Vor dem G-20-Gipfel : Wie Geld zu Geld wird

Dass eine Währung funktioniert, hat in erster Linie mit Psychologie zu tun. Den höchsten Wert dabei hat das Vertrauen. Um das ringen Banken und Regierungen

Berlin. Oranienstraße. Fast zweieinhalb Monate dauert es, bis das Geld fertig ist. Die Farben sind das Problem, sie müssen trocknen. Immer wieder werden tischgroße Bögen aus weißem Spezialpapier durch die Walzen der Druckmaschine gejagt, um die komplizierten Muster aufzubringen. Brücken, Bögen, die schwungvolle blaue Unterschrift von Jean-Claude Trichet, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) .

Rund eine Milliarde Scheine haben sie hier in der Bundesdruckerei vergangenes Jahr hergestellt. Allein der Stapel mit den 500-Euro-Noten, der neben einer der Maschinen steht, ist einige Millionen wert. Doch die Menschen, die hier arbeiten, denken nicht in solchen Dimensionen. Für sie geht es um Farbmischungen, Sicherheitsmerkmale, Maschinenlaufzeiten. Sie bedrucken Papier, nicht mehr, nicht weniger. Streng genommen ist das auch so. Geld wird aus dem Papier offiziell erst, wenn die Noten an die Banken ausgeliefert werden.

Dann geht der Kapitalismus los.

Geld ist der Antrieb seiner Wahl. Um Geld zu verdienen, gehen die Menschen arbeiten, sie sparen und spekulieren, wetten und ergaunern sich Vorteile. Und doch ist es zunächst weiter nichts als ein Stück Papier, das an der Berliner Oranienstraße mit Farbe benetzt wird; wertvoll nur, weil alle an seinen Wert glauben. An seiner entscheidenden Stelle hat der Kapitalismus nicht mehr zu bieten als eine große Illusion.

In ruhigen Zeiten denken die Arbeitnehmer und Sparer, Käufer und Verkäufer darüber nicht nach. Doch die fortgesetzte Krise erschüttert genau jenes Vertrauen ins Geld, auf dem der Kapitalismus gründet. Viele Vermögende zweifeln an der Stabilität der Geldordnung. Sie kaufen Gold und Immobilien. Oder gleich Ackerland. Im Internet haben Debattenforen über die "Geld-Lüge" Hochbetrieb, und Joachim Fels, Chefvolkswirt der Investmentbank Morgan Stanley, warnt vor einer "Vertrauenskrise des Papiergelds".

Das Besondere an dieser Krise ist, dass sie nach jedem scheinbar erfolgreichen Versuch, sie zurückzudrängen, in neuem Gewand wiederaufersteht. Erst schwand der Glaube an die Banken, und die Staaten eilten zur Hilfe. Dann schmolz das Vertrauen in die Staaten wie Schnee im Frühling, sodass die Zentralbanken helfen mussten. Und nun verlieren auch noch diese letzten Gralshüter des Geldes ihre Überzeugungskraft, weil sie im Kampf gegen den drohenden Kollaps fortwährend die eigenen Sicherheitsregeln brechen.

Wer wollte den Menschen ihre Zweifel verübeln? Noch im Mai, während der Griechenlandkrise , standen mehrere europäische Banken kurz vor dem Bankrott. Nun sollen alle Institute des Kontinents einem öffentlichen Stresstest unterzogen werden, weil niemand weiß, was sie noch aushalten können. Und über alldem versagt die Weltgemeinschaft bislang in ihrem Bemühen, die Finanzmärkte durch harte globale Regeln sicherer zu machen.

Am Wochenende tagen die Staats- und Regierungschefs der führenden 20 Länder in Kanada , und in kaum einem Detail sind sie sich einig.

Wie sicher ist unser Geld? Das ist die Frage der Stunde. Um sie beantworten zu können, muss man verstehen, wie es in die Welt kommt.

