich nichts ändern wird. Da hilft nur ziviler Ungehorsam, wie wir es auf dem Dorf schon leben. Was kümmert uns Brüssel.
Es ist aber das ewige Problem der Bürokratie. Am Anfang ist sie notwendig, um erforderliche Regeln zu schaffen. Dann sind die Stellen aber vorhanden und man muss weiter seine Daseinsberechtigung nachweisen, mithin die vorhandenen (ausreichenden!) Normen wieder und wieder überarbeiten, verkomplizieren, verschärfen etc. Aber das Volk macht es ja (noch) mit.
würde ich es nicht nennen, da haben wir unterschiedliche Meinung. Was aber stimmt, ist die zunehmende Entfremdung zwischen Schicksal des Tieres und dem, was man kauft. Über unwürdige Massenviehaltung und Transporte jammern und aber aufschreien, wenn das Kg Schwein beim Disounter mal teurer ist als gutes Gemüse.
Wir hatten in der Stadt mal Nachbarn, die haben ihren Kindern nie deutlich gemacht, dass die lustigen Hühner auf dem Hof ebend die sind, die auch so lecker als Grillhähnchen herhalten. Na, die Tour habe ich denen mit Freude versaut. Und was meinten die Kinder? Die haben es verstanden und nun auch aufgegessen. Sie wußten, dass für das Essen ein Tier sterben mußte.
Mal ganz von der Diskussion abgesehen, ob man Fleisch aus gesundheitlichen oder moralischen Aspekten essen sollte oder nicht - ich denke nicht, dass für die Produktion von Fleisch (und im Nichts anderes als industrielle Produktion geht es letztlich) Massentierhaltung und -Tötung wirklich nötig sind. An meiner Uni wurden vor einiger Zeit Methoden vorgestellt, wie man gezielt Knochen für medizinische Zwecke klonen und auch einsetzen kann. Das Gleiche wird auch irgendwann mit Fleisch möglich sein.
Ich begrüße das, denn ich finde es seltsam, dass Verbraucher "Gelschinken" widerlich finden, es ihnen aber völlig egal ist, dass pro Chicken-Nugget auf ihrem Teller ein Tier geschlachtet werden muss. Der Tod ist für alle Lebewesen gleich schlimm und wenn man solche Zustände technologisch abschaffen könnte, wären wir imo einen großen Schritt weiter zu einer besseren Gesellschaft.
Wem das irgendwie zu un-okö ist: neben Milliarden von Tieren ein unwürdiges Leben und einen gewaltsamen Tod zu ersparen könnte man auf durch die veränderte Art der Produktion viele Rohstoffe sparen, die statt ins Mastfutter für Hungernde aufgewendet werden könnten.
Ich hoffe ehrlich, dass es da schnell Fortschritte gibt.
Mal ganz von der Diskussion abgesehen, ob man Fleisch aus gesundheitlichen oder moralischen Aspekten essen sollte oder nicht - ich denke nicht, dass für die Produktion von Fleisch (und im Nichts anderes als industrielle Produktion geht es letztlich) Massentierhaltung und -Tötung wirklich nötig sind. An meiner Uni wurden vor einiger Zeit Methoden vorgestellt, wie man gezielt Knochen für medizinische Zwecke klonen und auch einsetzen kann. Das Gleiche wird auch irgendwann mit Fleisch möglich sein.
Ich begrüße das, denn ich finde es seltsam, dass Verbraucher "Gelschinken" widerlich finden, es ihnen aber völlig egal ist, dass pro Chicken-Nugget auf ihrem Teller ein Tier geschlachtet werden muss. Der Tod ist für alle Lebewesen gleich schlimm und wenn man solche Zustände technologisch abschaffen könnte, wären wir imo einen großen Schritt weiter zu einer besseren Gesellschaft.
Wem das irgendwie zu un-okö ist: neben Milliarden von Tieren ein unwürdiges Leben und einen gewaltsamen Tod zu ersparen könnte man auf durch die veränderte Art der Produktion viele Rohstoffe sparen, die statt ins Mastfutter für Hungernde aufgewendet werden könnten.
Ich hoffe ehrlich, dass es da schnell Fortschritte gibt.
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