Christa Wolf Was war der Geschmack Ihrer Kindheit, Frau Wolf?

Die Schriftstellerin Christa Wolf über frühe Genüsse, Rotwein in der DDR und die Schwierigkeiten beim Schreiben ihrer Stasi-Geschichte

Der Tisch im Erker ihrer Wohnung im Berliner Stadtteil Pankow ist bereits gedeckt. Kuchen gibt es, der Kaffee steht bereit. Das ist ein Markenzeichen des Ehepaars Wolf, für Essen und Trinken wird immer reichlich gesorgt. Als wir vor fünf Jahren auf ihrem Landsitz in Mecklenburg mit Christa Wolf sprachen, hatte ihr Mann eine Auswahl geräucherter Fische aus dem angrenzenden See vorbereitet. Auch diesmal sitzt Gerhard Wolf zeitweise mit am Tisch, freundlich zurückhaltend. In den letzten Jahren musste man sich Sorgen machen um Christa Wolf, sie litt lange an den Folgen einer Knieoperation. Doch jetzt wirkt sie wieder ziemlich fit, ein Krückstock hilft noch beim Gehen. Auch ihre Stimme ist wie immer: stark, klar, mit einem stets leicht ironischen Unterton.

ZEITmagazin: Frau Wolf, in Ihrem neuen, autobiografischen Roman »Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud« wird viel und freudig getrunken und gegessen: Wein, Margarita, Risotto, Meerestiere… Konnten Sie schon immer gut genießen?

Anzeige

Christa Wolf: Nein. Das Genießen hat mir mein Mann beigebracht.

ZEITmagazin: Sie sind seit fast 60 Jahren verheiratet, haben sich beim Studium in Jena kennengelernt.

Wolf: Er hat schon damals oft für mich gekocht. Wir hatten ganz wenig Geld, wir waren ja keine Arbeiter- und Bauernkinder. Wir bekamen nur wenig Studienbeihilfe. Mein Mann ist auf den Markt gegangen und hat Gemüse gekauft oder, wenn es sein musste, auch geklaut.

ZEITmagazin: Gab es Rotwein dazu?

Wolf: Viel später erst. Auswahl gab es keine – ein Rosenthaler Kadarka und ein herber Stierblut, das wars. Noch viel später bekam ich nach einer Lesung als Honorar Wein vom Schloss Wackerbarth bei Dresden.

ZEITmagazin: Spielt bei Ihnen, wenn Sie an Ihr Leben denken, Essen eine große Rolle?

Wolf: In den späteren Jahren ganz sicher. Als ich ein Kind war, mein Vater war Lebensmittelhändler, aßen wir bescheiden. Es war immer reichlich da, aber es gab eine überschaubare Anzahl von Gerichten, gut gekocht. Am Abend gab es immer Stullen. Einprägsam war für mich, wenn es zum Beispiel Kochschinken gab oder Kakao, dazu Käse. Das waren die Highlights. Erbsensuppe, Milchreis, Kartoffelpuffer, Kartoffelbrei und Eier.

ZEITmagazin: Das war der Geschmack Ihrer Kindheit?

Wolf: Ja. Weihnachten oder Silvester kam dann meine Oma ins Spiel. Silvester hat sie Pfannkuchen gebacken oder Mohnpielen gemacht, die man kaum noch kennt: Mohn, eingeweichte Brötchen mit Korinthen, heißer Milch und Zucker. Weihnachten kochte meine Oma immer Grünkohl. Bei allen anderen gab es Gänsebraten; bei uns Grünkohl. Und zu Silvester Karpfen.

ZEITmagazin: Wenn Sie sich an die Kindheit erinnern, haben Sie in Sachen Essen noch ein besonderes Bild vor sich?

Wolf: Entschuldigen Sie, worüber reden wir hier eigentlich? Ich dachte, mein Buch ist das Thema.

ZEITmagazin: Ja, das ist es. Aber, wenn Sie erlauben, wollen wir uns dem Thema einmal auf einem anderen Weg nähern. Alle reden mit Ihnen über die DDR, wir möchten über die Hedonistin Christa Wolf sprechen. Deshalb die Frage: Haben Sie ein Bild eines solchen besonderen Essens noch in Erinnerung?

Wolf: Ja, wir waren auf der Flucht, und unsere ganze Familie war in einer großen Scheune in einem Mecklenburger Dorf untergebracht. Meine Mutter hatte mir beim Bürgermeister eine Stelle als Schreibhilfe beschafft, ohne Bezahlung, aber ich konnte dort mitessen. Und irgendwann stand der russische Kommandant des Dorfes in der Tür und befahl mir, ich solle regelmäßig eine bestimmte Anzahl von Eiern bei ihm abliefern. Ich sammelte sie also bei den Bauern ein, und die Russen bezahlten dafür. Ich hatte oft Eier übrig. Und das ist das Bild, das ich meine: Wir saßen alle auf Stroh in der Scheune, und meine Oma machte in einer großen Pfanne Rührei für uns.

