Harald Ehlert, den einige seiner Genossen ein "Genie" nennen, andere ein "größenwahnsinniges Arschloch", will der Welt noch einmal beweisen, dass er ein guter Mensch ist, als diese Sache mit dem Renault passiert. Er will einsteigen, aber der Autositz lässt sich nicht umklappen. Mit seinen kräftigen Händen reißt Ehlert am Sitz, hämmert dagegen, aber nichts tut sich. Bei Sixt haben sie ihm dieses verdammte Mietauto gegeben, das einen seriösen Eindruck machte, einen silbergrauen Familienvan mit drei Sitzreihen, die Ehlert nicht gehorchen wollen. Er dampft vor Zorn.

Es ist ein wolkenloser Tag in Berlin, Ehlert hat sich seine Ray-Ban-Sonnenbrille ins wallende Haar gesteckt, einen Rollkragenpullover über den mächtigen Körper gespannt, ein Leinenjackett darübergezogen. Er steht da wie Marlon Brando im Mafiafilm Der Pate, schaut auf seine goldene Armbanduhr und knurrt: "Meister, was ist das für eine Scheiße mit diesem Sitz?"

Herr Meister ist seit Jahren Ehlerts Chauffeur. Er fuhr auch den schwarzen Maserati , in den sein Chef sich fallen ließ wie ein König in seine Sänfte. Eine hart erprobte Beziehung ist zwischen den beiden entstanden, die keine Abweichungen aushält. Wenn Ehlert spricht, ist Meister still. Wenn Meister fährt, sagt Ehlert, wo es langgeht. Fragt man Meister etwas Harmloses über seinen Boss, wispert er ängstlich: "Ich sage nichts. Ich würde ja auch nichts sagen, wenn ich Frau Merkel fahren würde."

Das klingt übertrieben, aber es ist etwas Wahres daran. Der 48 Jahre alte Harald Ehlert, Gründer und Chef der Treberhilfe in Berlin, war in der deutschen Hauptstadt so etwas wie ein Herrscher der unteren Zehntausend. Im vergangenen Jahr kamen fast 4000 Menschen in seinen Heimen unter: Frauen, die von ihren Männern aus dem Haus geprügelt worden waren, Herumtreiber, die ein Bett brauchten, Junkies, die sich auf dem Straßenstrich verkauften.

Auf Parkbänken, unter Spreebrücken – dort waren Ehlerts 28 Notunterkünfte und Obdachlosenheime stadtbekannt. Nur die normalen Leute haben keine Notiz davon genommen, bis vor vier Monaten herauskam, dass Ehlert auf Kosten seiner Firma einen Maserati fuhr und sich zuletzt 332.000 Euro Jahresgehalt und eine Sonderzahlung von 90.000 Euro genehmigt hatte. 422.000 Euro insgesamt – fast doppelt so viel wie die Kanzlerin. Der Chef einer gemeinnützigen Gesellschaft, die sich um Obdachlose kümmert, gönnt sich ein Jetset-Leben?

Berlins Sozialsenatorin Carola Bluhm stellte Strafanzeige wegen des Verdachts auf Untreue. Staatsanwälte begannen zu ermitteln. Der Paritätische Wohlfahrtsverband schloss die Treberhilfe aus. Ehlerts Parteifreunde aus der SPD gingen auf Distanz. Die Zeitungen schrieben vom Maserati-Harry . Und weil sich der Verdacht der Prasserei wie ein Schatten über die Branche gelegt hatte, gingen sogar bei der Berliner Tafel weniger Spenden ein.

Ehlert trat als Geschäftsführer der Treberhilfe zurück, setzte einen Treuhänder ein, der Maserati wurde abgeschafft, und die Sache schien klar zu sein: Da hat sich ein übler Schmarotzer jahrelang auf Kosten der Ärmsten bereichert. Endlich ist er erledigt.

So einfach wäre der Fall, wenn der ermittelnde Staatsanwalt in Berlin jetzt nicht sagen würde: "Vielleicht muss er am Ende noch das Bundesverdienstkreuz kriegen."

Wenn einer der Sozialdemokraten, die sich mit Ehlert überworfen hatten, nicht plötzlich einräumen würde: "Er ist ein vorbildlicher Denker, fix im Kopf. Im Kern hat er recht."

Viele solcher Stimmen erheben sich mit einem Mal, und die Frage, um die sie kreisen, lautet: Kann es sein, dass ein größenwahnsinniges Arschloch mehr Gutes bewirkt hat als all die sanften Samariter unter den Sozialarbeitern?

Nachdem Harald Ehlert den Autositz endlich bezwungen hat, steigt sein Rechtsanwalt vorn in den Wagen, ein Strafverteidiger, der ihn vor Prozessen schützen soll. Hinter ihm breitet sich Ehlert aus. Er fährt die Fensterscheibe herunter, legt den rechten Arm heraus, greift nach der Thermoskanne im Fußraum und gießt sich einen Becher Kaffee ein. "Das Gute und das Schöne, das ist mein Thema", sagt Ehlert und lacht. "Ich finde, das Gute soll zum Schönen finden. Warum soll, wer Edles tut, nicht von Schönem umgeben sein?" Wo bleibe da die Logik?

"Meister, fahren Sie los", sagt er dann.

Und Meister fährt los, aus dem aufgeräumten Berliner Zentrum ins lebendige Schöneberg, wo Ehlert zu jeder Kreuzung eine Geschichte hat. Mal sagt er: "Hier machen wir Spritzentausch." Mal: "Da ist Kondomausgabe." Über der Stadt scheint ein unsichtbares Netz zu liegen. Dieses Werk will Ehlert zeigen, all die Arbeit der achtziger Jahre, der neunziger und des neuen Jahrtausends. Überall habe er die Treberhilfe wachsen lassen, einen Verein, den Ehlert ein "Sozialunternehmen" nennt, mit 260 Angestellten, in einer Stadt, in der er "einen riesigen Markt" für das Geschäft mit der Hilfe sieht.

Ehlert will das alles an einem einzigen Tag erzählen, in einer rasenden Fahrt – zu "historischen Stätten", wie er sagt. Doch um die Hast dieses Mannes zu begreifen, der sein Leben vom Auto aus besichtigen will, muss man erst einmal 30 Jahre zurückblenden. In die Zeit, in der gerade die Biografie der Christiane F. erschien: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo.