Straßenmusik Mozart plus RenteSeite 2/2

Helmut: Seit vorigem Sommer. Und dann habe ich festgestellt, die Straßenmusiker spielen ein, zwei Stücke, und dann ist da schon der Kollege, der sammelt. Die gehen den Leuten erst mal mit der Musik auf den Wecker, wenn sie schlecht ist – manche sind ja auch gut –, und dann die ewige Sammelei. Ich hab das dann ganz anders gemacht, ich hab erst mal gar nichts genommen, hab nur geklimpert und mein Klavier weitergeschoben. Da sind mir die Leute hinterhergelaufen und haben gesagt: »Aber Sie haben ja gar nicht gesammelt!« Und da habe ich gedacht, na ja, wenn die schon hinterherkommen, und habe denen die Erklärung gegeben. Wenn ich die Leute schon belästige mit der Musik, dann will ich sie nicht auch noch belästigen mit der Bettelei. Und so hat sich das ergeben, dass die Leute von selber kommen und mir Geld aufs Klavier legen, oder ich leg meinen Hut da so hin, dann ist auch da Geld drin.

ZEIT: Was spielen Sie?

Helmut: Ich spiele zu neunzig Prozent klassische Musik. Jazz können andere besser, da bin ich nicht so versiert. Also, von Bach bis Strawinsky, sagen wir mal.

ZEIT: Sie machen keine Kompromisse?

Helmut: Nein, nein. Da kommen Leute, die sagen, können Sie mal das spielen und dies, und manche, die kennen zwei oder drei Stücke. »Spielen Sie mal Für Elise oder die Mondscheinsonate« , dann sag ich immer: »Nee, kann ich nicht.« (lacht) Oder da kommt einer und sagt: »Spiel mal einen Boogie, ey, Alter, spiel mal einen Boogie.« Dann sag ich: »Nee, kann ich nicht.« Kann ich schon, aber mach ich nicht. Also, das ist mein Konzept.

ZEIT: Und wie finden die Leute das?

Helmut: Da sind Leute, die haben früher mal selber Klavier spielen gelernt, ältere Mädels oder so. Die erinnern sich dann an irgendwas. Und die sind dann ganz begeistert. Dann kommen andere, die sind richtige Profis und sagen: »Na, das hat ja wohl nicht so ganz gestimmt.« – Ich bin kein Purist, ich bin kein Pianist, ich kann halt Klavier spielen, aber nicht so, wie ich möchte. Ich würde lieber besser spielen, aber ich spiele eben so, wie ich es hinkriege. Und die meisten Leute sind zufrieden.

ZEIT: Gibt es Probleme mit den Behörden?

Helmut: Ja, ich hatte mal vor dem Atlantic eine Stunde gespielt. Plötzlich kommt das Ordnungsamt und tippt mir auf die Schulter. »Was ist denn das?« Und da hab ich ganz wahrheitsgemäß geantwortet: »Mozart.« – »Das wollen wir nicht wissen, was machen Sie hier?« – »Ich spiele Klavier.« – »Das wollen wir auch nicht wissen, das sehen wir selber.« So, und dann kam die richtige Frage: »Haben Sie eine Genehmigung?« Ich sage: »Nö, hab ich nicht. Eigentlich habe ich die noch nie gebraucht, das ist das erste Mal heute, dass jemand danach fragt. Und außerdem hat hier keiner eine Genehmigung.« – »Ja, aber Sie sind hier schon einschlägig aufgefallen mit Ihrem Klavier mit Verstärkung« – was überhaupt nicht stimmt, es hat keine Verstärkung – »und hier, mit Ihrer Rap-Musik« – was auch nicht stimmt, ich weiß gar nicht genau, was das ist. Rap ist eine andere Art von Musik, die ich auf dem Klavier ganz bestimmt nicht spielen kann, da braucht man ja alles Mögliche dazu. Das waren halt subalterne Ordnungsamtsleute.

ZEIT: Und dann?

Helmut: Dann standen alle Leute vor dem Atlantic auf und machten so einen kleinen Kreis und sagten: »Lassen Sie den Mann spielen. Das ist doch schön. Das ist doch schöner als die mit ihrem Scheißakkordeon, die können das ja gar nicht. Wir sind ja froh, wenn der hier spielt.« Dann hatte ich ein bisschen Mitleid mit den Ordnungsamtsleuten. »Nun lassen Sie doch die Leute, die machen doch nur ihren Ein-Euro-Job, die tun doch nur ihre Pflicht.« Da kommt so ein riesiger Kerl vom Ordnungsamt auf mich zu und sagt: »Und Sie kriegen eine Anzeige wegen Beamtenbeleidigung. Ich bin kein Ein-Euro-Jobber. Ich bin Beamter.« Dann habe ich gefragt: »Ist denn ›Ein-Euro-Jobber‹ eine Beleidigung? Dann müssten ja Millionen Deutsche beleidigt sein.« Und da wusste er auch nicht mehr richtig zu antworten. Na ja, und dann murmelte er: »Beim nächsten Mal kriegen Sie eine Anzeige.« Ich hatte natürlich alle Lacher auf meiner Seite. Und die sind dann ein bisschen bedröppelt abgezogen.

 
Leser-Kommentare
  1. Wunderbare Momentaufnahme, einmal mehr die Gewissheit dass mein Abo auch solche Artikel finanziert.

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  • Quelle DIE ZEIT, 24.06.2010 Nr. 26
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  • Schlagworte Rente | Ordnungsamt | Musik | Plus | Berlin
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