Kirche Für Gottes Lohn

Das Ansehen der katholischen Kirche ist stark beschädigt. Abseits aller Missbrauchsvorwürfe sorgt sie jedoch weiterhin für die Schwächsten der Gesellschaft. Aus dem Alltag der sozialen Basisarbeit

Der Himmel zeigt wenig Erbarmen mit der katholischen Kirche in Österreich. Seitdem vor Ostern die ersten Missbrauchsvorwürfe laut wurden, ist sie in den Strudel immer neuer Anschuldigungen geraten. Nichts von dem, was Kirchenführung und Klerus unternehmen, um den angeschlagenen Ruf ihrer Institution wieder aufzupolieren, scheint die empörte Öffentlichkeit beschwichtigen zu können. Enttäuscht verlassen die Gläubigen in Scharen den Schoß der Mutter Kirche: Weitere 80.000 könnten es zu Jahresende sein (nach 53.000 im Rekordjahr 2009), fürchten nun die Bischöfe. In den Medien wird das Ansehen der Österreich-Filiale des Vatikans nahezu täglich zerzaust, so als würden sich hinter frömmlerischen Weihrauchschwaden ausschließlich Päderasten, Sadisten und autoritäre Frauenhasser tummeln. Dieses Zerrbild zu entkräften gelingt den Seelenhirten mit jedem neuen Skandalvorwurf weniger.

Auch intern steht die Kirche vor einer Zerreißprobe. In einer Umfrage des ORF-Religionsmagazins kreuz und quer bekannte die Mehrheit der Pfarrer, sich längst von den weltfremden Lebensregeln, an denen ihre vorgesetzten Instanzen festhalten, innerlich entfernt zu haben. 81 Prozent der Befragten fordern eine Abkehr vom Zölibat, 51 Prozent meinen, auch Frauen sollten zu Priesterinnen geweiht werden. Lediglich 21 Prozent zeigen sich hingegen in der aktuellen Kontroverse mit dem vatikanischen Krisenmanagement einverstanden.

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Inmitten der Turbulenzen wird indes eine der wesentlichen Funktionen der katholischen Kirche ausgeklammert: Sie ist das soziale Gewissen des Landes. Denn die Religionsgemeinschaft sorgt sich nicht nur um das Seelenheil ihrer Anbefohlenen, sondern sie ist vor allem auch die einzige bedeutsame Institution in Österreich, der das Schicksal aller sozial schwachen Gruppen noch ein Anliegen ist – ob es Alte, Einsame, Gestrauchelte, Verarmte oder Flüchtlinge sind. Und zwar meistens ohne Ansehen von Person und Religion. Diese gute Kirche, eine kleine Heerschar empathischer Überzeugungstäter, wird jedoch von der Missbrauchsdebatte, von der Diskussion um Schuld und Sühne sowie über den überkommenen Verhaltenskodex der Kleriker immer mehr in den Schatten gestellt. ZEIT- Autoren lenken anhand von fünf Beispielen die Aufmerksamkeit auf das Wirken der katholischen Basisarbeit, die vom vatikanischen Starrsinn so weit entfernt ist wie die Erde vom Mond.

Kurze Autofahrten mit Wolfgang Pucher dauern manchmal ewig. An seinem Fahrstil liegt es nicht, doch dem Grazer Pfarrer läuft häufig etwas über den Weg. An diesem Morgen ist es ein Frauenmörder.

»Ja grüß Gott! Wie geht’s Ihnen? Haben S’ Ihnen die Wohnung eh schön ausgemalt?«, begrüßt Pucher den zahnlosen Einbeinigen mit Filzbart. Ein heißer Sommertag kündigt sich an, trotzdem ist der Mann in Daunen gewickelt. Er scheint Pucher nicht zu erkennen, stammelt schwer Verständliches, freut sich aber sichtlich, dass jemand seine Hand ergreift. Nach einem kurzen Plausch macht sich Pucher wieder auf den Weg. Eines Regentages hatte er den Obdachlosen aufgelesen, einen verurteilten Mörder, der nach seiner Haftentlassung auf der Straße gelandet war. Zunächst brachte er ihn in seiner Containersiedlung VinziDorf unter. Dort sorgte der Neuankömmling für Krach. Doch Pucher setzte ihn nicht vor die Tür, sondern organisierte eine Wohnung für ihn, die er sogar barrierefrei umbauen ließ.

Wolfgang Pucher ist einer der lautesten Priester Österreichs. Der Bruder der Vinzenzgemeinschaft, eines weltweiten Netzwerks der Wohltätigkeit, hat eine zu zwei Dritteln aus Spenden finanzierte Organisation aufgebaut, die von bettelnden Romakindern bis hin zu psychisch Kranken, die aus der Mittelschicht gefallen sind, so ziemlich alle betreut, für die niemand sorgen will.

Beim nächsten Stopp bremst Pucher abrupt vor seinem VinziShop, einem gut sortierten Secondhandladen, und ordert Männerkleidung, Größe 44. Er kauft sie für einen Bekannten, den er als »unerträglich« beschreibt: »Dieser Mann erzählt mit Genuss, dass er einen Menschen abgeschlachtet hat wie ein Stück Vieh.« Pucher hält einen Brief aus dem Gefängnis in Händen: »Schicken Sie mir Gewand!« Der Mörder bittet, der Pfarrer schickt.

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