Einer der Geburtsorte ist ein unscheinbares Büro in der Frankfurter Gallusanlage. Hier arbeitet Frau Schmitt, Regionalfilialleiterin für das Mittelstandsgeschäft bei der Commerzbank. Wenn ein Bauunternehmer, ein Maschinenbauer oder ein Autozulieferer im Rhein-Main-Gebiet einen Kredit braucht, dann taucht er vielleicht in ihrem Büro auf. Bei hohen Summen muss er mehrseitige Kreditanträge ausfüllen, geht es um weniger als eine Million, dann gibt Frau Schmitt die Geschäftszahlen in ein computergestütztes Kreditsystem ein. Umsatz, Cashflow, Eigenkapital, Gewinn. Wie es dem Unternehmen geht, will die Commerzbank wissen, aber mehr noch, wie es um seine Zukunftsperspektive steht.

Der Computer der Filialleiterin ist mit der Bankzentrale verbunden, dort stehen andere Computer, die seit vielen Jahren mit Kreditdaten aus ganz Deutschland gefüttert werden. Sie errechnen die Wahrscheinlichkeit, dass der Kunde den Kredit zurückbezahlen kann. Die Maschine gibt einen wichtigen Hinweis – die Entscheidung aber trifft Frau Schmitt.

 

Sprechen alle Anzeichen dafür, dass die Commerzbank ihr Geld eines Tages zurückbekommt, kann sie die Summe innerhalb von drei Tagen dem Konto des Kunden gutschreiben. Wenn also ein Fabrikant 100.000 Euro leihen wollte, dann hat er jetzt 100.000 Euro mehr.

Das Verblüffende am Geldsystem ist, dass dieses Geld nicht bei anderen Kunden abgebucht wurde. Es hat also niemand 100.000 Euro weniger, weil der Fabrikant 100.000 Euro mehr hat. Die Commerzbank hat einfach aus dem Nichts Geld geschaffen. Das ist kein besonderer Trick dieses krisengeschüttelten Instituts, es geschieht immer, wenn eine Bank einen Kredit vergibt. Und wenn der Fabrikant die 100.000 Euro an den Lieferanten einer neuen Maschine ausbezahlt, wechselt die Summe das Konto – und ist weiter in der Welt.

Viele denken, eine Bank sei bloß eine Art Geldhändler und verleihe die Ersparnisse der Kunden weiter. Falsch, sie ist eine Art Produzent. Sie lässt Geld entstehen, wo vorher keines war. So betreiben alle Banken, groß und klein, eine wundersame Geldvermehrung, wenn sie neue Kredite vergeben. Oder eine Geldvernichtung, wenn sie alte Kredite einsammeln. Puff – wie durch Zauberkraft entsteht oder verschwindet Geld.

Das Finanzsystem erlangt damit eine ungeheure Dynamik – und fordert dafür einen Preis. Man muss sich den Kredit wie ein unsichtbares Band vorstellen, das die Gegenwart mit der Zukunft verknüpft. Die Bank muss hoffen, dass der Fabrikant Erfolg hat. Dass er erst die Zinsen für den Kredit bezahlen und ihn später ganz tilgen kann. Sonst verliert sie Geld. Die Bank ist auch darauf angewiesen, dass ihr die Menschen vertrauen. Sie könnte nie alle Einlagen, alles durch Kredite vervielfältigte Geld auf einmal ausbezahlen. Der Run, bei dem alle Kunden gleichzeitig ihre Einlagen abheben wollen, ist deshalb der Albtraum jedes Bankers.

Der Mann, der von Staats wegen verhindern soll, dass es je so weit kommt, ist Jean-Claude Trichet. An einem Donnerstag im Juni diniert der Franzose, dessen Unterschrift auf den Euro-Geldscheinen prangt, in der Wiener Hofburg. Der Internationale Bankenverband hält in der österreichischen Hauptstadt seine Frühjahrstagung ab, und man hat Trichet, den Staatsdiener aus Leidenschaft, an einen Tisch mit den Chefs der führenden Banken gesetzt. Mit Männern wie Josef Ackermann von der Deutschen Bank oder William Rhodes von der amerikanischen Citigroup. Sie verdienen im Monat meist mehr als der Notenbankpräsident im Jahr.

