USA/Europa Insel der Eintracht

Warum die Europäer plötzlich wieder Amerika lieben. Ein Kommentar von Josef Joffe

Wie halten wir es neuerdings mit Amerika? In den nuller Jahren war es den Europäern das liebste Hass- und Angstobjekt; an deutschen Tischen musste man nur »Bush« zischen, um sich in eine Ein-Mann-Achse des Guten zu verwandeln. Heute geht es plötzlich zu wie in einer alten Ehe, wenn die Gatten nach anstrengenden Ausflügen wieder an den Herd zurückkehren: Eigentlich mögen wir uns doch.

Das hat gerade das amerikanische Pew Research Center, das seit Jahren den Puls der Welt misst, in seinem jüngsten Global Attitudes Survey herausgefunden. Beginnen wir mit der allgemeinen Frage: nach den »positiven Einstellungen zu den USA« – im Vergleich von 2008 und 2010. In Deutschland: ein Sprung von 30 Punkten auf 63 Prozent. In Frankreich: dito. In Spanien: fast genauso viel.

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Josef Joffe
Josef Joffe

ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung. Weitere Texte von ihm finden Sie hier

Etwas spezifischer: »Wird Amerika in der Weltpolitik das Richtige tun?« Der allergrößte Vertrauensbeweis kommt von den Deutschen. Vor zwei Jahren wollten nur 14 Prozent die Frage bejahen; jetzt sind es 90 Prozent. In Frankreich sind es 87 Prozent (plus 74), in England 84 (plus 68), in Spanien 69 (plus 61). Selbst in Russland hat sich die Vertrauensquote verdoppelt (auf 41 Prozent).

Ist das allein dem Obama-Effekt zuzuschreiben? Das wäre verwunderlich, denn Obama führt wie Bush zwei Kriege in Mittelost – und hat in Afghanistan eskaliert. Unter seiner Ägide sterben mehr Taliban und Al-Qaida-Terroristen im Drohnenbeschuss als unter Bush. Guantánamo gibt es noch immer. Und wo er die schärfste Wende vollzogen hat – Distanz zu Israel, Hinwendung zu Arabien –, hat sich sein Bild verdunkelt. Zehn Punkte hat er seit seiner Kairo-Rede von 2009 in Ägypten, in der Türkei und im Libanon verloren.

Die Person ist wichtig, die Politik aber noch mehr – gerade im Verhältnis Europa/USA. Wer über den Tellerrand der nuller Jahre in die Vergangenheit blickt, kann die Krisen und Wutanfälle gar nicht mehr zählen. Misstrauen, Streit, Ressentiment waren das tägliche Brot im atlantischen Haus. Heute aber herrscht, wenn nicht eitel Eintracht, so doch eine Abgeklärtheit, die (wieder) gemeinsamen Interessen entwächst.

In der Finanzkrise steuern beide in dieselbe Richtung zur selben Zeit: Sie pumpen Billionen in den Geldkreislauf und fahren (»Wir sind alle Keynesianer«) die staatliche Nachfrage hoch. Sie fürchten beide den aggressiven Islamismus, weshalb 60 bis 70 Prozent der Europäer (und der Russen) die Antiterror-Strategie der USA gutheißen. Niemand will die iranische Bombe; deshalb sind fast vier Fünftel in den großen EU-Staaten für schärfere Sanktionen. Hinzu kommen schnöde, aber solide materielle Interessen: Zusammen ergeben EU und USA die größte Handels- und Investitionsbeziehung auf Erden; ihr Anteil am Welthandel beträgt 40 Prozent, am Weltprodukt 60 Prozent.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein, oder: Das Interesse nährt die Sympathie. So freundlich ist es in Atlantis schon lange nicht mehr zugegangen – was umso erfreulicher ist, als im Rest der Welt Blutrunst, Bürgerkrieg und Kriegsbereitschaft zunehmen. Der Westen als Insel der Vernünftigen ist eine überraschend gute Nachricht in übler Zeit.

 
Leser-Kommentare
  1. ..halte ich irgendetwas von der Marionette Obama (wie überall muss man einfach nur vergleichen, was vorher gesabbelt wird und was nachher durchgesetzt wird um einen Politiker zu entlarven), noch kann ich der USA nach dem selbst gemachten 9/11 (verschont mich mit langweiligen Verschwörungsausreden, ihr macht Euch dadurch lächerlich) auch nur etwas gutes abgewinnen und durch ihre Lügen für Kriegseintritte sind sie für mich die größte Bedrohung für ein friedliches Leben auf unserer Erde.

  2. 2. mmmh,

    Sie schreiben:
    Zehn Punkte hat er seit seiner Kairo-Rede von 2009 in Ägypten, in der Türkei und im Libanon verloren.

    Wieviel hat er dafür im Rest der Welt gewonnen oder verloren?

    Auch wenn ich Ihnen aufgrund Ihrer vorhergehenden Artikel ein persönliches Interesse unterstellen darf, finde ich diese Form von Argumentation unredlich, denn sie bewirkt
    bei oberflächlichen Lesern eine gewisse Manipulation.

    Sie schreiben:
    weshalb 60 bis 70 Prozent der Europäer (und der Russen) die Antiterror-Strategie der USA gutheißen.

    Das glaubt Ihnen niemand.
    Man braucht als konkrete Zahl doch nur diejenigen gegenhalten, die den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr ablehnen. Acuh wenn man dann Äpfel mit Birnen vergleicht. Man vergleicht immer noch Obst. Wo kommt diese Phantasiezahl her.

  3. hat auch festgestellt:

    Mehrheit der US-Amerikaner und Europäer unterstützen einen Angriff auf den Iran.

