Nicht nur Dissidenten, auch Zensoren leben gefährlich. Die russische Geschichte jedenfalls lehrt, dass man leicht unter sein eigenes Fallbeil geraten kann. Drastischstes Beispiel war Sergej Ingulow, von 1935 an Direktor der Stalinschen Zensurbehörde für Drucksachen. Die sogenannte Glawlit kooperierte eng mit der sowjetischen Staatssicherheit, und Ingulow tat sich früh schon als Bluthund hervor. Über die Kritiker der Sowjetmacht schrieb er: "Kritik muss Folgen haben! Verhaftungen, juristische Abrechnungen, strenge Urteile, physische und moralische Erschießungen!" Pech für Ingulow, dass auch er als Staatsfeind denunziert wurde. Verhaftung wegen "konterrevolutionärer Tätigkeit" 1937, Hinrichtung 1938. Es war die Zeit von Stalins Großem Terror, doch die Paranoia, die sich ihre Feinde erst erschafft, wirkte weiter bis in die jüngste Vergangenheit.

Umso selbstmörderischer erscheint nun der Bestrafungsfuror jener frommen Zensoren, die wegen ein paar frecher religionskritischer Bilder Lagerhaft verhängen wollen. Fürchten sie nicht, dass auch sie eines Tages an ihren eigenen totalitären Maßstäben gemessen werden? Haben sie schon vergessen, dass Stalin seine eigenen Leute zuhauf hinrichten ließ: drei von fünf Marschällen der Sowjetunion, 13 von 15 Armeekommandeuren und alle 16 Politkommissare des Militärs? Die Leichtigkeit, mit der manche Russen die Kehrtwende vom sowjetischen zum russisch-orthodoxen Autoritarismus vollzogen haben, beweist: Kein Dogma gilt ewig. Und jeder kann jederzeit zum Staatsfeind oder Gotteslästerer erklärt werden.

Dass ausgerechnet die orthodoxe Kirche nach dem Bankrott des Kommunismus die Rolle einer unbezweifelbaren Autorität übernommen hat, ist folgerichtig und absurd zugleich. Einerseits: Eine Gesellschaft, die jahrzehntelang auf ihre strahlende sozialistische Zukunft hin lebte, kommt nicht plötzlich ohne Erlösungsversprechen aus. Millionen von einstigen Pionieren, die maifeiertags mit roten Nelken über die Magistralen paradierten, vermissen in der Freiheit jemanden, der die Marschrichtung vorgibt. Zwar waren die Maiparaden ihnen immer ein bisschen lästig gewesen, aber nach dem Ausrangieren der alten Symbole und vaterländischen Helden fühlen sie sich verloren. Da kommt die Kirche mit ihren Ikonen und Gesängen, ihren poetischen Gewissheiten und weihrauchumwölkten Versprechen gerade recht.

Andererseits: Siebzig Jahre Säkularisierung müssten eigentlich gefruchtet haben. Der geschasste Priesterseminarist Stalin und der Klerikerfeind Lenin hatten die Orthodoxie als Stütze des Zarismus nach Kräften bekämpft. Wie fromm sind die Russen heute wirklich? Wladimir Putin nutzt die Kirche, deren pompöses Symbol die wiedererrichtete Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau ist, vor allem als Herrschaftsinstrument und als Bühne für einen traditionsbewussten Nationalismus. Seine Wahl zum Präsidenten wurde in einem Gottesdienst gefeiert, demonstrativ geht er Weihnachten zur Kirche, unlängst kaufte er in Paris ein Grundstück für einen mächtigen Sakralbau. Unterdessen ist es Mode geworden, dass der oberste Patriarch Kyrill bei allen wichtigen politischen Anlässen neben den Staatsmännern auftritt. Wenn Geschäftsleute etwas Gutes tun wollen, stiften sie in der Provinz eine hübsche Kapelle. Außerdem wurde der Kirche mehr Mitsprache bei Gesetzgebungsprozessen zugesichert.

Wohlwollend könnte man sagen, dass die Russen eben an ihre vorrevolutionäre Geschichte anknüpfen, dass das ganze langbärtige Patriarchentheater ein Akt kulturkonservativer Identitätsstiftung ist. Die hysterischen Attacken gegen Ungläubige legen aber noch eine andere Deutung nahe: Postsowjetische Kirche ist nicht bloß Ornament, sondern liefert die nötigen Dogmen für eine repressive Politik. Die Frömmelei legitimiert das Prinzip Überwachen und Strafen. Doch allzu sicher sollten die neuen Tugendwächter sich nicht fühlen. Auch Zensoren leben gefährlich. Die russische Geschichte lehrt, wie rasch man unter sein eigenes Fallbeil gerät.