Straßenmusik Mozart plus Rente
Draußen ist dieser Berliner, der sich Klavierhelmut nennt, ohne Konkurrenz: Ein Gespräch mit dem Allrad-Pianisten über das Wetter, die Krise und die Mikroökonomie der Straßenmusik
DIE ZEIT:
Helmut, was macht Ihnen mehr zu schaffen, die Wirtschaftskrise oder das Wetter?
Helmut:
Die Wirtschaftskrise habe ich völlig ignoriert. Aber meine persönliche Wirtschaftskrise ist durchs Wetter entstanden. Die allgemeine Wirtschaftskrise betrifft mich nicht mehr, ich bin Rentner, bin 68 Jahre alt, hab mein kleines Auskommen, und das Ganze mache ich eigentlich mehr zum Spaß und nehme das Geld, was dabei reinkommt, billigend in Kauf.
ZEIT: Dieses Jahr haben Sie spät angefangen zu spielen.
Helmut: Ja, es gab ein paar schöne Tage im April, da hab ich schon gespielt, und dann wurde es aber immer schlechter, und, na ja, dann hab ich halt kein Fleisch gekauft.
ZEIT: Wie groß sind die Strecken, die Sie so am Tag zurücklegen?
Helmut: Mein Klavier steht in der Kreuzberger Bergmannstraße im Hinterhof. Und mein Kreis geht von der Amerika-Gedenkbibliothek zum Viktoriapark bis zum Südstern. Wenn’s einen Berg hochgeht, das vermeide ich. Das mache ich nur, wenn ich mich fit fühle, so als Fitness.
ZEIT: Sie machen nicht jeden Tag die ganze Runde?
Helmut: Nein, ich spiele einen Tag da und den nächsten da. Ich will ja nicht jeden Tag an der selben Stelle spielen, das geht dann den Leuten auf den Wecker.
ZEIT: Ist das nicht ein bisschen umständlich mit einem ganzen Klavier?
Helmut: Nee, das ist es nicht. Das wäre es schon für jemanden, der sich damit nicht auskennt. Aber ich bin Klavierbauer, und ich habe seit fünfzig Jahren nichts anderes gemacht, als Klaviere und Flügel zu bewegen, zu reparieren, zu stimmen. Wenn die Leute sehen, wie da so ein alter Opa das Klavier schiebt, da kommen immer welche und wollen helfen. Aber ich habe drei schwere Unfälle gehabt, bei Klaviertransporten, immer dann, wenn Leute geholfen haben, die keine Ahnung hatten. Die hatten zwar Muskeln, aber nicht das richtige Gehirn dazu.
ZEIT: Nimmt das Klavier nicht Schaden, wenn man es so durch die Straßen schiebt?
Helmut: Das Klavier wird dadurch nicht besser. Aber weil ich ja Klavierbauer bin, kann ich es jeden Tag nachstimmen. Und wenn denn mal aus Feuchtigkeitsgründen ein Ton klemmt, dann weiß ich, was ich zu tun habe.
ZEIT: Und wenn es anfängt zu regnen?
Helmut: Dann habe ich schon einen großen Schirm dabei, der hat einen Durchmesser von vier Metern. Außerdem habe ich eine Plane im Klavier hinten drin, damit kann ich jeden Wolkenguss überstehen, problemlos. Wenn ich ihn rechtzeitig bemerke.
ZEIT: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, so etwas zu machen?
Helmut: Ich habe in Berlin dreißig Jahre lang meinen Beruf ausgeübt, hatte mein eigenes Geschäft. Ein Freund von mir ist Tischler, und der hat auf der Straße immer schöne Feten gemacht im Sommer. Und dann habe ich immer zur Belustigung und zur allgemeinen Freude ein Klavier oder einen Flügel dahin geschoben. Die Werkstatt war in der Nähe, und deshalb war das nicht so problematisch. Und dann hab ich da geklimpert. Und irgendwann sagte mal einer: »Mensch, damit könntest du doch Geld verdienen, das macht doch sonst keiner.« Eigentlich kann es auch keiner, der müsste erst mal Klavier spielen können, der müsste das Ding transportieren können und auch noch stimmen können, sonst würde sich das ja nicht lohnen. Ein Pianist kann zwar spielen, aber der kann das andere nicht. So gesehen, bin ich außer jeder Konkurrenz. So, und als ich dann meine Werkstatt zugemacht habe und mich zurückgezogen habe auf meine Rente, die klein ist, weil ich zu geizig war, größere Beiträge zu zahlen, da habe ich gesagt, na gut, ich will nicht zu Hause im Sessel sitzen, in die Glotze gucken und verblöden. Da ich gerne Klavier spiele, habe ich es probiert, und siehe da, es funktioniert.
ZEIT: Wie lange machen Sie das schon?
- Datum 05.07.2010 - 14:58 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.06.2010 Nr. 26
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Wunderbare Momentaufnahme, einmal mehr die Gewissheit dass mein Abo auch solche Artikel finanziert.
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