Trotzdem verstummen alle, wenn Trichet spricht. Denn er hat etwas, was sie brauchen.

Banken müssen einen Teil ihrer Kontoeinlagen mit einer speziellen Sorte Geld absichern, das es nur bei der Zentralbank gibt. Dieses Geld müssen sie sich leihen, müssen Zinsen dafür bezahlen und zur Sicherheit noch Wertpapiere hinterlegen. Je mehr Kreditgeld die Banken schaffen, desto mehr Zentralbankgeld benötigen sie. Den Preis dafür setzen Jean-Claude Trichet und seine Kollegen fest.

Einmal im Monat treffen sie sich und debattieren darüber, ob sie diesen sogenannten Leitzins ändern müssen. Machen sie das Geld teurer, verteuern auch die Banken die Kredite, die sie vergeben. Weniger Kunden werden deshalb neue Kredite wollen, das System zieht sich zusammen. Machen sie das Geld billiger, dann sprudelt der Kredit, das System expandiert.

Das klingt nach vollkommener Kontrolle. Doch in Wahrheit ist Trichets Einfluss begrenzt. Er sitzt zwar an der Quelle, liefert den Rohstoff für die Geldversorgung. Doch wie dieser Rohstoff eingesetzt wird, kann er nicht bestimmen.

Jetzt, in der Krise, hat er den Banken das Leben so leicht gemacht wie möglich . Sie können sich praktisch kostenlos mit dem Zentralbankgeld versorgen. Diese Möglichkeit nutzen sie auch. Mit Stand der vergangenen Woche haben sich die Kreditinstitute in der Euro-Zone 537 Milliarden Euro von der EZB geliehen. Doch sie verarbeiten den Rohstoff nicht weiter zu neuem Geld. Vielmehr deponierten sie 213 Milliarden gleich wieder bei der EZB. Es ist ihnen zu riskant, der Industrie für geringe Zinsen mehr Kredite zu gewähren. Und das Geld an andere Finanzhäuser auszuleihen, trauen sie sich auch nicht – aus Angst vor neuen Bankenpleiten.

Da also endet Trichets Macht. Sosehr er sich auch bemüht, in der Wirtschaft entsteht kein frisches Geld. Im Boom zuvor hatte er einen erheblich höheren Preis für das Geld verlangt – und die Banken haben trotzdem wie wild neue Kredite vergeben und so riesige Mengen Geld unter die Leute gebracht.

Fast täglich erfahren die Zentralbanker die Grenzen ihres Tuns. Die Banken wetteifern heute um die Erfindung neuer Finanzprodukte, mit denen sie sich der ordnenden Hand der Zentralbank entziehen können. So haben die Wall-Street-Banken einen riesigen Handel mit Risikohypotheken außerhalb ihrer Bilanz betrieben. Auf diese Weise konnten sie neue Schulden auftürmen, ohne auf den Rohstoff der Zentralbanken angewiesen zu sein.

Einer hat den enormen Freiraum der Banken schon früh erkannt: Josef Ackermann. Die Kreditinstitute müssten "einen relativ kleinen Betrag an Zentralbankgeld in Kasse halten, um die Liquidität sicherzustellen", schrieb er vor 33 Jahren in seiner Dissertation. Vielleicht wollte der Mann mit akademischen und kulturellen Neigungen auch deshalb einen Finanzkonzern führen, weil ihm damals die gewaltigen Gewinnmöglichkeiten klar wurden, die ein solches System bietet.

Auf der anderen Seite steht Lorenzo Bini Smaghi . Der italienische Vordenker der EZB sah, wie die Geldmenge in Boomzeiten trotz hoher Zinsen mit zweistelligen Raten wuchs – und nach dem Crash stagnierte. Keine Frage, der Einfluss der Zentralbanken sei geschwächt, beklagte er vergangene Woche in New York.

