Wenn am Abend die letzte Vorlesung endet und die Studenten der anderen Fächer nach und nach den Campus verlassen, geht Philipp Böhm-Christl noch einmal ins Atelier. "Am Montag war ich bis 3 Uhr nachts an der Uni, Dienstag bis 12, heute bleibe ich bis 10", sagt er. Seit sieben Monaten studiert der 21 Jahre alte Berliner Architektur an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) – an die späten Arbeitszeiten hat er sich schon gewöhnt. Architekten seien Nachtschwärmer, heißt es. Besonders bevor sie Pläne und Modelle abgeben müssen, arbeiten Philipp Böhm-Christl und seine Studienkollegen bis tief in die Nacht, "aber eigentlich drängt immer irgendetwas. Man hat immer viel zu tun."

Die Studenten hören Baugeschichte und Architekturtheorie, lernen Bauphysik, Baurecht und Kostenplanung – eine Mischung aus Geistes- und Ingenieurwissenschaften, Recht und Wirtschaft. Doch den größten Anteil am Studium, ungefähr ein Drittel, hat das Fach Entwerfen. Hier sollen sie zum Beispiel Ein-Raum-Häuser gestalten, Sitzmöbel oder eine Werkzeugbox bauen. "Man muss gut im Team arbeiten können, weil man immer jemanden um sich hat und Ideen austauscht", sagt Philipp Böhm-Christl.

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Außerdem geht es nicht ohne künstlerisches Geschick, auch wenn eine Eins in Kunst keine Voraussetzung ist. Zeichenstift, Cutter, Lineal, Schneidematte und Holzkleber gehören zum Arbeitsmaterial jedes Architekturstudenten. Wesentlich sei vor allem "ein Gespür für Proportionen", sagt Charlotte Frank. Die Architektin hat unter anderem das Bundeskanzleramt in Berlin entworfen. Wenn sich Studenten oder Absolventen bei ihr bewerben, achtet sie nicht auf Noten. Sie schaut sich deren Entwürfe an.

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Der Entwurf gilt den Architekten als Königsdisziplin. Doch was sich Studienanfänger vielleicht nicht so klar machen: Nach dem Abschluss werden sie kaum noch entwerfen – es sei denn, sie arbeiten in einem der ausgesprochen seltenen reinen Entwurfsbüros. Der Berufsalltag eines Architekten besteht für gewöhnlich nur zu höchstens zehn Prozent aus Gestaltung. Der Rest sind Beratung des Bauherrn, Ausführungsplanung, Ausschreibung und Vergabe von Aufträgen an Bauunternehmer und Handwerker, Bauüberwachung und Abrechnung – Tätigkeiten, die an den Hochschulen kaum eine Rolle spielen. Es werde zu viel darüber nachgedacht, wie ein Dach aussehen könne, und zu wenig darüber gesprochen, was es koste und dass es nicht durchregnen dürfe, sagen Kritiker der universitären Ausbildung.

Rund 16.000 Frauen und 14.000 Männer studieren derzeit in Deutschland Architektur. Die Hochschulen bilden Architekten aus, die der Markt seit Ende des Baubooms gar nicht mehr aufnehmen kann. "Seit fünfzehn Jahren verlassen doppelt so viele Architekten die Hochschulen wie gebraucht werden", sagt Thomas Welter, Wirtschaftsreferent der Bundesarchitektenkammer. Allmählich reagieren die Hochschulen, indem sie einen Numerus clausus einführen und weniger Bewerber annehmen. "Wir müssen die Anzahl der Ausgebildeten verändern", sagt Karen Eisenloffel, Prodekanin der Fakultät für Architektur an der BTU Cottbus, "aber nicht die Ausbildung an sich." Die Professorin hält das Entwerfen für unverzichtbar: "Nur dadurch lernt man, was architektonische Qualität ist." Der Entwurf sei eine gute Art der fächerübergreifenden Lehre, bei der auch Themen wie Baukonstruktion und Tragwerkslehre behandelt würden.