IWC-Konferenz Tief im Glaubenskrieg
Die Internationale Walfangkommission wollte die Waljagd erlauben – ein wenig zumindest. Doch ihr »Friedensplan« ging nicht auf
© Daniel Bayer/AFP/Getty Images

Tief Luft holen: Ein bis zu 15 Meter langer ausgewachsener Buckelwal taucht vor der Küste Alaskas auf. Hier drohen keine Harpunen
Als talking shop gilt die Internationale Walfangkommission (IWC) schon seit Jahren, also als Quasselbude, in der ganz viel geredet und nur ganz wenig entschieden wird. Zu Recht! Liefern sich die IWC-Mitglieder doch seit über drei Jahrzehnten einen unversöhnlichen Glaubenskrieg um den vollständigen Schutz der Wale beziehungsweise deren Verwertung als natürliche Ressource nach alter Walfängersitte. Weil sich Schützer und Nützer in dem Gremium zahlenmäßig die Waage halten – derzeit sind von den 88 Mitgliedern 42 pro und 46 contra Walfang –, drehen sich diese Debatten rituell im Kreis. Für wichtige Beschlüsse wäre eine Dreiviertelmehrheit erforderlich. Und die kommt einfach nicht zustande.
Dieser Teufelskreis sollte nun durchbrochen werden, dazu hatte der IWC-Vorstand einen »Friedensplan« entwickelt für die aktuelle Jahrestagung. Sie findet seit Montag im marokkanischen Agadir statt und dauert noch bis Freitag dieser Woche. In zäher Abstimmung mit einem Dutzend Kernländern (darunter Deutschland) erarbeitet, enthält der Plan einen heiklen Kompromiss. Leitmotiv: Im Grundsatz ändert sich fast nichts, alle können ihr Gesicht wahren . So sollen die drei Walfangnationen Norwegen, Island und Japan ihre Jagd reduzieren und im Gegenzug dafür offizielle Fangquoten erhalten, allerdings begrenzt auf eine Übergangszeit von zehn Jahren. Damit würde der unbefriedigende bisherige Zustand beendet, dass die Walfangnationen traditionell Schlupflöcher im geltenden Jagd-Moratorium der IWC nutzen. Seit dieses im Jahr 1986 in Kraft trat, haben sie rund 34.000 der Großtiere erlegt, offiziell meist zu »Forschungszwecken«. Der Friedensplan, so warben Befürworter im Vorfeld von Agadir, könne jährlich rund 600 Wale vor den Harpunen retten.
Zehn Jahre als Übergangszeit zur Konfliktbereinigung in entspannterer Atmosphäre und währenddessen schon einmal Tausende Wale verschonen, das klang vernünftig. So warb das für Deutschland federführende Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) auch für den Vorschlag, nachdem dieser im Februar öffentlich wurde. Doch prompt machten Walschützer dagegen Front: WWF, Greenpeace und die Umweltgruppe Pew erstellten eine unverzichtbare »Liste von sechs fundamentalen Elementen«, etwa ein internationales Handelsverbot für Walfleisch, strikte Fangverbote für bedrohte Arten und im Walschutzgebiet (»Sanktuarium«) um die Antarktis herum. Den Meeressäugern gelten viele Sympathien. Auch der Deutsche Bundestag folgte den Umweltschützern, lehnte vor zwei Wochen den IWC-Friedensplan in der ursprünglichen Form ab und verpflichtete die deutsche Delegation zu einer härteren Gangart. Das BMELV musste zurückrudern.
»Das war nicht hilfreich«, knurrt ein Insider auf der Tagung in Agadir. Auch die meisten EU-Umweltminister schwenkten auf Ablehnungskurs. Das ist wenig förderlich für einen Konsens, ebenso wenig wie die kürzlich erhobene Klage Australiens vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag gegen Japan wegen Missachtung des Verbots kommerziellen Walfangs. Besorgt verfolgen Walschützer wie Petra Deimer, Gründerin der Gesellschaft zum Schutz der Meeressäuger, auch bei den Walfängern Provokationen: »Während in Agadir über die Zukunft der IWC verhandelt wird, sind Japans Walfangschiffe bereits ausgelaufen, um im nördlichen Pazifik 220 Zwergwale, 100 Seiwale und 50 Brydeswale abzuschießen.« Dazu passte auch das laute Nachdenken der Japaner darüber, »ein neues Walfang-Fabrikschiff auf Kiel zu legen«. Es ist das eingeübte Ritual aus Aktion und Reaktion.
- Datum 23.06.2010 - 10:17 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.06.2010 Nr. 26
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