 

Wenn die G20 nun über neue Finanzregeln berät, streiten ihre Mitglieder automatisch auch über die Qualität unseres Geldes. Dabei gäbe es zwei einfache Wege, das System zu revolutionieren.

Einmal so, wie Thorsten Polleit es lautstark fordert. Polleit forscht für das britische Investmenthaus Barclays Capital – und er glaubt zusammen mit Gleichgesinnten an den freien Markt. Auch beim Geld. Die Zentralbanken mögen geschwächt sein, Polleit sind sie immer noch zu stark. Er ist der Meinung, dass sie auf ganzer Linie versagt haben. Erst hätten sie den Boom mit ihrem immer noch zu billigen Geld befeuert, jetzt wollten sie die Krise mit noch billigerem Geld bekämpfen. Folglich muss das Geld der Politik entzogen werden – indem sich die Zentralbank auflöst und privaten Anbietern die Geldschöpfung überlässt.

Man muss den Märkten schon blind vertrauen, um diesen Weg zu gehen.

Andere wollen den umgekehrten Weg gehen: Der Staat verbietet die private Geldschöpfung. Die Idee entwickelte der amerikanische Ökonom Irving Fisher vor fast 80 Jahren. Ein überzeugter Anhänger ist Hans Christoph Binswanger, Professor an der Universität von St. Gallen und Josef Ackermanns Doktorvater. Binswanger will die Dynamik des heutigen Systems brechen. Nur dann nehme "die Stabilität zu, was auch ein Wert für sich ist".

Heute müssen die Banken in Europa nur zwei Prozent des neu geschaffenen Geldes mit Geld der Zentralbank decken. Das bedeutet, sie können aus einem Euro Zentralbankgeld 50 Euro Kreditgeld erzeugen. Geht es nach Binswanger, stiege die Quote auf 100 Prozent. Die Banken könnten dann die Kreditmenge nur in dem Maße ausweiten, in dem die Zentralbanken ihnen zusätzliches Geld zur Verfügung stellen. Es gäbe viel weniger Kredit, die Banken vergäben nur noch, was sie auch haben – und Jean-Claude Trichet hätte alles unter Kontrolle.

Die Sache hat aber einen gewichtigen Nachteil: Eine moderne Wirtschaft braucht Kredit, und wie viel sie wann davon braucht, lässt sich nicht planen und nur schwer von oben steuern. Ob sich Deutschland nun von Mitte des 19. Jahrhunderts an im Eiltempo industrialisierte oder ein Jahrhundert später sein zweites Wirtschaftswunder erlebte – nichts ging ohne die Geldschöpfung der Banken.

Das Besondere am Geld ist eben, dass es aus dem Nichts kommt, aber Wirkliches entstehen lässt.

Zum Beispiel im Betrieb von Herrn S., auch er ein Kunde der Commerzbank. Seinen vollen Namen darf man nicht schreiben, weil es weder Banken noch Kunden gernhaben, wenn über ihr Verhältnis berichtet wird. Verraten darf man, dass er in der Verpackungsindustrie tätig ist. Wahrscheinlich saß er mit seinen Zahlen bei jemandem wie Frau Schmitt und hat Mensch und Computer überzeugt. Jedenfalls hat er einen Kredit bekommen und damit eine Maschine gekauft.

Weil die Banken etwas verleihen, was noch nicht da ist, entsteht Wohlstand

Immer wenn Herr S. seine Maschine anstellt, erzeugt das Geld neue Werte. Sie lassen sich messen. Einmal jährlich muss sein Betrieb 40 Fragen auf einem Bogen beantworten. Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden will genau wissen, was Herr S. produziert, denn aus dem Gesamtwert aller im Land erzeugten Waren und Dienstleistungen errechnet es das Bruttoinlandsprodukt. Verkauft Herr S. viel, dann steigt die Zahl in Wiesbaden, er und seine Angestellten verdienen mehr Geld. Und geht es vielen Unternehmern wie ihm, dann wächst die Wirtschaft.

