Nichts ist dran an der alten These: Wie die große Politik, so das Spiel der Nationalmannschaft. Wären Jogis Jungs so blass und lustlos wie die schwarz-gelbe Koalition, dann wären sie am Kap unter die Räder gekommen wie die wackeren Männer aus Australien.

Eine größere Verneigung kann es kaum geben: Obwohl um ein Tor betrogen, wollte sich der englische Kapitän Steven Gerrard am Ende nicht beklagen. Hochverdient sei der Sieg der deutschen Mannschaft, meinte er, während hinter ihm der Kollege Wayne Rooney wortlos aus dem Bild trottete. Welch ein Nachmittag! Während des Spiels der Deutschen gegen die Engländer waren hierzulande mehr als 80 Prozent der Fernseher eingeschaltet, das G20-Treffen in Toronto und die Wahl des Bundespräsidenten gerieten zur Randnotiz. Erst Lena und Hannover, jetzt Jogi Löw und Südafrika – die Deutschen haben einen Lauf, wie man im Fußball sagt.

Eine Führungsfigur entscheidet und erntet dafür Kritik von allen Seiten. Den besten Stürmer der Liga, Kevin Kurányi, einfach zu Hause gelassen, den Bremer Torsten Frings vom Hof gejagt. Weil sie nicht ins Konzept passten, in sein Konzept. 20 Millionen Bundestrainer waren damals anderer Meinung. Den Bundestrainer hat das nicht gekümmert. Jogi Löw wollte junge Leute, die den Fußball nicht verwalten, sondern ihn spielen . Er hat sie sich ausgesucht: Mesut Özil , Thomas Müller , Sami Khedira – Speed-Fußballer, wie man sie lange nicht gesehen hat. Dazu hat der Trainer die alten Beziehungen aufleben lassen, also Miroslav Klose und Lukas Podolski wieder mit auf den Platz gebeten. In ihren Vereinen lediglich als Auslaufware etikettiert, entwickelten sie unter den liebenden Augen von Löw jene Eleganz, die sie schon im Ensemble des Sommermärchens 2006 präsentierten. Ein Lob seiner Sturheit!

Als Jürgen Klinsmann 2004 seinem Spezi Joachim Löw das Co-Trainer-Amt antrug, absolvierte der gerade einen Waldspaziergang. Mit der Muße war es vorbei. Löw entwickelte seine Vision von einem Angriffsfußball nach seinem Geschmack, den damals nur ein kongenialer Sturkopf wie Jürgen Klinsmann den eher rückpassfreudigen Männern beim DFB aufzwingen konnte. Das haben die Kameraden dem Trainerduo bis heute nicht vergessen, die eine oder andere Rechnung ist immer noch offen.

Ein Frontmann war Löw damals nicht, und er ist es bis heute nicht geworden. Aber niemand sollte sich über seine Durchsetzungsfähigkeit täuschen . Der Bundestrainer ist ein zutiefst konservativer Mensch, der branchenfernen Werten etwas abgewinnen kann.

Während andere in den WM-Arenen gern ihren Marktwert optimieren, orientiert sich Löw an Begriffen wie Demut, Loyalität und Zuverlässigkeit. Angriffe gegen enge Mitstreiter pariert er ohne Kompromisse, auf seine schützende Hand ist Verlass. Nie war der Trainer machtvoller als nach dem Sieg gegen England, auch eine Niederlage gegen Argentinien an diesem Samstag könnte daran nichts ändern: Eine weitere Zusammenarbeit mit dem DFB gibt es nur zu seinen Bedingungen.

Fußball-Lehrer, so lässt er sich gern nennen. Die Viererkette kann er erklären wie kein Zweiter. Selbst Klinsmann, der Löw-Erfinder, hat sie damals endlich verstanden. Die Spieler aus der Generation Facebook lassen die Tastaturen ruhen, wenn er auf der Taktiktafel zum Thema »Konterspiel« extemporiert. Der Bundestrainer, ein Mann alter Schule? Gewiss, aber mit den Methoden von heute. Niemand im internationalen Fußball weiß dies so gut zu kombinieren wie der Mann aus dem Breisgau.