Leser-Kommentare
  1. die Aussage von Frau Wolf zum "blinden Fleck" wuerde ich nicht auf politische Bedeutung einengen, ihr auch nicht eine negative Bedeutung geben; damit ist unendlich viel mehr gemeint, wie ich glaube: eine blitzartige existenzielle Erkenntnis, die die Dichterin Wolf zeigt. Danke, Frau Wolf.

    Antwort auf
  2. Christa Wolf ist für mich eine faszinierende Frau und - Schriftstellerin. Ich danke der Zeit für dieses Interview.

  3. Ein alles in allem interessantes Gespräch.
    Wenn die Grande Dame der Literatur (!) begreif-licherweise auch einige Mühe hatte, dem recht
    eigenwillig ausgelegten Gesprächsfaden in aller
    Geduld zu folgen !
    Einzig ärgerlich die kleine Referenz an den DDR-
    kritischen Zeitgeist:" Wir hatten ganz wenig Geld, wir waren ja keine Arbeiter- und Bauern-
    kinder..." Eigentlich wissen die Wolfs doch auch, dass die Stipendien eher bescheiden und bestimmt nicht reichlicher ausfielen als die Beihilfen,die Vaters Lebensmittelladen abwarf.
    180 Mark der DDR, wenn ich mich erinnere; bei
    guten Studienleistungen 30 Mark zusätzlich...
    Das P r i v i l e g der Arbeiterkinder,dass sie studieren konnten, auch wenn Die Eltern
    keine Beihilfe leisten konnten. Schade, wenn
    diese Leistung der DDR kleingeredet wird.
    Und die Verteidigung durch J. Gauck? Man darf
    raten, wie das Echo der zivilisierten Welt auf
    eine weitere Diskreditierung dieser hoch
    geachteten Autorin ausgefallen wäre... Da wurde
    eine Notbremse gezogen. Nach der gezielten
    Indiskredition !

  4. OK, ein Gespräch über essen und trinken usw, warum nicht? Aber dann, Frau Wolf, nicht diese dämlichen Sätze, die alle DDR-Hasser so verzücken an Ihnen. Rosenthaler Kadarka und Stierblut - mehr gab es also nicht in dem jämmerlichen Land? Ich kann mich an erheblich mehr Rotwein-Sorten erinnern, einige vermisse ich noch heute.
    Die Defizite und Macken der DDR waren groß genug, da muss man nicht noch zusätzlich etwas erfinden. Aber es passt zu dem Bild der offiziellen Geschichtsschreibung der Bundesrepublik.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wundert es Sie denn tatsächlich, was mancher, dem das Schicksal nach der Vereinigung gut gesonnen war, immer noch versucht ist, eins draufzusetzen?
    Ich habe Respekt vor jenen, die dieses Land nicht verlassen haben, obwohl sie es konnten. Und die es deshalb taten, weil sie meinten eben in ihrem Land etwas bewirken zu können.
    Dieser Respekt bröckelt aber dann, wenn man sich an solchen Kleinigkeiten reibt, wie dem Angebot an Rotwein. Nahezu lächerlich.
    Ich habe so manches Mal schon den Eindruck gehabt und mir die Frage gestellt, ob nicht mancher dieser DDR-Prominenten selbst seine Stasi-Akte geschrieben hat(Nur ein Beispiel: Achim Menzel wurde in einer Fernsehsendung als nach Einschätzung der Stasi "gefährlicher Rocker" angekündigt. Die müssen doch Volksmusik tatsächlich völlig falsch eigeordnet haben.)
    Nun gut, ob ich dieses Buch erwerbe, ich habe Ch. Wolf eigentlich immer gern gelesen, weiß ich noch nicht. Da muß ich bei den heutigen Preisen erst einmal mein Budget püfen.