Ohne das Geld von der Bank hätte Herr S. das nicht geschafft. Die Investition wandelt es in eine Ware um, und weil bei deren Verkauf Einkommen entsteht, macht der Kredit seine eigene Tilgung möglich. Er finanziert sich praktisch selbst. Die Ersparnis, aus der in einer Volkswirtschaft die Investitionen bezahlt werden müssen, wird geschaffen, wenn Herr S. und seine Leute einen Teil ihres zusätzlichen Einkommens auf die Seite legen.

Weil die Banken etwas verleihen, was noch gar nicht da ist, entsteht also Wohlstand. Weshalb die Staaten aufpassen müssen, dass sie mit neuen Regeln nicht diese Wertschöpfung stoppen, sondern nur den periodisch auftretenden Wahnsinn.

Der Wahnsinn nahm zuletzt seinen Ausgang in den USA , in Großbritannien und auch in Spanien. Überall dort, wo in den Boomjahren mit Krediten kaum noch Maschinen gekauft wurden, sondern Häuser. Diese Häuser dienten als Pfand für noch mehr Kredite, mit denen noch mehr Häuser gekauft wurden. Auch die Commerzbank war bei dem großen Spiel dabei. Der Preis für Immobilien stieg und stieg, die Verschuldung stieg und stieg – bis irgendwann allen klar wurde, dass die Kredite die tatsächlichen Werte weit übertrafen. Und peng!

In Spanien heißt "peng!" heute, dass die Sparkassen, die besonders viele Immobiliendarlehen vergaben, faule Kredite von 48 Milliarden Euro abschreiben müssen – mehr als fünf Prozent dessen, was sie insgesamt verliehen haben. Auch deutsche Banken sind betroffen, haben sie doch mehr als 200 Milliarden Euro in Spanien ausstehen.

 

Spanien ist nur ein eklatantes Beispiel. Also haben Zentralbanken auf der ganzen Welt den Banken einen Teil der faulen Kredite abgenommen , um einen Zusammenbruch des Systems zu verhindern. Damit haben die Notenbanker dem System Zeit verschafft, haben die Belastung nur aufgeschoben. Irgendwann müssen die Maschinen wieder laufen, müssen mehr Arbeitnehmer Lohn ausbezahlt bekommen, muss der Staat neue Steuern einnehmen – damit die Schulden doch noch bezahlt werden können. Wenn nicht, wird der nächste Knall noch lauter sein.

Das Problem ist, dass es oft geknallt hat, seit die Industriestaaten vor 30 Jahren begonnen haben, die Finanzmärkte zu deregulieren. Banken mussten fortan weniger Sicherheiten bilden, konnten mit neuen Produkten jonglieren, durften zugleich Kundengeld verwalten und auf eigene Rechnung zocken. Seither war bei fast jedem Crash zu viel Kredit eine der Ursachen. Die so freigesetzten Geldmassen konnten gar nicht alle sinnvoll investiert werden – doch in der allgemeinen Euphorie des Booms verloren Investoren regelmäßig den Sinn fürs Risiko und warfen mit dem Geld nur so um sich. Es landete in Immobilien. In Internetunternehmen. In Anleihen asiatischer Tigerstaaten.

Immer musste der Staat die Trümmer beseitigen. Und immer litten Arbeitnehmer und Anleger – die allerdings vorher oftmals auch profitiert hatten.

Weil das nicht zu übersehen ist, befassen sich die Staats- und Regierungschefs der G20 am Wochenende damit, wie man den Wahnsinn stoppt, aber nicht die Wertschöpfung. Das Geld sicherer zu machen hieße, wieder mehr Kontrolle über die Kreditvergabe zu erlangen, ohne aber einzelne Entscheidungen der Banken steuern zu wollen.