    Dieses Ölindustrie-gesponserte renomierte gemeinnützige Meinungsforschungsinstitut ist mit großer Vorsicht zu genießen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    aber wo wären wir ohne die Ölindustrie, zurück zur Natur,
    rauf auf die Bäume ihr Affen?
    Was würde aus H4und den anderen Sozialleistungen desStaates?
    67% der Energiepreise für Ölprodukte gehen an den Staat!
    100% der Subventionen für EE werden an alle Verbraucher
    weitergegeben, die Kopfschmerzen kommen noch.
    Nur die Multis sind in der Lage die Exploration, Erschließung, Förderung
    und Verteilung zu garantieren und nur sie haben das nötige Kapital.
    Die größten sind nun mal amerikanische Firmen, na und.
    Wir können doch froh sein, das wir nicht total abhängig sind von staatlichen
    Unternehmen wie: Russland, Venezuela z.B..
    Ohne die Amerikaner hätten uns die OPEC Länder schon längst am
    steifen Arm verhungern lassen, auch hier gilt:
    Wer die Musik bezahlt, bestimmt auch die Noten.
    Wenn ich mir vorstelle, Amerika würde sich ganz zurückziehen und
    Europa sollte die weltweiten Probleme die uns auch betreffen mit
    Hilfe des Debattierclubs in Brüssel und der außenpolitischen Beratung
    von DIE LINKE lösen, denn man Gute Nacht Marie.

    aber wo wären wir ohne die Ölindustrie, zurück zur Natur,
    rauf auf die Bäume ihr Affen?
    Was würde aus H4und den anderen Sozialleistungen desStaates?
    67% der Energiepreise für Ölprodukte gehen an den Staat!
    100% der Subventionen für EE werden an alle Verbraucher
    weitergegeben, die Kopfschmerzen kommen noch.
    Nur die Multis sind in der Lage die Exploration, Erschließung, Förderung
    und Verteilung zu garantieren und nur sie haben das nötige Kapital.
    Die größten sind nun mal amerikanische Firmen, na und.
    Wir können doch froh sein, das wir nicht total abhängig sind von staatlichen
    Unternehmen wie: Russland, Venezuela z.B..
    Ohne die Amerikaner hätten uns die OPEC Länder schon längst am
    steifen Arm verhungern lassen, auch hier gilt:
    Wer die Musik bezahlt, bestimmt auch die Noten.
    Wenn ich mir vorstelle, Amerika würde sich ganz zurückziehen und
    Europa sollte die weltweiten Probleme die uns auch betreffen mit
    Hilfe des Debattierclubs in Brüssel und der außenpolitischen Beratung
    von DIE LINKE lösen, denn man Gute Nacht Marie.

  4. Oder das System? Es ist eine Illusion und die, die lieben sterben derzeit dahin. Lächerlich machen sich übrigens nie Leute, die in der Geschichte graben und mehr wissen als es einem vielleicht lieb sein kann!

    • wlfbt
    • 27.06.2010 um 23:29 Uhr

    es ist wohl mehr Ihr Wunsch?

    Den Amerikanern sind die Deutschen (ausser vielleicht McCrystal der sie haette gebrauchen koenen) voellig gleich, ob sie sich als Freund oder Feind hinstellen.

    Den Deutschen sind nur die Amerikaner sympathisch, die wie sie denken und sich vorstellen, dass Obama vielleicht zu Stande gebracht hat, dass er den Eliten in Boston und Heidelberg nahe steht.

    Wenn man die ZEIT liest, sich die Zeit nimmt, die ZEIT zu lesen, dann kommt man zu einem ganz anderen Schluss: Die Deutschen denen die Amerikanern gefallen, sind schon dort.
    Die anderen wollen weder mit Amerika etwas zu tun haben als mit Russland, China, und Burma.

    Schade aber wahr. Seit Bismark, mit Ausnahme der Zeit der Ohnmaechtigkeit.

  5. Ja, Barack Obama ist ein großes Glück.
    ABER: die USA schicken geklonte Rinder nach Europa, beherbergen einen skrupellosen Konzern wie Monsanto (aber auch Microsoft, der allerdings nicht direkt skupellos genannt werden kann), forschen brutalst und ohne Grenzen und Zweifel. Amerikaner fahren kritik- und bedenkenlos die größten Spritschlucker (SUVs...), schicken ihre Hollywood-Moral um die Welt, weisen eine hohe Silokon-Brust-Dichte auf (inkl. einer Vergötterung der Machbarkeit auf allen medizinischen Gebieten - Prävention ist nicht so interessant), essen Fleisch von bis zum Exzess und Erbrechen gequälten Masttieren..., Bio-Technologie Forschung wird von Konzernen kontrolliert und finanziert. NEIN, nicht alle Amerikaner denken und handeln so, wie immer. Ich bin froh, dass sie uns noch keine genetisch modifizierten Superbienen und Roboterinsekten gesandt haben. Fragt sich nur, wann sie auch das tun werden. Amerikaner können und tun alles. Was NÜTZLICH ist.

    • FPopp
    • 28.06.2010 um 0:30 Uhr

    Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und höflich. Danke. Die Redaktion/sh

  6. Mich würde doch mal sehr interessieren woher das "Pew Research Center" seine Zahlen her hat. Wahrscheinlich bei einer Lottoziehung gezogen bei denen die Zahlen von 50 bis 95 vorkommen, aber sicher nicht von einem repräsentativen Anteil der Bevölkerung!
    Auf die Frage »Wird Amerika in der Weltpolitik das Richtige tun?« sollen 90% mit "Ja" geantwortet haben - völlig utopisch!
    Solche Zahlen sollten jemanden der sie liest schon stutzend machen. Diese Tatsache allein, lässt den ganzen Artikel, in meinen Augen, bedeutungslos werden.

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