Als »Pisa-Papst« bleibt er uns natürlich erhalten, aber als Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin wurde der Erziehungswissenschaftler Jürgen Baumert am 30. Juni emeritiert.

Spätestens seit der Schulstudie Pisa, deren Premiere er im Jahr 2000 in Deutschland inszenierte, ist Baumert der einflussreichste Bildungsforscher des Landes. Als Impulsgeber für Bildungsreformen steht er in einer Reihe mit Georg Picht (Die deutsche Bildungskatastrophe, 1964) und Ralf Dahrendorf (Bildung ist Bürgerrecht, 1965). Zwar hat Baumert die Pisa-Studie nicht erfunden, aber ohne ihn hätte sie in Deutschland nicht eine derartige Wucht entfalten und auf Jahre hinaus die Bildungsdebatte bestimmen können. Waren doch Schulleistungsstudien hierzulande bis dato des Teufels.

Mit der Autorität des Max-Planck-Forschers und in geschicktem Zusammenspiel mit mutigen Kultusministern, die endlich ein ungeschminktes Bild des deutschen Schulsystems sehen wollten (sowie mit Duldung der Lehrerverbände!), machte er die empirische Bildungsforschung zugleich hoffähig und populär.

Seit Pisa wissen wir, dass unsere Schulen eine große Gruppe sogenannter Risikoschüler hervorbringen, die mit 15 nicht richtig lesen und rechnen können. Auch dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, kann seit der Studie niemand mehr bezweifeln.

Baumert hat Bewegung in die Schulpolitik gebracht, ohne sich von ihr vereinnahmen zu lassen. Einfache Lösungen für komplexe Probleme hat er ihr nicht zu bieten.

Zudem hat er die empirische Wende in der deutschen Erziehungswissenschaft betrieben. Während andere über den Bildungsbegriff philosophierten (wo er als gelernter Altphilologe locker hätte mithalten können), hat er untersucht, warum der Motor des Schulsystems stottert. Und nebenbei seine Schüler auf die wichtigsten Pädagogik-Lehrstühle bugsiert.

Nur am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung wurde kein Nachfolger für ihn gefunden. Der Schülerlotse geht von Bord – und hat das Ruder mitgenommen.