Das erste Mittel der Wahl ist für viele Experten, dem Boom seine Schärfe zu nehmen und die Kreditvergabe dann einzuschränken, wenn die Wirtschaft heiß läuft. Nicht bloß Herr Trichet von der Zentralbank soll vorsichtiger werden, sondern auch Frau Schmitt von der Commerzbank. Müsste ihre Bank im Boom mehr eigenes Kapital vorhalten als zu normalen Zeiten, könnte sie weniger Kredite vergeben. Sicherer würde das Geld auch, müssten die Banken die Kundeneinlagen mit viel mehr Zentralbankgeld absichern als bisher. Mit zwanzig Prozent etwa, statt mit zwei Prozent. Andere wollen die Aufsichtsbehörden ermächtigen, gefährliche Finanzprodukte ganz zu verbieten und die Vergabe von Krediten an Boombranchen gezielt zu erschweren. Oder die gigantische Kreditvergabe zwischen den Banken durch eine gezielte Abgabe zu verringern.

Zweieinhalb Monate brauchen sie in der Berliner Oranienstraße, um mit all den komplizierten Farbmustern und Druckverfahren das Geld sicher zu machen. Finden die führenden Wirtschaftsmächte aber keine Antworten auf die große Frage, wie wir ein gesundes Kreditwesen bekommen, dann ist die Mühe womöglich vergeblich gewesen.

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Kommentare

48 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Ein wenig zu einfach..

Geldwert rührt nicht allein aus Vertrauen, wer das glaubt, kann die aktuelle Krise nur zum Teil verstehen.

Geld ist im Grunde ein Schuldschein auf das Bruttosozialprodukt der Staaten einer Währung. Weil auch die Erwartung zukünftiger Erträge einen Wert darstellen, kann sich eine Volkswirtschaft verschulden und somit die Geldmenge um zukünftige Erträge erweitert werden.
Das heißt, dass Geld die Menge der aktuellen Erträge und der zukünftig erwartbaren Erträge wiederspiegelt.

Weil Geld aber sehr abstrakt erscheint und der unmittelbare Zusammenhang mit dem Bruttosozialprodukt nicht transparent ist, kann es passieren das sich Ertragserwartungen über das risikotechnisch vertretbare Mass entwickeln.

Dann vervielfacht sich die Geldmenge, bis irgendjemand merkt, wie unsicher die Wette auf zukünftige Erträge der Volkswirtschaften oder den dahinterstehenden Gläubigern ist.
Womit es schlagartig zu einer Wertkorrektur kommen muss.

Das Vertrauen in Geld ist nur das Vertrauen in die Stabilität zukünftiger Ertragskraft der Volkswirtschaften.
Das Vertrauen in diese erwartbare Ertragskraft ist bei uns,´wie in den USA allerdings schon seit jahrzehnten rückläufig.
Ähnlich wie bei einer Börsenblase werden die Signale allerdings immer wieder aus den verschiedensten Gründen ignoriert, meistens Besitzstandswahrungsgründe, was am Ende plötzliche Korrekturen im Wert zur Folge hat.

Das wir über unsere Verhältnisse leben drückt seit Jahrzehnten das steigende Haushaltsdefizit aus.

H.
H.

Das wäre richtig, wenn...

wir kein Haushaltsdefizit hätten bzw. die Schulden im Verhältnis zum BIP nicht ständig steigen würden.

Das geht nur solange gut, wie eben an die Werthaltigkeit der zukünftigen Erträge geglaubt wird.
Angesichts der Demographie ist das aber zunehmend unglaubwürdiger geworden.
Womit durchaus zu Recht Befürchtungen entstehen, die eine weiter wachsende oder zumindest stagnierende Verschuldung bei stagnierendem oder sogar schrumpfenden BIP für möglich halten. Das Risiko steigt also.
Außerdem spielt für die Bonität oder Zahlungsfähigkeit eines Staates das Privatvermögen nur eine Nebenrolle, eine Saldierung verstellt den Blick daraus, dass die Privatvermögen eben nicht einfach zur Deckung eines Staatsdefizites herangezogen werden können, auch weil Ersparnisse, vielleicht gar nicht dem nationalen Zugriff unterliegen.

H.