    Wundert es Sie denn tatsächlich, was mancher, dem das Schicksal nach der Vereinigung gut gesonnen war, immer noch versucht ist, eins draufzusetzen?
    Ich habe Respekt vor jenen, die dieses Land nicht verlassen haben, obwohl sie es konnten. Und die es deshalb taten, weil sie meinten eben in ihrem Land etwas bewirken zu können.
    Dieser Respekt bröckelt aber dann, wenn man sich an solchen Kleinigkeiten reibt, wie dem Angebot an Rotwein. Nahezu lächerlich.
    Ich habe so manches Mal schon den Eindruck gehabt und mir die Frage gestellt, ob nicht mancher dieser DDR-Prominenten selbst seine Stasi-Akte geschrieben hat(Nur ein Beispiel: Achim Menzel wurde in einer Fernsehsendung als nach Einschätzung der Stasi "gefährlicher Rocker" angekündigt. Die müssen doch Volksmusik tatsächlich völlig falsch eigeordnet haben.)
    Nun gut, ob ich dieses Buch erwerbe, ich habe Ch. Wolf eigentlich immer gern gelesen, weiß ich noch nicht. Da muß ich bei den heutigen Preisen erst einmal mein Budget püfen.

  5. Ich komme aus einem christlichen intelektuellen Haus.
    Als ich vor einiger Zeit als Bausoldat in einer Bibliothek der dort damals kaum von Ihnen befindlichen Bücher in die Hand bekam, begriff ich Christa Wolf. Seit jener Zeit, lese ich Ihre Literatur mit voller Begeisterung. Danke Christa Wolf.

  6. Wundert es Sie denn tatsächlich, was mancher, dem das Schicksal nach der Vereinigung gut gesonnen war, immer noch versucht ist, eins draufzusetzen?
    Ich habe Respekt vor jenen, die dieses Land nicht verlassen haben, obwohl sie es konnten. Und die es deshalb taten, weil sie meinten eben in ihrem Land etwas bewirken zu können.
    Dieser Respekt bröckelt aber dann, wenn man sich an solchen Kleinigkeiten reibt, wie dem Angebot an Rotwein. Nahezu lächerlich.
    Ich habe so manches Mal schon den Eindruck gehabt und mir die Frage gestellt, ob nicht mancher dieser DDR-Prominenten selbst seine Stasi-Akte geschrieben hat(Nur ein Beispiel: Achim Menzel wurde in einer Fernsehsendung als nach Einschätzung der Stasi "gefährlicher Rocker" angekündigt. Die müssen doch Volksmusik tatsächlich völlig falsch eigeordnet haben.)
    Nun gut, ob ich dieses Buch erwerbe, ich habe Ch. Wolf eigentlich immer gern gelesen, weiß ich noch nicht. Da muß ich bei den heutigen Preisen erst einmal mein Budget püfen.

    Antwort auf "So nicht!"
  7. ... um einmal mehr mit Lewis Carroll zu sprechen. TM_Preis für CW. Schläft Die Zeit?! Was soll das denn?! Ehern steht es aneinander, die Viererkette des deutschen Literaturgepfriemel, damit der Betrieb anmutig in gebeugte Haltung verfallen kann, ohne zu riskieren, dass ein UFO die Marketingchancen versaut. Ausgerechnet diese von ihrem eigenen sozialpsychologischem Prozess so betroffene Schreibser-Trine wird mit 25 Thomas Mann EURO bedacht! Nicht zu fassen. Ein Kotau und die Irrungen in den Wirrungen sind negiert? Ne Kassiererin braucht dafür das Gericht. Davon ab: hebt sich Christa Wolfs Prosa so signifikant aus der zeitgenössischen Produktion heraus? Nein, sage ich. Wieder eine vertane Chance, den deutschen Literaturbetrieb auf Spitzenleistungen zu fokussieren. Biedermann (bzw. Frau), geh' Du voran. Uns führt der Quasselkopf an. Geschweige denn, dass hier internationales Niveau erreicht würde. Oh, Verzeihung, mir fällt gerade ein, dass der „Affe Charlie (ZDF)“ eine der ins Ausland meistvekauften deutschen TV-Serien ist, und in anderen Ländern sicherlich deutlich zur Wahrnehmung beiträgt, was Deutschland kulturell profiliert. Aber: die Strömungsgeschwindigkeit im Ansaugkanal des Lesers von deutscher Literatur wird durch diesen Wolfschen Tiefbettfilter überbremst. Wenn so ein mittelhoch dotierter Preis dieser Schalmei des Gestrigen zuerkannt wird, um wieviel Fahrenheit senkt sich dann die Motivation des hoffnungslosen Nachwuchses?! Inshallah!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • FranL.
    • 08.07.2010 um 23:13 Uhr

    Im Gegensatz zu Ihnen beherrscht Christa Wolf die deutsche Sprache und beleidigt niemanden. Lesen Sie lieber Roche und Hegemann.

    • FranL.
    • 08.07.2010 um 23:13 Uhr

    Im Gegensatz zu Ihnen beherrscht Christa Wolf die deutsche Sprache und beleidigt niemanden. Lesen Sie lieber Roche und Hegemann.

  8. war jedenfalls nicht Christa Wolf.

    Eine Leser-Empfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service